Lesetipp aus der Redaktion: „Das Ereignis“

Cover Das Ereignis

„Mein Körper gehört mir!“ Diese Aussage sollten eigentlich alle Menschen treffen können. Doch in der Realität sieht das leider bis heute (in vielen Ländern) anders aus. Beispielsweise dann, wenn Gesetze entscheiden, dass Frauen eine Schwangerschaft nicht abbrechen dürfen. Die Abtreibungsthematik ist hoch aktuell.

Vielleicht deswegen hat eine der bekanntesten Gegenwartsautorinnen Frankreichs gerade den Literaturnobelpreis verliehen bekommen. Auch in ihrem Werk findet sich mit der Erzählung Das Ereignis ein Buch, in dem es um Abtreibung geht. Womöglich ist es das persönlichste Schriftstück der Autorin.

Eine junge Frau wird zu Beginn ihres Studiums ungewollt schwanger. Abtreibung ist im Frankreich der 1960er Jahre verboten. Bei Ärzten hat die junge Studentin, die ganz sicher weiß, dass sie dieses „Ding“ nicht haben will, keine Chance. Ein Bekannter empfiehlt ihr eine Frau, die sich um „solcherlei Angelegenheiten kümmert“. Sie wird auch die „Engelmacherin“ genannt. In deren Wohnung kommt es schließlich zu einem nicht nur unter medizinischen Gesichtspunkten dramatischen Schwangerschaftsabbruch.

Fast vier Jahrzehnte hat Annie Ernaux gebraucht, um sich diesem „Ereignis“ literarisch zu nähern. Beim Lesen wird schnell deutlich, dass auch in diesem Buch viel Autobiografisches steckt. Ernaux bleibt ihrem Stil und ihrer Perspektive auf eigene Erfahrungen treu. Ihre Offenheit beeindruckt zutiefst. Sie schreibt selbst zu Beginn, sie wolle mit dieser Erzählung noch einmal in das Erlebte eintauchen und „erforschen, was dort gewesen ist“. Die Vorstellung, dass ihr das, worüber sie schreibt, wirklich widerfahren ist, macht das Leseerlebnis umso schauerlicher. Es macht aber vor allem deutlich, zu welch verheerenden Entscheidungen Frauen durch Abtreibungsverbote gezwungen werden. Ein schmales Buch mit umso schwerwiegenderem Inhalt. Schreibweise und Intention machen es absolut lesenswert.

DAS EREIGNIS | Annie Ernaux | Übersetzung: Sonja Finck | ERZÄHLUNG Suhrkamp | Berlin 2021 | 104 S. | €18,00 | Originalausgabe erschien 2000 bei Gallimard, Paris

Rike Oehlerking

ist Bildredakteurin bei uns im Literaturmagazin Bremen. Sie arbeitet darüber hinaus als freie Redakteurin für das Bremer Literaturkontor und andere Auftraggeber, schreibt Texte, macht Fotos und wühlt sich durch das alltägliche Geschäft aus E-Mails, Meetings und Organisation.

Wenn sie mal nicht an ihrem Schreibtisch sitzt, ist sie liebend gern draußen mit Hund und VW-Bus unterwegs. Bei ihren Ausflügen sind natürlich auch immer gute Bücher und ihre Kamera mit im Gepäck.

Mehr über unser Magazin und das Team kannst du übrigens hier erfahren.

© Rike Oehlerking

Weiterlesen:

Satzwende: Finn-Ole Heinrich (1/2)

Finn-Ole Heinrich ist nicht nur Autor, er absolviert auch ein Praktikum bei seinem Kind. Warum es nicht schlimm ist, dass er in diesem Job nur mittelmäßig ist und warum er gerade beim Thema Adultismus immer stolpert - und was das nun eigentlich ist -, das alles erzählt er im ersten Teil seiner Kolumne.