Lesetipp: Henrieke Homburg empfiehlt

Cover von Darling Days von iO Tillett Wright

Eine Coming of Age Story, erzählt ebenso schonungslos wie feinfühlig, poetisch wie ehrlich, rau wie verletzlich. In seiner Autobiographie Darling Days berichtet iO Tillett Wright über seine Kindheit und Jugend im New Yorker East Village der 1980er und 90er Jahre. Von prekären Verhältnissen, der Unzuverlässigkeit der Eltern, einem abwesenden Vater, den Stimmungsschwankungen der Mutter. Von Einsamkeit und Hunger. Von der Erforschung der eigenen Identität und Queerness im Chaos des „wilden New York“.

So zeichnet sich der Text nicht nur durch die Unmittelbarkeit der Sprache, sondern auch die Vielzahl an Perspektiven und ineinander verwobenen Themen aus. Die Erzählung wird zu einem eindringlichen Bericht über die gesellschaftlichen Verhältnisse im Village der 80er, bevölkert von Künstler*innen, Performer*innen und der Drag Szene. Tillett Wright beschreibt das Aufwachsen in diesen unvergleichlichen Umständen realistisch, ohne zu romantisieren. Gleichzeitig lässt er die Leser*innen ganz nah an die eigene Geschichte heran, sowohl durch den sehr persönlichen Ton als auch durch zahlreiche beigefügte Fotos.

Um es mit den Worten des Autors zu sagen: “the book kind of accidentally covers the story of a transgender person“. Und genau dieser Umstand ist es, der die Auseinandersetzung mit eben dieser Thematik so spannend macht. Als iO mit sechs Jahren ein Junge sein will, erfährt er keine unmittelbare Skepsis oder Nachfragen. Es ist einfach so. Gleichzeitig steht er mit den Fragen und Sorgen, die sich spätestens beim ersten Verliebtsein ergeben, aber eher allein da. Die Erfahrungen, die er so sammelt, verdeutlichen einmal mehr die Schönheiten wie auch Schattenseiten des Umfeldes, in dem er aufwächst. Ein Buch über die Kraft kultureller Identität, über die Normen, die uns formen, und den Mut, ihre Grenzen zu hinterfragen.

DARLING DAYS. MEIN LEBEN ZWISCHEN DEN GESCHLECHTERN | iO Tillet Wright | Übersetzung: Clara Drechsler, Harald Hellmann | AUTOBIOGRAPHIE Suhrkamp | Berlin 2017 | 436 S. | €15,95


Henrieke Homburg

wurde 1996 in Westfalen geboren und kam 2019 nach Bremen, um nach ihrem Kunst- und Philosophiestudium den Master Transnationale Literatur, Theater und Film zu absolvieren. Ihr Fokus liegt dabei thematisch vor allem auf medien- und genreübergreifenden Inhalten und Arbeitsweisen sowie dem Verhältnis von Dokumentation und Fiktion. Seit 2020 ist sie als Autorin Teil des Projekts blogsatz.

blogsatz entsteht in Kooperation zwischen dem virtuellen Literaturhaus Bremen und dem Master Transnationale Literaturwissenschaft – Literatur, Theater, Film der Universität Bremen. Auf diesem Bücherblog stellen die Student*innen ihre persönliche, höchst subjektive Crème de la Crème des Literaturgeschehens vor.

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Porträt von Henrieke Homburg
© privat

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