Satzwende: Kim de l'Horizon

Nagellack auf Tastatur
© Rike Oehlerking

Zukunft

Vielleicht befürchten Sie es schon (oder auch nicht, aber): I didn't come to play by the rules. Aber niemensch scheint mehr Bock auf die zu haben. Und trotzdem folgen die allermeisten. Aber welchen Regeln eigentlich? Für welches Spiel? Und wo putzen sich die Regeln eigentlich ihre fiesen Zähnchen? Fragen über Fragen. Klar ist nur: Die Regeln sind da, und wir befolgen sie. Zum Beispiel, dass dieser Text Ihnen etwas über Zukunft erzählen soll. Dass wenn da ZUKUNFT drauf steht, ZUKUNFT da drin weht. Aber wissen Sie was? Vielleicht hab ich keinen Bock da drauf. Weil wissen Sie was? Vielleicht hab ich keine Zeit für Zukunft. Vielleicht habe ich so wenig Gegenwart, dass ich keine Zeit hab für "things, that may not yet have come to pass", Zitat Galadriel. Ja, diese Dinge, die noch nicht geschehen sein mögen pff. Und vielleicht kann es sein, dass ich einfach müde bin. Auch schon mal gehabt? Dieses Gefühl davon, dass die Gegenwart viel zu schwer ist, die Zukunft eher eine Drohung, und von der Vergangenheit, dieser Saftpresse, da wollen wir lieber nicht gar nicht. Jaja, die Müdigkeit, Nymphe des Zuvielnetflix, Bastardin der Erzählung, dass alles besser ginge mit mehr Selbstdisziplin. Wenn sogar der Schlaf müde macht. Weil die Hochbeete des Wohlstands so viel Jätung brauchen, so viel mehr Entunkrautung als so'n müder Waldboden. Ja, vielleicht ist das unsere Zukunft: die Müdigkeit. Die Strassenmüdigkeit, die Zahlenmüdigkeit, die Müdigkeit des Wachsamseins. Also das wäre die Zukunft, wenn wir uns eben an die Regeln halten, die da sind: mehr arbeiten und weniger Lohn.


Mirko, mein Informatikerfreund, fühlte sich letzthin dazu verpflichtet, mich auf eine Zukunft aufmerksam zu machen, der ich mich gerne verweigere: diese Maschinen und so. Das kommt ja jetzt. Also es ist schon geschehen, es ist nur noch von vielen Leuten wie mir erfolgreich bestritten worden. Der Mirko, der macht so Coding und so, und der sagte, dass er lange geglaubt habe, dass sein Job einer der letzten ist, der von Künstlichen Intelligenzen ersetzt werden könne. Das arrogante Karnickel. Nur, weil er mehr vom Wandel versteht, meint er, er sei davor gefeit. Wir denken doch alle: Jaja, die anderen Jobs werden wegrationalisiert, aber meiner, der ist ja ein bisschen zu sozial / kreativ / schwierig / besonders, das können die Maschinen nicht. Das ist wie mit dem Lotto. Irgendwie wissen wir, dass niemensch gewinnen kann, aber vielleicht ich schon, weil ich bin ja insgeheim ein bisschen besonderer als andere.

Auf jeden Fall meinte der Mirko, dass die Programme langsam saugut sind im Programmieren. Es wird viel weniger Informatiker*innen brauchen in Zukunft, weil die Maschinen werden die elegantesten und schlänksten Codes schreiben und nur noch ein Menschenfinger brauchen, der "auswählt", bzw. ja sagt, bzw. die folgende Taste drückt: ENTER. ENTER. ENTER. So und da sind wir jetzt. Noch nicht ganz, aber eigentlich schon. Und ich denke natürlich: ABER DAS KREATIVE SCHREIBEN! Das ist doch ein wenig besonderer als andere Tätigkeiten. Weil es eben besondererer ist als anderes. Aber wahrscheinlich eventuell sicherlich vermutlich gibt es Maschinen, die –


Kommen wir zur eigentlichen Frage. Die ist nicht: Wird mein Job ersetzt werden? Sondern: Werden wir politische Lösungen finden, die Existenz nicht an Gelderwerb koppeln. Also "wir". Werden die Politiker*innen. Und Wirtschaftsmenschen. Werden die uns Geld anders zukommen lassen, als durch Lohnarbeit? Denn die verschwindet. Ausser Care-Jobs, aber das will ja kein Normaler machen, ausser diese Flüchtlinge und Frauen und Queers. Wir werden also knapp 200 Jahre zurückkatapultiert. You remember: Frühindustrialisierung, Fabrikarbeit, Marx. Geld macht nur, wer die Produktionsmittel besitzt. Das heisst heute die, die Programmlizenzen besitzen, Mikrochips machen etc., das weisst du besser als ich. Alora. Weil ich sonst so sauschlechte Launa habe, stell ich mir jetzt vor, dass wir überall auf der Welt ein bedingungsloses Grundeinkommen kriegen. Und ich hexe uns allen den Leistungszwang aus den Zellen. Und dann ist unsere Zukunft nicht: Scheisse, was mach ich, wenn ich keinen Job mehr habe, ich werde ja ganz nutzlos. Sondern die Frage ist dann: Wie gestalte ich am lustvollsten und sinnvollsten meine Zeit. Ich beispielsweise hab gerade Bock meine*r Mitbewohner*in die Nägel zu lackieren, weil ich das schon so lange versprochen hab (und nie Zeit). Jo, kommst du mal? Jooo? Ich hab endlich Zeit, dir die Nägel zu lackieren! Ja, weil ich schon in der Zukunft sitze, und nicht mehr Kolumnen schreiben muss, das macht mir jetzt dieses neue Programm X3-textme.

So lieber dies lesender Mensch. Ich verabschiede mich an dieser Stelle. Ich fülle auch nicht die mir aufgetragenen 5'000 Zeichen auf. Denn das soll unsere Zukunft sein: Weniger arbeiten, mehr sozial, mehr fun. Jo, hättest du lieber "Hidden Jungle", "Metallic Mermaid" oder "Artdeco"?

Porträt von Kim de l'Horizon
© Anne Morgenstern

Kim de l'Horizon

wurde 2666 auf Gethen geboren. Vor Blutbuch versuchte Kim mit Nachwuchspreisen attention zu erringen – u. a. mit dem Textstreich-Wettbewerb für ungeschriebene Lyrik und dem Damenprozessor. Heute hat Kim genug vom ICH, studiert Hexerei bei Starhawk und textet kollektiv im Magazin DELIRIUM. Blutbuch wurde 2022 sehr verdientmit den höchsten Literaturpreisen ausgezeichnet, zählt er doch zu den inhaltlich und stilistisch spannendsten Neuerscheinungen der letzten Jahre. Die experimentelle Familiengeschichte, aus der Sicht einer nonbinären Person erzählt, bricht nicht nur gesellschaftliche, sondern auch erzählerische Normen auf. Kim de l'Horizon macht sich, adressiert an die Großmutter, auf die Suche nach anderen Arten von Wissen, Überlieferung und Ichwerdung, um sich von Dingen zu befreien, die ungefragt weitergetragen werden.

Zum Autor*innenprofil von Kim de l'Horizon

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