Gästebuch: Ilija Matusko

Bild von Gästebuch neben Blume mit Hand
© Rike Oehlerking

Schreiben ist für mich…

…immer noch ein bisschen ungewohnt. Als Erster in meiner Familie, der aufs Gymnasium und später an die Universität kam, lag es ziemlich lange außerhalb meines Möglichkeitshorizonts, Schriftsteller zu werden. Gegen dieses immer noch fehlende Selbstverständnis schreibe ich mit jedem meiner Texte an.

Ich lese am liebsten…

…aktuell vor allem Bücher aus dem Balkanraum: Lejla Kalamujić, Dubravka Ugrešić, Dževad Karahasan oder Miljenko Jergović. 
 

Ich finde, man sollte viel öfter…

…über Klassismus, Ausschluss und Exklusion im Literaturbetrieb sprechen: Wer bekommt eine Chance, Autor*in zu werden, wer verfügt über Netzwerke und Kontakte, wer kann sich das Schreiben wie finanzieren? Und welche Codes machen es Menschen aus bildungsbürgerfernen Kontexten einfach immer noch sehr schwer?

Bremen ist für mich…

…eine relativ unbekannte Stadt, muss ich zugeben, aber auch eine, in die ich sehr gern zurückkehre. Ich hatte hier schon vor ein paar Jahren eine tolle Lesung hier. 
 

Als nächstes möchte ich…

…ein Buch über meine Schwester (und genderspezifische Klassenunterschiede) schreiben. 
 

Du solltest unbedingt meinen Roman lesen, weil…

…wenn du dich für Migration, Klassenreisen, die postjugoslawische Gesellschaft und Vater-Sohn-Geschichten interessierst, die sich (zur Abwechslung) mal nicht um Konflikt, Schuld oder Loslösung drehen, sondern von Liebe, Nähe, Zärtlichkeit erzählen.
 

Und weil es im September unser Ausgabenthema ist: Wendepunkte: 

In Jugo verhandle ich einen großen Wendepunkt im Leben meines Vaters, nämlich seine Rückkehr nach Kroatien, nachdem er dreißig Jahre zuvor als junger Mann nach Deutschland gekommen war. Allerdings fand er seinen Platz dort nicht mehr so recht wieder. Die Hauptthese des Buches ist für mich deshalb: Rückkehr ist in vielen Fällen nicht die Aufhebung von Migration, sondern ihre schmerzhafte Fortsetzung.
 

Das Bild zeigt Ilija Matusko vor einen Hintergrund von Pflanzen
© Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Buchcover von Ilja Matuskos Romandebüt "Jugo"

Ilija Matusko

geboren 1980, hat Soziologie und Politikwissenschaften studiert. Er lebt und arbeitet als freier Autor in Berlin. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Stipendien, u. a. ein Stipendium des Fritz-Hüser-Instituts für Literatur und Kultur der Arbeitswelt sowie ein Stipendium in der Villa Aurora in Los Angeles. 2023 erschien Verdunstung in der Randzone in der edition suhrkamp. Jugo ist sein Romandebüt.

Sie sehen sich nur einmal im Jahr, und jedes Mal geraten sie in Streit. Der Vater, der als junger Mann nach Deutschland kam, hier eine Familie gründete, in der Gastwirtschaft arbeitete und das Land dreißig Jahre später wieder Richtung Kroatien verließ. Und der Sohn, der in Berlin lebt, Schriftsteller geworden ist und im Gästehaus seines Vaters an der Adriaküste Urlaub macht. Im Streit befreien sie sich von den Dingen, die zwischen ihnen stehen. Und sie entdecken in scheinbar kleinen Momenten eine unerwartete Nähe: wenn sie, begleitet vom Jugo, dem warmen Südwind, mit dem Boot zur Insel vor der Bucht fahren, Tennis auf dem Platz eines verfallenen Hotels spielen oder den kleinen Acker der Familie in Bosnien besuchen. Nach und nach legen sie alte, zugewachsene Wege frei – zueinander und zu ihrer gemeinsamen Geschichte.

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