Satzwende: Berit Glanz (2/2)

Kompass auf einem Handy
© Rike Oehlerking

Und die Moral von der Geschicht'? II

Welche Rollen kann die Literatur bei der Aushandlung unserer postdigitalen Moralvorstellungen in der Gegenwart spielen? Literatur und Moral sind schon immer eng miteinander verbunden, immerhin werden in der Literatur anhand von Figuren und ihren Handlungen permanent Fragen nach unseren Wertvorstellungen ausgehandelt. Die Fiktion war und ist immer auch ein geschützter Raum, in dem moralische Dilemmata durchgespielt werden können. Literarische Figuren können stellvertretend für die Leserinnen und Leser schwierige ethische Entscheidungen ausprobieren und im Verlauf der Erzählung können so Werte neu verhandelt und Veränderungen ausprobiert werden.

Da sich die Aushandlung unserer Moralvorstellungen durch das Internet und die sozialen Medien verändert hat, muss sich auch die Gegenwartsliteratur verändern, wenn sie weiterhin ein relevanter Raum für zentrale Fragen unseres Zusammenlebens sein möchte. Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen sollten nicht aus dem Feld der Gegenwartsliteratur ausgeschlossen werden. Denn durch sie sind in den letzten Jahren neue Themen entstanden, die für eine engagierte Literatur, die sich unserer Gegenwart weder inhaltlich noch formal entzieht, ausgesprochen produktiv sein können. Vielleicht würde eine Literatur, die sich den Entwicklungen im Internet gegenüber nicht versperrt, auch dazu beitragen, den etwas angestaubten Begriff der Moral in die Aktualität zu überführen. Denn die Frage, wie wir miteinander leben wollen und welche Regeln für uns als Menschen gelten, lässt sich an wenigen Orten so produktiv und gewinnbringend aushandeln wie in der Welt der Fiktion.


Portrait-Foto der Autorin Berit Glanz
© privat

Berit Glanz

ist Autorin, Essayistin und Literaturwissenschaftlerin. Sie hat in München, Stockholm und Reykjavík studiert und war danach wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Skandinavische Literaturen der Universität Greifswald. Ihr Romandebüt Pixeltänzer erschien 2019 im Schöffling Verlag und wurde unter Anderem mit dem Hebbel-Preis 2020 ausgezeichnet. 2020 erschien ihr erster Gedichtband Partikel bei Reinecke & Voss. Im selben Jahr erhielt sie die Bremer Netzresidenz mit dem Lyrikprojekt Nature Writing / Machine Writing. Ihr zweiter Roman Automaton ist im Frühjahr 2022 im Berlin Verlag erschienen. Sie ist Redaktionsmitglied des digitalen Feuilletons 54books und verfasst regelmäßig den Memekultur-Newsletter Phoneurie.

Zur Bremer Netzresidenz von Berit Glanz

Zum Literaturhaus-Podcast mit Berit Glanz

Weiterlesen:

Bremer Literaturpreis 2024

Ganz frisch bekanntgegeben: Theresa Präauer erhält im Januar den von der Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung verliehenen Bremer Literaturpreis 2024 für ihren Roman "Kochen im falschen Jahrhundert" (Wallstein 2023). Katharina Mevissen wird für den Roman "Mutters Stimmbruch" (Wagenbach 2023) mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis ausgezeichnet.