Lesetipp aus der Redaktion: "Das Verschwinden des Josef Mengele"

Das Verschwinden des Josef Mengele

Am 22. Juni 1949 erreicht die North King den Rio de la Plata in Argentinien. An Bord ist auch Josef Mengele, bis zum Ende des Dritten Reiches Lagerarzt im Konzentrationslager Auschwitz. Während Mengele in Europa gesucht wird, wartet in Südamerika ein neues Leben auf ihn: „Hier in Argentinien haben Sie nichts zu befürchten. Im Land der Geflohenen existiert die Vergangenheit nicht“, (S. 31) heißt es. Und doch: Die Vergangenheit spielt für die Nationalsozialisten im südamerikanischen Exil eine große Rolle. In der Hoffnung auf ein Viertes Reich schwimmt man in Pools mit Hakenkreuz-Fliesen, knüpft Verbindungen, hält Kontakte in die alte Heimat… 

In ihrer Graphic Novel Das Verschwinden des Josef Mengele orientieren sich Alexis Nolent, genannt Matz, und Jörg Mailliet an der Romanvorlage von Olivier Guez. Dass die Adaption „ganz große Klasse“ ist, bestätigt der Romanautor immerhin schon im Vorwort. Tatsächlich gelingt es dem Comic, spannungsgeladen von der Jagd nach dem gesuchten Arzt zu erzählen, und in großen Bildern auch dessen Angst vor der Entdeckung einzufangen. Gerade da, wo die Graphic Novel auf viele Worte verzichtet, und sich den Mimiken der gezeichneten Figuren und den Stimmungen hingibt, liegt ihre große Stärke.

Die Zeichnungen sind hauptsächlich in Sepiatönen gestaltet, fast als würde man in alte Fotos eintauchen. Die Figuren wirken fast skizzenhaft und sind doch ausdrucksstark gezeichnet. Nur manchmal fällt es schwer, sie voneinander zu unterscheiden. Doch die Szenerie, die in einigen Panels sehr detailliert herausgearbeitet ist, macht das wieder wett. Fast wähnt man sich beim Lesen selbst an einem See in Paraguay oder an einem Strand in Brasilien. Und auch beklemmende Blicke in Mengeles Zeit in Auschwitz und die Experimente, die er dort an Zwillingen durchführte, werden gewährt.

Letztlich ändert sich die Stimmung. Auch wenn Mengele und seine Freunde zuerst noch Hoffnung hegen, als in Deutschland zunehmend ehemalige NS-Offiziere in hohen Positionen eingesetzt werden, werden sie doch bald enttäuscht: Ermittler sind ihnen auf der Spur und in Argentinien endet mit der Peron-Ära das unbeschwerte Leben für die NS-Verbrecher. Immer weniger Rückzugsorte bleiben in Südamerika bestehen und doch kann Mengele bis zu seinem Tod durch Ertrinken 1979 unentdeckt bleiben. Von der verbissenen Jagd nach ihm erzählt eindrucksvoll diese Graphic Novel.

DAS VERSCHWINDEN DES JOSEF MENGELE NACH DEM ROMAN VON OLIVIER GUEZ | Matz & Jörg Mailliet | Übersetzung: Werner Kügler | GRAPHIC NOVEL Knesebeck Verlag | München 2023 | 192 S. | €25,00

Annika Depping

ist seit einem Praktikum im Sommer 2014 im Team des Literaturhauses Bremen. Inzwischen leitet sie die Textredaktion des Literaturmagazins, organisiert das Kinderlesefestival Galaxie der Bücher und andere Projekte. Für das Literaturhaus ist sie außerdem Teil der Jury zur Vergabe des Bremer Autor*innenstipendiums. Sie hat in Bremen Germanistik mit Schwerpunkt Literaturwissenschaften studiert und liest am liebsten in ihrem Schrebergarten, wenn ihre Kinder ihr dazu die Zeit lassen. Über ihre Leseeindrücke schreibt sie auch im Online-Magazin Bücherstadt Magazin.

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Foto von Annika Depping
© Lissi Savin

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