Buchbesprechung: "Der Fallmeister"

„Ich habe meinen Vater stets mehr gefürchtet als geliebt“, berichtet der an den Weißen Fluss heimkehrende Sohn. Er hält den Fallmeister für schuld am Unfall eines mit zwölf Menschen beladenen Langbootes, denn als Schleusenwärter trug der Vater die Verantwortung. Fünf Menschen ertranken, während der Sohn als Hydrotechniker am Amazonas am Bau eines Staudamms beteiligt war.

Wenn er sich am Beginn des Romans die archaische Kraft der Wasserfälle, die Legenden um den Schutzpatron der Flößer, den Heiligen Nepomuk, und die Kinderspiele mit der Mutter Jana und der geliebten Schwester Mira in Erinnerung ruft, entsteht das Trugbild einer vergangenen heilen Welt, in der ihm nur der Vater, „bis in die Abgründe seines Daseins ein Mann der Vergangenheit“, unberechenbar und störend erschien. Angeblich habe er sich aus schlechtem Gewissen umgebracht, doch den Sohn befallen Zweifel, als er Fragmente einer Lehmfigur findet:

Cover Der Fallmeister von Christoph Ransmayr

„Der Schöpfer dieser Lehmfigur, ein Herr über Leben und Tod, hatte sein Abbild mit einer blutroten, überwucherten Narbe versehen, einem auch im Okular eines Fernglases erkennbaren Zeichen. Kein Zweifel, was immer diese von der Strömung zerschmetterte Skulptur vortäuschen sollte, sie war das aus Lehn geformte Ebenbild meines Vaters.“

Zugleich blättern die Schichten seiner Kindheitswelt am Fluss immer mehr ab: Die Mutter wurde deportiert, denn sie kam aus der Fremde und wurde nicht länger geduldet. Die Schwester, mit der ihn eine inzestuöse Liebe verbindet, wird zum fernen Sehnsuchtsobjekt, und die vertraute Welt liegt längst in Scherben. Jahrhundertelanges Ringen um Rohstoffe und fossile Ressourcen und der steigende Meeresspiegel haben zum Krieg aller gegen alle geführt; die übrig gebliebenen Zwergstaaten und Stammesgebiete kämpfen erbittert um Energie und Wasservorräte. Der heimgekehrte Sohn, selbst Söldner verschiedener Wasserarmeen auf der ganzen Welt, macht sich auf die Suche nach den einzigen Menschen, die ihm etwas bedeuten, in der Hoffnung, sich selbst wiederzufinden. Oder auch die Welt zu begreifen.

„Was vor Äonen aus der Tiefe hochgestiegen war und an den Küsten zu wüten begonnen hatte, mußte irgendwann wieder in die Tiefe zurück. Und am Ende würde alles Land unter einem von Dampfwolken verdunkelten Himmel wieder so wüst sein und leer wie am Anfang der Zeit.“

Die Welt, die Christoph Ransmayr in seinem Roman Die letzte Welt erschuf, bestand aus Schnee und Bergen, aus Angst und Draufgängertum, während er in seinem letzten Roman Cox oder der Lauf der Zeit wortmächtig und poetisch die Kraft der Verwandlung durch Kunst ins Zentrum stellte. Die Leitmotive seines neuen Romans sind das Wasser und der Tod: Er beschwört, wie Druckverhältnisse und Strömungsgeschwindigkeiten der Flüsse und Meere wie religiöse Offenbarungen studiert wurden, und dass Wasser in allen Zeiten das lebensspendende Element blieb. Doch die Kontinente, „verbunden durch eine gemeinsame Geschichte der Grausamkeit, der Eroberung, Sklaverei und des Genozids“, werden längst von einem verbrecherischen Syndikat kontrolliert, sind entvölkert und verwüstet, und die Wissenschaft dient nur noch dem allumfassenden Krieg.

Christoph Ransmayrs Visionen dieser „Scherbenwelt“ sind zutiefst pessimistisch, und er beschreibt sie aus der lakonischen Perspektive eines Söldners, der über reiches Sprachvermögen verfügt, aber richtungslos durch die Katastrophe driftet. Dieser namenlose Ich-Erzähler zerstört, was er liebt, getrieben von seelischer Isolation und Überheblichkeit. Erst angesichts der Gräueltaten der Roten Khmer in Kambodscha kommt er ins Wanken und sieht sich gezwungen, entscheidende Fragen aufzuwerfen:

„Wie dünn, möglicherweise bloß hauchzart, war die Membran, die das Innerste eines friedlichen, Musik und Malerei und dazu Süßigkeiten, seine Kinder oder wenigstens das Vieh liebenden Menschen von einer tief in ihm kauernden Bestie trennte? Und was mußte geschehen, um diese Membran zu zerreißen, die Bestie aufzuscheuchen und einander völlig entgegengesetzte Möglichkeiten einer menschlichen Existenz wie in einem Kehrwasserwirbel ineinanderstürzen zu lassen?“

Große Fragen, doch die Reise des Protagonisten zur Schwester, zur Mutter und auch zum Hassobjekt Vater erscheint durch das Chaos um ihn herum seltsam überfrachtet. Er selbst bleibt literarisch zu blass und inkohärent, als dass man ihm seine Erkenntnisse und Taten abnimmt. Mal selbstmitleidiger Junge, mal mörderische Bestie, für die er seinen Vater hält und die – vielleicht – von ihm selbst Besitz ergriffen hat. Doch warum das so ist und wie es dazu kam, hat der Autor ausgespart – eine glaubwürdige, tragende Figur ist ihm diesmal nicht gelungen. So mündet sein Roman in leiser Wehleidigkeit, garniert mit düster-visionären Meeresbildern – und etwas Kitsch.

DER FALLMEISTER. EINE KURZE GESCHICHTE VOM TÖTEN | Christoph Ransmayr | ROMAN S. Fischer | 2021 Frankfurt am Main | 220 S. | €22,00


Lore Kleinert

verantwortete als Redakteurin und Moderatorin bei Radio Bremen Magazine und Sendungen aus dem ganzen Spektrum von Kultur und Wissenschaft und berichtete für die TAZ und andere Zeitungen. Nach zwölf Jahren als Abteilungsleiterin Kultur bei Radio Bremen arbeitet sie als freie Literaturkritikerin und Moderatorin und gehört der Leitung des globale° – Festivals für grenzüberschreitende Literatur an.

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