Liebesgaben aus Bremen - Johann Wolfgang Goethe und Nicolaus Meyer

Buch auf Kette
© Lissi Savin

„Sie haben uns so mancherley Gutes zugesendet für Küche und Keller, für Natur- und Kunstsammlung daß wir Ihnen allerdings viel Dank zu sagen haben.“ Diese herzlichen Dankesworte stammen von keinem Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe. Empfänger war der Bremer Arzt und Senatorensohn Nicolaus Meyer (1775-1855), der seit 1799 mit dem Dichterfürsten persönlich bekannt war und mit dem ihn über dreißig Jahre lang ein umfangreicher Briefwechsel verband.

In angenehmer Erinnerung blieb Meyer vor allem durch ganz besondere ‚Liebesgaben‘, die er seinem illustren Korrespondenzpartner aus bremischen Handelshäusern nach Weimer liefern ließ: edle Weine, Meeresfrüchte, Kunstwerke und Autographen, daneben auch aktuelle Mitteilungen über das bremische Gesellschafts- und Kulturleben. Weniger schätzte Goethe die poetischen ‚Kostproben‘, die der leidenschaftliche Gelegenheitsdichter Meyer in schöner Regelmäßigkeit seinen Präsenten beifügte. Allzu offenkundig war der Dilettantismus, der sich darin offenbarte. Und den verabscheute der größte Dichter der Deutschen grundsätzlich.

Besonders interessiert war Goethe an einer ‚Bremensie‘ ganz anderer Art, deren Kenntnis ihm Nicolaus Meyer ebenfalls vermittelte: der Gründung von Bremerhaven. Darüber liest man in den Gesprächen mit Eckermann unter dem Datum des 09. Februar 1829: „Verschaffte mir Weser-Karten, um die mitgetheilten Nachrichten über die neuen Bauten bey Geestendorf und dem Leher Hafen besser einzusehen. (...) Mittag Dr. Eckermann. Wir wurden einig wegen der Einzelheiten, wie sie zu behandeln und einzuschalten.“ Worin die „Einzelheiten eingeschaltet“ werden sollten, schien späteren Interpreten völlig klar: in den Schlußakt von Faust. Der Tragödie zweiter Teil mit der Szenerie von Fausts Landgewinnung. Und so kam es, dass die Bremer Hafenbauten zum vielsträhnigen Motivkreis von Faust Zwei zu rechnen sind – sozusagen als ‚realistische Grundierung‘ eines komplexen poetischen Bildes, wie es Fausts Schlussmonolog entwirft.

Lesetipp:

GOETHES BREMER FREUND NICOLAUS MEYER. BRIEFWECHSEL MIT GOETHE UND DEM WEIMARER KREIS | Herausgeber: Hans Kasten | BRIEFWECHSEL Schünemann | Bremen 1926 | Online verfügbar bei der Staats-und Universitätsbibliothek Bremen

Diesen Blick zurück wirft Journalist Walter Weber.

Weiterlesen:

Bremer LauschOrte: Hier spielt die Musik

Stehenbleiben und lauschen - das macht nicht nur Journalistin Imke Wrage viel zu selten. Zum Innehalten an geschichtsträchtigen Orten der Bremer Innenstadt lädt das Projekt LauschOrte ein - Bremer Literat*innen erwecken die Geschichte(n) der Stadt zum Leben. Imke Wrage hat sich auf den Weg gemacht und berichtet von ihrer Lauscherfahrung.

Film ab!: "AYNY – My Second Eye"

Zwei Brüder verlieren im Krieg ihr zu Hause. In der neuen Heimat jagen die zwei trotz aller Gefahren ihrem Traum nach, Oud zu spielen. Um dieses Instrument zu spielen, müssen sie einen hohen Preis zahlen und eins werden. "AYNY – My Second Eye" von Ahmad Saleh gewann 2016 den Studenten-Oscar als Bester Fremdsprachiger Animationsfilm und ist hier bis zum 29. Oktober 2021 zu sehen.