(…) Isa hat einmal von dieser Frau gelesen, eine Ehefrau und Mutter von wer weiß wie vielen Kindern, die immer zufrieden und glücklich schien. Jeden Morgen ist sie mit dem Zug in den Nachbarort zur Arbeit gefahren und am Nachmittag wieder nach Hause. Da hat sie gekocht und geputzt und Hausaufgaben abgefragt und ihren Ehemann mit einem Kuss begrüßt, und einem Kaffee und abends haben sie Fernsehen geschaut, ohne große Ausreißer im Gefühlsleben.
Dann, an diesem einen Morgen, fuhr wegen einer Störung auf ihrem Gleis nicht der Zug nach Castrop-Rauxel, sondern der nach Venedig. Und sie ist eingestiegen. Nicht aus Versehen, dann wäre sie ja an der nächsten Station wieder ausgestiegen, oder hätte zumindest mit einer gewissen Dringlichkeit ihre Arbeit angerufen oder ihren Mann und gesagt: Keine Sorge, ich komme nur später, aber das hat sie nicht getan. Sie hatte nur ihre Handtasche dabei, ihr Pausenbrot, ihr Portemonnaie und vielleicht einen Lippenpflegestift.
Und dann ist sie für drei Monate nicht mehr wiedergekommen.
Nach zwei Wochen hat sie eine Postkarte geschickt, dass es ihr gutgeht. Auf dem Bild waren Gondeln. Eine Absenderadresse gab es nicht.
Ihre Familie war verstört, die Kommentare unter den vielen Berichten noch verstörter, wie kann sie nur, und was soll denn das und die armen Kinder und der arme Mann erst, und jetzt geht’s ja wohl los hier.
Als Isa das las, hat sie gedacht: das ist gut. Sie hat sich genau vorstellen können, wie sie einsteigt, sich körperlich immer weiter von ihrem eigenen Leben entfernt und mit jedem Rattern der eisernen Räder etwas von ihr auf den Schienen liegen bleibt, bis sie ankommt und ganz frisch und neu und gar nicht mehr sie selber ist.
Wenn eines Glück hat, bleibt damit auch alles Schwere zurück und es rettet sich nur die Seele herüber. Die Seele ist leicht, an der hängen keine klebrigen Kinderhände und Aufträge und Wäscheberge und Bedürfnisse anderer Menschen.
Nach drei Monaten war diese Frau plötzlich wieder da, ging zur Arbeit, kochte und putzte, kontrollierte die Hausaufgaben und machte Kaffee, wenn ihr Mann nach Hause kam.
Isa denkt oft an diese Frau. Manchmal wünscht sie sich, sie hätte noch einen Mann und eine Familie, die sie für drei Monate verlassen könnte, einfach um ein Zeichen zu setzen.
Manchmal bewundert sie diese Frau.
Manchmal ist sie ihr böse, dass sie wiedergekommen ist.
(…)
Corinna Gerhards
ist 1977 in Bremen geboren. Nach Ausbildungen zur Tischlergesellin und im Restaurantfach hat sie in verschiedenen Berufsfeldern von Projektleitung in der Marktforschung bis zur eigenen Kinderboutique gearbeitet. In ihrer akademischen Ausbildung der Germanistik und Kulturwissenschaften hat sich Corinna Gerhards immer mehr auf das Schreiben konzentriert und ist bereits seit vielen Jahren im Journalismus tätig. Neben zahlreichen Prosa-Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, kam ihr philosophisches Kinderbuch Mondläufer 2011 auf den Markt. 2013/14 war sie Dozentin für kreatives Schreiben an der Universität Bremen. Nach einer Ausbildung zur Drehbuchautorin 2012 ist sie verstärkt in diesem Bereich tätig.