Die aktuelle Sonderausstellung des Hafenmuseums in Bremen steht unter dem Titel Wir sind der Fluss - Was uns mit der Weser verbindet. Dazu werden verschiedene Perspektiven zu der Weser in der Ausstellung gezeigt, ergänzt durch Installationen des Künstlers Felix Dreesen. Johanna Inger hat sich vor Ort umgesehen.
Heute bin ich zu Gast im Hafenmuseum Bremen, um mir die Ausstellung im Rahmen einer Kurator*innen-Führung anzuschauen. Valentina Rojas Loa und Felix Dreesen zeigen dabei nicht nur die ausgestellten Objekte, sondern berichten auch über die kreativen Hintergründe und die Konzeption der Ausstellung.
Direkt beim Betreten des Raumes trifft der Blick auf eine große Leinwand, auf der ein idyllisch anmutendes Foto der Weser abgebildet ist. Das Foto stammt von dem Künstler Felix Dreesen und entstand auf einer Fahrt auf der Weser, bei der er auf einem Floß in Fließgeschwindigkeit des Flusses herabgetrieben ist. Es bildet den Beginn der Ausstellung und steht als Sinnbild für die romantisierte Sichtweise auf einen Fluss, der doch an allen Stellen durch menschliche Eingriffe geprägt ist.
Die Trennung von Natur und Kultur im Sinne von menschlichen Einflüssen zieht sich als roter Faden durch die Ausstellung. Angefangen bei den Sockeln, auf denen die Ausstellungsobjekte stehen: sie bestehen aus einem Block Beton als Stand, einer Säule aus Dämmstoffplatte und schließlich aus einem oder mehreren Aquarien aus Glas, in denen die Objekte mit Weser-Wasser inszeniert sind. Die Säulen passen thematisch gut zu der Auswahl der Objekte, die jeweils verschiedene Aspekte der Verbindung von Menschen zur Weser zeigen und bewusst Alltagsgegenstände fokussieren. Dafür wurden verschiedene Personen mit einer speziellen Verbindung zum Fluss interviewt und sie durften eigens gewählte Objekte für die Ausstellung einschicken. So entsteht eine spannende Mischung aus Objekten, von einem Containerschiff aus Legosteinen zu einem Stück Thüringer Wald im Aquarium.
Jede Station wird außerdem durch eine Audio-Spur der Interviews begleitet, die von Lautsprechern abgespielt werden, wenn man sich ihnen nähert. Die Station eines Anglers spielt beispielsweise den damaligen Ruf der Fischer nach frischem Fisch ab, an den sich der Befragte noch erinnert. Aber auch ein Dichter und eine Schwimmerin erzählen von ihrer Verbindung zur Weser, die von vielen befragten Personen als beidseitiger Einfluss verstanden wird. Die Schwimmerin wählte einen Stein der Weser als Objekt, weil er den Übergang von Land zu Wasser bildet, während dieser für sie wortwörtlich verschwimmt: sie sieht die Weser von innen und von außen gleichzeitig, ist Teil des fließenden Wasserkörpers und doch separat davon.
Den visuellen Mittelpunkt der Ausstellung bildet eine Installation von Felix Dreesen, für die 19 Tonnen Steine als Nachbildung des Weser-Ufers als massive Wand mitten im Raum aufgeschichtet sind. Die Unterlage der Steine bildet ein weißer Vlies-Stoff, der auch am Weser-Ufer zu finden ist. Dabei handelt es sich um die von außen nicht sichtbare Schicht unter den Steinen, die für das Absickern des Wassers sorgt und eine Bewegung der Steine bei Hochwasser verhindern soll. Die Steine stammen aus Norwegen, wo diese in großen Mengen abgebaut, in eine normierte Form geschlagen und anschließend zu Flüssen wie der Weser transportiert werden.
Die Installation bildet einen körperlichen Bezug zum Raum, man kann das Vlies ohne Schuhe betreten und fühlen, wie warm es ist, aber auch wie künstlich es im Kontrast zu den Steinen wirkt. Rund eine Millionen Tonnen dieser Steine werden jährlich durch den Bremischen Industriehafen umgeschlagen, um im Weser-Flusssystem und an den angrenzenden Kanälen verbaut zu werden, so liegt ein Stück norwegischer Berg direkt in Bremen.
Der durch menschliche Eingriffe veränderte Wellengang beeinflusst auch die Flora und Fauna rund um den Fluss, wodurch ehemals heimische Fisch-Arten zunehmend verschwinden. Die Natur und damit den Fluss als Subjekt mit eigenen Rechten anzuerkennen, ist daher ein Anliegen vieler Naturschützer*innen und findet auch in der Ausstellung Ausdruck. Wenn wir Flüsse mehr als lebendige Wasserkörper in Symbiose von Natur und Mensch begreifen würden, könnte auch die Infrastruktur von Städten besser an sie angepasst werden. Die Weser ist mehr als eine Wasserstraße, sie umfasst ein Einzugsgebiet von 46.000 Quadratkilometer Größe und versammelt Geschichten und Erinnerungen von allen, die mit ihr in Kontakt sind. Einige dieser Perspektiven zeigt die Ausstellung Wir sind der Fluss eindrücklich durch die Verbindung von Installation und Interviews, wodurch ein vielstimmiges Mosaik aus Verbindung zwischen Menschen und Weser entsteht.
Noch bis zum 23. August 2026 kannst du dir die Sonderausstellung anschauen. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Weser aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und sich im Hafenmuseum auf eine ganz neue Art dem Fluss zu nähern!
Das Hafenmuseum
Die Häfen waren stets die Lebensader Bremens und haben über Jahrhunderte die Identität der Stadt geprägt. Im denkmalgeschützten Speicher XI bildet das Museum die Schnittstelle zwischen der Vergangenheit und der Zukunft: Es ist Teil der sich wandelnden Überseestadt und vermittelt die stadtplanerische Entwicklung ebenso wie Aktivitäten der bremischen Hafenwirtschaft und den steten Wandel und Fortschritt in allen maritimen Bereichen. Das Hafenmuseum zeigt Geschichte mit Ausblick – es ist dem Hafen, seiner Geschichte, Gegenwart und Zukunft verpflichtet.
Der Speicher XI zählt zu den wenigen erhaltenen Vorkriegsgebäuden der heutigen Überseestadt. Heute ist hier neben dem Hafenmuseum auch die Hochschule für Künste ansässig, das Bremer Zentrum für Baukultur sowie weitere Nutzer aus der Kreativwirtschaft.
Betreiberin des Museums ist die gemeinnützige Kulturforum GmbH, Geschäftsführer: Karsten Meyer und Reiner Schümer.
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