Umgeblättert: Chilpancingo I

Hand blättert um
© Rike Oehlerking

Sie sitzen am Küchentisch in Sofies Wohnung, während es draußen zu regnen beginnt. Eben hat Sofie Maara vom Flughafen abgeholt. Sie sind mit dem Taxi einmal quer durch die Stadt gefahren, durch diese riesige Stadt, die jetzt auch Sofies Stadt ist.

Maara ist zum ersten Mal in Mexiko. Sie möchte gerne an den Strand. Ihr zuliebe schaut Sofie nach Bussen, die am nächsten Tag nach Acapulco fahren. Sie fragt Maara, ob es ihr nach dem langen Flug nicht zu anstrengend ist, schon wieder fünf Stunden im Bus zu sitzen, dabei weiß sie schon, dass Maara das verneinen wird. In den mittlerweile zwanzig Jahren, die beide sich kennen, hat Maara das, was sie sich vornahm, stets in die Tat umgesetzt und sei es unter Qualen.

„Ich bin nur so kurz hier, es soll sich doch auch lohnen“, sagt sie.

Sofie weiß, dass sie ihr nicht mit Museen und Architektur kommen kann. Man könnte vier Wochen nur mit dieser Stadt füllen, denkt sie, sagt es aber nicht. Weil sie sich in der Pflicht der Gastgeberin spürt, bucht sie den Bus.


Sie gehen früh schlafen, teilen das Doppelbett, so wie früher. Sofie liegt wach, während Maara längst schläft. Jetlag, denkt Sofie. In Deutschland ist es 5 Uhr morgens. Sofie liegt mit dem Gesicht zu Wand, kann sich kaum bewegen, geschweige denn von der einen Seite auf die andere drehen.

Am Morgen dringen Motorengeräusche vermischt mit den Rufen des Elektrowarenhändlers in das kleine Zimmer. Jeden Morgen läuft er an ihrem Fenster vorbei, schiebt seinen Karren mit den alten Maschinen vor sich her. Maara ist schon wach und tippt eine SMS nach der anderen in ihr Handy.

Sofie schlurft in die Küche, erhitzt den Comal und legt zwei Tortillas darauf. Sie zieht den Käse auseinander und legt ihn in kleinen Portionen auf die Fladen. Wie man Quesadillas macht, hat Clara ihr beigebracht. Man muss den Käse ganz am Anfang schon drauf machen, sonst wird die Tortilla hart und man kann sie nicht mehr biegen. Es riecht nach gebackenem Mais, die Tortillas färben sich bräunlich, der Käse wird flüssig.

Der Erste-Klasse-Bus trägt den Namen Estrella de Oro. Maara und Sofie setzen sich ganz nach vorne, so wie früher, wenn es auf Klassenfahrt ging, weil Sofie auf Busfahrten immer schlecht wurde. Maara ist aufgedreht. Während der Bus sich langsam füllt, kommentiert sie alles. Die Kleidung und das Verhalten der anderen Passagiere, die Ausstattung des Busses, das enganliegende Hemd des Busfahrers. Sofie ist es unangenehm, auch wenn wahrscheinlich niemand ihre Unterhaltung verstehen kann. Durch ihr eigenes Schweigen versucht sie, Maara zum Schweigen zu bringen.

Pünktlich um zehn verlassen sie México D.F. Sofie schaut demonstrativ aus dem Fenster. Der Bus fährt über Tlalpan auf die Autopista del Sol, in Richtung Cuernavaca. Cuernavaca, das Wochenenddomizil wohlhabender Hauptstädter, aber auch das Erholungsbad der Drogenbosse, so sagt man.

Dann klappen Monitore aus der Busdecke, ein Hollywood- Horrorfilm beginnt. Maara klappt ihren Sitz zurück und widmet sich demonstrativ ihrem Handy.


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Leyla Bektaş

Die insgesamt drei Folgen der Umgeblättert-Texte stammen von der Bremer Autorin Leyla Bektaş. Sie wurde 1988 in Achim geboren und ist in Bremen aufgewachsen. In Köln, Bordeaux und Mexiko-Stadt studierte sie Romanistik, später Literarisches Schreiben in Leipzig. Sie arbeitete als Dozentin für spanischsprachige Literatur an der Universität Köln und lebt seit 2019 mit ihrem Mann und Sohn wieder in Bremen. Leyla Bektaş schreibt Prosa und Essayistisches und veröffentlichte Kurzgeschichten in Zeitschriften und Anthologien. Seit 2017 arbeitet sie an ihrem Familienroman und interviewt dafür Familienmitglieder und recherchiert innerhalb ihrer deutsch-türkischen Familie. Dafür erhielt sie das Bremer Autor*innenstipendium 2020.

Leyla Bektas
© Janina Bunk

Textauszug für das Autor*innenstipendium

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Leyla Bektaş hat für die Arbeit an ihrem Familienroman das Bremer Autor*innenstipendium 2020 erhalten. In Chilpancingo nimmt sie uns mit nach Mexiko.