Lesetipp: Gianna Lange empfiehlt

Cover Max Porter

Max Porters Grief Is The Thing With Feathers wird im Buchhandel als Roman geführt, ist jedoch wohl einer der lyrischsten seiner Art. 

Ein frisch verwitweter und trauernder Vater und seine beiden Söhne werden von einer Krähe heimgesucht, die verspricht, erst dann wieder zu gehen, wenn sie nicht mehr gebraucht wird. Sie ist da, um der Familie über den Verlust der Frau und Mutter hinwegzuhelfen. Dabei ist sie keineswegs zimperlich. Sie ist sowohl wildes Tier als auch fürsorglicher Halt, sie schubst die Trauernden voran durch ihren Schmerz und verteidigt sie vor ihren eigenen Dämonen bis aufs Blut. Die Frage, ob sie echt ist oder nur Instrument der Lebenden, mit der dunklen Seite der Trauer umzugehen, bleibt offen. 

Die Trauernden heißen schlicht Dad und Boys, die Krähe Crow. In kurzen Kapiteln erzählen die drei Parteien Geschichten und Ereignisse, reihen Schnipsel aneinander, zählen auf und lassen aus. Sie wiederholen sich mit kleinen Veränderungen und lügen die Lesenden an, was sie zugeben, ohne jedoch die Wahrheit zu offenbaren. Kurze, teils unvollständige Sätze wechseln sich ab mit endlos aneinandergereihten Wortassoziationen, so lange ohne Punkt, dass einem beim Lesen die Puste ausgeht. Dann beschreiben deutliche Worte den Schmerz und auch die Liebe so ehrlich, dass der Atem wieder stockt. Und so gelingt es Porter in diesem Roman, der wie ein Gedicht daherkommt, Trauer und ihre Bewältigung so facettenreich und uneindeutig darzustellen, wie sie tatsächlich ist. 

TRAUER IST DAS DING MIT FEDERN | Max Porter | ROMAN Hanser Verlag | 2015 | 128 S. | €16,90


Gianna Lange

wurde 1988 in Bremen geboren. Sie absolvierte den Internationalen Studiengang Fachjournalistik an der Hochschule Bremen und verbrachte im Zuge dessen ein Semester an der University of Greenwich in London. Den Masterabschluss machte sie in Transnationaler Literaturwissenschaft an der Universität Bremen. Als Autorin des Onlinemagazins BOM13 war sie an diversen Lesungen beteiligt. Für ihr Romanprojekt Elise wurde Gianna Lange 2015 mit dem Bremer Autorenstipendium ausgezeichnet.

Zum Autorinnenprofil von Gianna Lange

Porträt von Gianna Lange
© Patric Leo

Weiterlesen:

Lviv: City of Literature auf Ukrainisch

Kann man während des Krieges überhaupt noch an Literatur denken? Mariana Zagoruiko aus Lwiw, UNESCO City of Literature, sagt "ja!" und berichtet, wie Literatur den Ukrainer*innen hilft, den Alltag zu erleben und zu überleben. Lies rein!

We Speak Literature here

Jedes Jahr versammeln sich bei den Jahrestreffen der UNESCO Cities of Literature Vertreter*innen aus aller Welt. Jens Laloire war für Bremen in Ljubljana und Tartu mit dabei und berichtet.

Satzwende: Iryna Fingerova

Wie lassen sich aufgeladene Erinnerungen an einen Ort umkreisen, der gewaltvoller Veränderung unterliegt? In unserer Kolumne Satzwende sucht Iryna Fingerova nach Bildern, um ihre Heimatstadt Odesa zu beschreiben. Komm mit nach Odesa!