Es ist ein ganz gewöhnlicher Mittwoch im Bremer Viertel. Ich laufe vorbei an Menschen, die zu dieser merkwürdigen Übergangszeit vom Nachmittag in den Abend unterwegs sind – einige trinken noch gemütlich ihren letzten Cappuccino, während andere schon das zweite Haake Beck in der Hand halten – und steuere aufs Lagerhaus zu.
An die Fassade des urigen Kulturzentrums gelehnt, stehen schon einige der Hauptakteur*innen des heutigen Abends und plaudern ganz entspannt vor sich hin. Aber in spätestens einer Stunde werden sie sich in ausdrucksstarken Wortgefechten gegenübertreten – denn heute besuche ich keine beschauliche Lesung, sondern DEN Wettkampf der Bremer Poetry Slam Szene. Es geht um den Vorentscheid des Slamovision 2026, eines internationalen Wettbewerbs für Slammer*innen aus den verschiedenen UNESCO Cities of Literature. Dieses Jahr findet das ganze in Iowa City in den USA statt, der Heimatstadt des letzten Gewinners.
Als ich den bodenlangen Vorhang zum Saal zur Seite schlage, empfängt mich direkt eine dunkle, warme Gemütlichkeit. Gedimmtes, oranges Licht scheint auf die samtbezogenen Sitze vor der Bühne, riesige Vorhänge säumen die Wände, ein alter Backsteinboden und niedrige Decken umrahmen diese Szene.
Ich bin etwas zu früh hier und kann mich deshalb direkt vor der Bühne an einen kleinen Tisch setzen. Aus den Lautsprechern dudelt rhythmisch deutscher Lyrik-Pop, als sich nach und nach der Raum füllt. Das Publikum wirkt relativ jung und sorgt für einen beschaulichen Trubel, während alle noch durcheinander reden und sich einen Platz suchen. Mein letzter Poetry Slam liegt schon eine Weile zurück und ich merke, wie zunehmend Vorfreude in mir aufsteigt. Auf der Bühne zeigt eine große Leinwand schon, worum es gleich gehen wird: In bunten Lettern lese ich Slamovision Vorentscheid 2026. Die seitlichen Scheinwerfer beleuchten ein großes, freistehendes Mikrofon, das sich Helmut Plaß nun entschlossen greift, um den Abend einzuleiten – er trägt einen schicken, dunkelblauen Anzug zu einem herzlichen Lächeln. Helmut ist nicht nur einer der Hauptorganisator*innen und Co-Moderator des heutigen Abends, sondern auch Mitbegründer des Slam Bremen.
Doch bevor es mit dem eigentlichen Contest losgeht, wird erstmal Eva Matz anmoderiert. Sie ist die Stargästin des heutigen Abends, sozusagen die Intendantin – oder, wie Helmut es so schön sagt, „die gute Seele“ – des Slam Bremen, den sie etliche Male moderiert oder mit eigenen Texten mitgestaltet hat. Ganz entspannt steht sie auf der Bühne, als hätte sie nie etwas anderes getan. Als sie ihren ersten Text Radix beginnt, verändert sich ihre Stimme zu einem melodischen Singsang. Ihr Blick ist abwechselnd fokussiert auf die Blättersammlung vor sich oder fast schon eindringlich ins Publikum gerichtet, während ihre Gesichtszüge scheinbar bei jeder Betonung mitgehen, um ihre Performance zu untermalen. Es ist mucksmäuschenstill im Saal.
Evas sehr feministischer Start würdigt die Bremer Künstlerin Paula Modersohn-Becker. Er handelt von ihrem kurzen Leben, ihrer Kunst, ihrer Wut und ihrem ewigen Wunsch nach Freiheit – in einer Welt, die nicht für kämpferische Frauen gemacht war. Jedes Wort zieht mich mehr und mehr mit, und in mir macht sich eine zunehmende Begeisterung breit.
In einem zweiten Text teilt Eva dann sehr ehrlich ihre Gedanken, Ängste, Hoffnungen zu ihrer Schwangerschaft. Kann sie eine gute Mutter sein, ohne sich selbst aufzugeben? Oder wird das nicht sogar von ihr erwartet? Und macht sie der Wunsch, das verhindern zu wollen, automatisch zu einer schlechten Mutter?
