Lesetipp aus der Redaktion: Jens Laloire empfiehlt

Jens Laloire

Geschäftsführer des Bremer Literaturkontors

Der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer ist dafür bekannt, Geschichten vom Rande der Gesellschaft zu erzählen. Ob Arbeitslose, Prostituierte oder Kleinkriminelle, gerne rückt Meyer Menschen ins Rampenlicht, die sonst oft im Schatten verborgen bleiben. Meisterhaft gelang ihm dies vor allem in seinem Roman Im Stein, der 2014 mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde, aber auch in seinem Debüt Als wir träumten und in zwei Erzählungsbänden. Zuletzt ist im vergangenen Herbst unter dem Titel Stäube ein schmales Buch mit drei Erzählungen erschienen, in denen der 44-Jährige erneut die Randzonen unserer Gesellschaft erkundet.

Die drei kurzen Erzählungen sind alle in der Bergbauregion Ostdeutschlands angesiedelt, ohne dass Orte tatsächlich benannt werden. In der ersten Geschichte kehrt ein Sohn heim in die vom Tagebau zerstörte Landschaft, um seine Mutter zu überzeugen, endlich fortziehen. Doch obwohl fast alle anderen weg und die Nachbardörfer der Braunkohle gewichen sind, will sie bleiben.

In der zweiten Erzählung tauchen wir mit einem Bergmann in seine Erinnerungen und die Tiefen und Mythen des Untertagebaus ein, während in der dritten eine Teenagerin davon erzählt, wie sie in einem ausländerfeindlichen Umfeld für einen jugoslawischen Jungen schwärmt und amerikanische Touristen für Geld zu einem explodierten Haus führt. In diesem Haus hätten zwei Männer und eine Frau gewohnt, die „Waffen hatten und mit den Waffen durchs Land reisten, in andere Städte reisten, weit weg, und den Tod dorthin brachten“. Dass es hier um die rechtsextreme Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) geht, scheint offensichtlich, dennoch verzichtet Meyer auf konkrete Benennungen. Dieser Verzicht passt zu Meyers Methode, in seinen Geschichten stellenweise die Grenzen zwischen Realität, Fiktion und Traum geschickt zu verwischen. Immer wieder verwebt sich die eigentliche Handlung mit Erinnerungs- und Traumbildern, was den Storys etwas Zeitloses sowie eine zarte, zuweilen gar mystische Note verleiht.

Ergänzt werden die drei Erzählungen von Fotografien der Bergbauregion und einem Essay (Wozu Literatur), in dem Meyer durch seine ganz persönliche Literaturgeschichte streift. Das alles ergibt ein zwar kleines, aber äußerst feines und sehr lesenswertes Büchlein, in dem Meyer sich einmal mehr als empathischer Erzähler und exzellenter Beobachter zeigt. 

STÄUBE. DREI ERZÄHLUNGEN UND EIN NACHSATZ | Clemens Meyer | Mit 16 fotografischen Bildern von Bertram Kober | ERZÄHLUNGEN Faber & Faber | Berlin 2021 | 128 S. | € 22,00


Jens Laloire

ist Moderator, Dozent und Autor sowie seit 2019 Geschäftsführer des Bremer Literaturkontors. Außerdem gehört er zum Team unserer Redaktion, die hier regelmäßig Lesetipps gibt. Darüber hinaus betreibt er den Blog Die Tanztendenz des Geistes, auf dem er neben Buchbesprechungen auch literarische Schnipsel und Miniaturen veröffentlicht. Mehr dazu findet man auf Instagram unter @la_loire. Am 28. April moderiert er die Lesung mit Clemens Meyer im Rahmen unserer neuen Lesereihe Satzwende.

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Porträt von Jens Laloire
© Rike Oehlerking

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