Jannik Kaiser: Gedanken eines verblassten Tigers

Zugvögel im Marschland
© Rike Oehlerking

Zugvögel.

Zugvögel im Herbst.

Wie die Gezeiten. Wie der Wind. Wie etwas, das verloren geht und sich wieder findet. Das sich wandelt und doch Bestand hat.

Du bist kein Zugvogel.

Du wirst verloren gehen. Du kannst protestieren, schreien und stampfen, das Land interessiert es nicht. Das Land ist ein schmaler Streifen Küste zwischen dem großen und dem kleinen Wasser. Marschland. Schilfland. Du erinnerst dich an deine erste Landung. Du warst neun, die Welt unbekannt, das hohe Gras ein weißer Fleck auf der Karte. Du hast als Kind viele Karten gezeichnet, viele Orte wie diesen entdeckt, einige selbst geschaffen. Hic sunt dracones. Wie bist du auf den alten Schuppen gestoßen? Mit den Füßen voran. Das Leuchten des Tigers hat dich angezogen.

Ein Tiger. Ein brennender, tödlicher Tiger, hier im Marschland! Ein Graffiti, orange und schwarz und weiß. Hier, wo kein Tiger sein sollte, doch was kümmert das einen Tiger. Später wirst du allerlei Schlaues über Tiger lesen, Gedichte von Blake und Borges. Aber noch kennst du den Namen der Katze nicht, die Bedeutung ihrer Streifen, das Versmaß ihres Fauchens. Es kümmert dich nicht. Ein Tiger! Wie er brennt. Wie er rennt. Du bist neun. Nicht mehr lange. Du verlässt den Schuppen und der Tiger folgt dir. Nicht als Feind.

(…)

Du bewegst dich. Wirst bewegt. Du verlierst Jahre und gewinnst Momente. Du gewinnst Meilen und verlierst die Angst. Die Angst vor dem Verlorengehen. Die Furcht kehrt mit Ende zwanzig zurück. Dachtest du, es sei anders? Auch für dich gelten die Gesetze der Gezeiten. Der Mond ist zu mächtig, um ihn vom Himmel zu reißen. Stell dich nicht so an. Du gewinnst Erfahrung und verlierst Haare, die an anderer Stelle wieder auftauchen. Deine Sehkraft lässt nach, doch du weißt jetzt viel über Verse, kennst die Konturen der Katze, kennst nun den Namen des Tigers.

(…)

„Hier war einmal ein Tiger“, sagst du. Du umrundest den Schuppen und suchst nach Farben, findest aber nur Verwaschenes. Der Schuppen ist winzig. Liegt es daran, dass du gewachsen bist? Eigentlich fühlst du dich kleiner als der Neunjährige, der hier einst gespielt hat. Am besten erwähnst du diesen Gedanken nicht deinem Sohn gegenüber.

„Ein Tiger?“, fragt er und schaut sich im hohen Gras um. Du lachst und denkst an leere Flecken und imaginäre Karten.

„Kein echter Tiger“, erklärst du. Mittlerweise bist du alt genug, Dinge zu erklären. Zugleich denkst du, dass es eine Lüge ist. Der Tiger war echt. Echter als deine vermeintliche Designerjacke oder deine Haarfarbe. Apropos Farbe. Ihr habt euch Farbe mitgebracht, Pinsel und Eimer. Den Schuppen wollt ihr bemalen. Grün angelaufenes Holz unter grauem Herbsthimmel, alles erinnert dich ans Verwelken, an Bürogebäude, an Wartezimmer in Zahnarztpraxen und unbezahlte Rechnungen. Du denkst, dass ihr nach Hause gehen solltet. Später könntest du alleine zurückkehren und den Schuppen mit einem Hammer zertrümmern. Odysseus verbrachte zwanzig Jahre auf dem Meer. Als er Ithaka wiederfand, war alles anders, alles falsch.

(…)

„Zugvögel!“ ruft der Junge und deutet zum Himmel.

Du schaust nach oben. Du nickst. Zugvögel.

Es ist Herbst.


Jannik Kaisers Text Gedanken eines verbalssten Tigers ist in voller Länge in der zweiten Ausgabe des Koller zum Thema lost & found erschienen. Der Koller ist das Literaturmagazin für Bremen, Bremerhaven und umzu, das vom Kollit, dem jungen Kollektiv für Literatur gestaltet und herausgegeben wird. Den ganzen Text von Jannik Kaiser sowie viele weitere Texte aus der jungen Bremer Literaturszene findest du im Koller.

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Cover Koller

Jannik Kaiser

wurde 1991 in Rotenburg an der Wümme geboren und studierte Anglistik in Bremen und Nottingham. Zurzeit arbeitet er in der Erwachsenenbildung und schreibt nebenbei an einem Romanprojekt.

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