Aus meiner anfänglichen Begeisterung wird nun pure Bewunderung. Wie schafft sie es, etwas so Nahbares und Verletzliches zu schreiben und dann den Mut aufzubringen, all das direkt einem so großen Publikum zu präsentieren? Gleichzeitig bin ich von ihrem sprachlichen Ausdruck beeindruckt, denn es gehört Einiges dazu, so gekonnt mit Reimen zu jonglieren und ihre Message mit einer solchen Bandbreite rhetorischer Mittel zu verweben. Als sie nach ihrem dritten Text endet, bricht großer Applaus aus und ich kann förmlich spüren, wie angetan die anderen Zuschauenden gerade ebenfalls sind. Eva wiederum steht einfach da und strahlt in die Runde.
Nun geht’s aber ans Eingemachte: Helmut kommt wieder auf die Bühne – diesmal gemeinsam mit Janin Rominger, einer meiner lieben Kolleginnen aus dem Literaturhaus. Die beiden erklären uns, dass wir als Publikum eine größere Rolle spielen werden – denn wir sind heute die Jury, die entscheidet, wer diesen Contest gewinnen und somit Bremen beim internationalen Slamovision vertreten darf. Das Ganze ist ans ESC-System angelehnt, somit kann jede*r Zuschauende 100 Punkte über ein Mentimeter vergeben, die es beliebig auf die Slammenden zu verteilen gilt.
Es treten nach und nach acht wirklich unterschiedliche Künstler*innen auf. Jeder und jede hat einen ganz eigenen Stil zu schreiben und auch vorzutragen – einige wirken noch etwas nervöser, während andere wiederum sehr souverän und geübt direkt in ihren Flow kommen. Insgesamt bin ich aber von vielen Performances begeistert. Und ich freue mich sehr, damit nicht die einzige, sondern Teil eines mitfiebernden Publikums zu sein, das sehr empfänglich scheint und großzügig Applaus verteilt. Die Slammer*innen wiederum offenbaren teils wirklich mutig ihre innersten Gedanken oder teilen einfach, was sie bewegt, und das auf eine wirklich schöne, wortgewandte Weise. Sie erzählen von Liebe, Verlust, Flucht und Krieg, von unterdrückten Frauenrechten und verschwundenen Vaterfiguren, von großen Emotionen, Schmerz und trotzdem auch von Hoffnung. Und wie vorher bei Eva bin ich wieder wirklich beeindruckt von der Courage der Slammer*innen, mit einem selbstverfassten Text einfach auf die Bühne zu treten und das eigene Werk einem größeren Publikum offenzulegen.
Obwohl ich allen Performances etwas abgewinnen kann, überzeugt mich besonders Dilara Yükseks Text. Sie schreibt in Vater Morgana über den Vater, der nie eine tragende Rolle im Leben der Erzählerin spielen wollte und eine Leere hinterließ, die sie selbst füllen musste. Ihre Worte berühren mich wirklich, machen mich traurig und irgendwie auch wütend. Aber vor allem bin ich begeistert von der Ehrlichkeit und Verletzlichkeit, von dem Schmerz und der Kraft, für die Dilara so wunderbar poetische Worte gefunden hat.
Nach dieser Achterbahn der Gefühle folgt nun endlich die Abstimmung des Publikums. Es ist wirklich spannend, Teil des Ganzen zu sein, trotzdem fällt es mir gar nicht so leicht, meine Punkte zu vergeben. Als endlich alle 75 ihre Stimme abgegeben haben, kommen die Slammer*innen zur Sieger*innenehrung auf die Bühne. Und gewonnen hat …
„Dilara Yüksek!“, rufen Eva und Janin gemeinsam.
Wieder bricht tosender Applaus aus, Dilara nimmt offensichtlich sehr gerührt ihre Urkunde entgegen und gibt sogar noch eine Zugabe. Gemeinsam mit der Menge applaudiere ich und kann mich nur aufrichtig für Dilara freuen, denn diesen Sieg hat sie sich wirklich verdient! Aber auch Sadaf Zahedi und Hauke Schrade, auf dem zweiten bzw. dritten Platz, haben fantastische Performances gegeben.
Ganz beschwingt laufe ich nach Hause. Danke an alle Beteiligten, die den Abend so schön gestaltet haben, sowohl vor als auch hinter den Kulissen! Ich freue mich schon sehr auf’s nächste Mal und fiebere nun auf den Slamovision 2026 hin, der am 01. November in Iowa City stattfinden wird – Dilara Yüksek vertritt Bremen dort digital mit einem vorproduzierten Video. Und bis dahin schaue ich mir noch einmal die herausragende Performance von Sven Kamin an, der letztes Jahr für Bremen angetreten ist und es sogar auf den zweiten Platz (von 17!) geschafft hat.
Fiona Behr