Lesetipp aus der Redaktion

Antonio Muñoz Molina, Jahrgang 1956, zählt zu den wichtigsten Gegenwartsautor*innen Spaniens. Das Werk des andalusischen Schriftstellers wurde inzwischen mit den höchsten literarischen Auszeichnungen Frankreichs und Spaniens dekoriert. Molina gilt als Wanderer zwischen den Kontinenten – der ausgebildete Kunsthistoriker arbeitete viele Jahre als Leiter des Instituto Cervantes in New York.

Mit seinem neuen Buch Gehen allein unter Menschen stellt er sich in die literarische Tradition des Flanierens, unablässig ist er als Beobachter und Entdecker unterwegs in Madrid, Lissabon, Paris, London und New York. Dabei reiht der Autor Alltagsszenen, Gesprächsfetzen und Werbebotschaften aneinander, zeigt uns die Stadtlandschaft als vollständig beschriebenen Raum, keine Oberfläche ist ohne Zeichen. Im Gegensatz zu seinen (ausschließlich männlichen) Vorgängern wie Poe, Baudelaire oder Benjamin wandelt Molina nicht mehr unter Gaslaternen, sondern sammelt die vielen Geräusche der Stadt auf seinem Smartphone, um die aufgenommenen Dialoge weiterzudenken und kurze Geschichten daraus zu entwickeln. Das Umherstreifen, Aufnehmen und Einsammeln setzt Molina gegen das eigene, morgendliche Verzagen.

„Die Beklemmung war mein Schatten, mein Bewacher, mein Doppelgänger. So schnell ich auch gehen mochte, er blieb an meiner Seite. Er fuhr mit mir Rolltreppe und flüsterte mir Dinge ins Ohr.“

Auf seinen vielen Streifzügen durch die Städte folgt Molina als Liebhaber der Literatur seinen literarischen Vorbildern an die Orte, an denen sie sich größtenteils aufgehalten haben. Zu Lebzeiten einte die Dichter oftmals die Nichtanerkennung als Schriftsteller, ihre Drogensucht und ein Leben in bitterer Armut. Sie wurden angefeindet und verfolgt, setzten ihrem Leben oft frühzeitig mit einer Überdosis Schmerzmitteln ein Ende. So auch der bekannteste hiesige Flaneur und Philosoph Walter Benjamin, der, als die Deutschen 1940 Paris besetzten, noch verzweifelt versuchte, in die USA zu flüchten und sich an der Grenze zwischen Frankreich und Spanien das Leben nahm.

Zweifellos zählen die Passagen, in denen Molina den verborgenen Spuren der dichtenden Flaneure vorangegangener Jahrhunderte folgt, zu den stärksten in seinem Buch.

„Es gibt immer die, die sich retten und die, die sich erhängen; die vor allen anderen merken, was kommt, und die rechtzeitig Maßnahmen ergreifen; die die vorne sind und die, die am Ende der Schlange stehen.“

In Gehen allein unter Menschen zeigt sich Antonio Muñoz Molina als zurückhaltender Beobachter und detailgenauer Szenenmaler. Wer seinen poetischen Streifzügen folgen mag, kann so schnell nicht wieder aufhören zu lesen. Die Fragmente, Bilder und Szenen fügen sich zu einem Panorama unserer Zeit, in dem die fortschreitende Kommerzialisierung zutiefst menschlicher Bedürfnisse zweifellos den Ton angibt.
 

GEHEN ALLEIN UNTER MENSCHEN | Antonio Muñoz Molina | Übersetzung: Willi Zurbrüggen | ROMAN Penguin | München 2021 | 544 S. | €26,00

Antonio Muñoz Molina sollte rund um die Literarische Woche 2022 in Bremen zu erleben sein. Leider müssen die Veranstaltungen ausfallen und werden zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt.


Heike Müller

ist Geschäftsführerin des virtuellen Literaturhauses Bremen. Außerdem gehört sie zum Team unserer Redaktion, die hier regelmäßig Lesetipps gibt. Ihre zweite Heimat ist Andalusien, von wo auch Antonio Muñoz Molina stammt.

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Foto von Heike Müller
© Carmen Simon Fernandez

Weiterlesen:

Antonio Muñoz Molina im Interview

Antonio Muñoz Molina ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Spaniens und als Repräsentant des Gastlandes eröffnet er dieses Jahr die Frankfurter Buchmesse. Im Interview hat er uns verraten, was das für ihn bedeutet und woran er gerade arbeitet. Hier könnt ihr das Interview lesen – auf Deutsch y naturalmente en versión original.

Satzwende: Christian Diaz Orejarena (1/2)

In Christian Diaz Orejarenas Comic-Kolumne geht es nach Kolumbien zu den sogenannten Lengerke-Wegen, benannt nach einem deutschen Großunternehmer aus dem 19. Jahrhundert. Eine Karnevalsmaske nimmt uns mit hinter die Fassade der Heldengeschichte des wirtschaftlichen Aufschwungs und zeigt die Ausbeutung und Gewalt, die dahinterliegen.

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Passend zum herbstlichen Wetter heißt das Lesezeichen in dieser Ausgabe "Ich will keine Winter mehr!" und lässt uns auf den nächsten Winter blicken und wo man ihm entgehen kann. Lies rein ins Gedicht von Jürgen Albert, in dem sich Verse auf Deutsch mit welchen auf Spanisch abwechseln.