Die Krimibibliothek: Besuch am Ort der Verbrechen

Krimibibliothek in der Bremer Zentralbibliothek
© Stadtbibliothek Bremen

Unheimlich fesselnd

Von Imke Wrage

Die Verbrechen geschehen hinter einer schweren Holztür. Dort, mitten im Bremer Zentrum, im zweiten Obergeschoss der Zentralbibliothek, liegt die Krimibibliothek. Davon gibt es weltweit nur drei Stück – eine in Schweden, eine in Frankreich, eine in Bremen. Ein gewöhnlicher Tag im Juni, Besuch an einem ungewöhnlichen Ort.

Ich betrete den Raum für eine Erkundungstour. Die Krimibibliothek wirkt wie die Kulisse eines Harry Potter-Films oder das Büro eines alten Professors: schummriges Licht, hohe Decken, holzgetäfelte Wände; es ist ein Ort zum Abtauchen, denke ich direkt, ein Ort zum Verweilen und Verschwinden inmitten von Bücherregalen, die bis unter die Decke reichen. Ich streife an den Regalen entlang, berühre Buchrücken, lasse mich treiben durch Thriller, klassische Detektivgeschichten, historische Kriminalromane. Mehr als 4500 Bücher umgeben mich hier, ausschließlich deutschsprachig und nach 1965 erschienen, teils handsigniert, viele davon von namhaften Autor*innen und Verlagen gespendet.

Ausleihen können Besucher*innen die Bücher nicht. Sie gehören zum Präsenzbestand, was in der Krimibib passiert, bleibt in der Krimibib. Ich mag den Gedanken, dass die Bücher hier ankommen dürfen; dass sie einen Ort haben, an dem sie bleiben und vor sich hingruseln – und ab und zu Besuch empfangen. Sie haben ausreichend gesehen von der Welt, waren mal hier, mal da, das zeigen die ausgeblichenen Buchrücken, die zerschlissenen Cover. Nun reicht´s: Die Existenz als Kriminalroman ist aufreibend genug.

Mir fällt ein Buch in die Hände, das besonders mitgenommen und zerlesen aussieht: Su Winter: Der Garten der rätselhaften Tode. Kriminalerzählungen von 1987, zuletzt beherbergt in der Bibiothek in Bitterfeld. Innendrin: Kaffeeflecken, vergilbte Seiten, kleine Risse. Ich setze mich in einen roten Sessel in eine Ecke des Raumes und beginne zu lesen, das Kunstleder ist kühl, ich bin allein. Das Licht, das durch die meterhohen Fenster fällt, wirft Streifen auf Boden und Fensterbank. Von draußen höre ich dumpfe Schritte, dann ein Kratzen an der Tür. Wäre das hier der Anfang eines Krimis: Ihr wisst schon, was dann folgt.

Mehr spannende Infos zur Krimibibliothek (kurz Krimibib) gibt es auf der Webseite der  Stadtbibliothek Bremen

Aktuell ist die Krimibibliothek geschlossen.


Imke Wrage

schreibt auf ihrem Instagram-Account @pageflow über zeitgenössische Literatur. Sie hat Journalistik, Kommunikation und deutsche und tschechische Literatur in Bremen, Hamburg und Prag studiert. Nach einem Abstecher bei der Kreativagentur artundweise arbeitet sie als freie Texterin und Journalistin in Bremen. Das journalistische Handwerk hat sie u.a. beim WESER-KURIER, beim Tagesspiegel und bei der FAZ gelernt. Themen, die sie umtreiben: Feminismus, Diversität, Psychologie, soziale Ungerechtigkeit. Was sie ohne Bücher wäre? Um es mit Erich Fried zu sagen: Vielleicht nicht nichts ohne sie, aber nicht mehr viel.

Imke Wrage
© Kim Torster

Weiterlesen:

Bremer LauschOrte: Hier spielt die Musik

Stehenbleiben und lauschen - das macht nicht nur Journalistin Imke Wrage viel zu selten. Zum Innehalten an geschichtsträchtigen Orten der Bremer Innenstadt lädt das Projekt LauschOrte ein - Bremer Literat*innen erwecken die Geschichte(n) der Stadt zum Leben. Imke Wrage hat sich auf den Weg gemacht und berichtet von ihrer Lauscherfahrung.

Film ab!: "AYNY – My Second Eye"

Zwei Brüder verlieren im Krieg ihr zu Hause. In der neuen Heimat jagen die zwei trotz aller Gefahren ihrem Traum nach, Oud zu spielen. Um dieses Instrument zu spielen, müssen sie einen hohen Preis zahlen und eins werden. "AYNY – My Second Eye" von Ahmad Saleh gewann 2016 den Studenten-Oscar als Bester Fremdsprachiger Animationsfilm und ist hier bis zum 29. Oktober 2021 zu sehen.