Lesezeichen: Laura Müller-Hennig

Foto einer ausgedrückten Zigarette auf dem Boden neben einem Stück Jeans
© Rike Oehlerking

Hosen

Von Laura Müller-Hennig

Ich lief durch die Einkaufszone, es war nicht viel los. Ein junger Mann kam mir entgegen. Ich nahm ihn kaum wahr, aber dann streckte er plötzlich den Arm aus und griff nach einem Kleiderständer, der vor einem Laden stand. Er schnappte sich mehrere Hosen samt Bügel und rannte los. Drückte die Bügel fest an die Brust, sie klapperten. Hielt den Rücken ganz gerade. Rannte mich fast um. Ich wich aus, und er verschwand um die Ecke.

Keiner außer mir hatte etwas bemerkt. Wirklich keiner. Kurz stand ich da, war überrascht, und dann, aus einer Laune heraus, drehte ich um, und folgte ihm.

Ich kam in den Hinterhof eines Restaurants. Erwartete nichts, aber ich entdeckte ihn sofort: Er stand im Halbdunkel, neben einer Mülltonne. Rauchte. Wir waren allein. Er stand da, als sei nichts gewesen: die Schultern nach vorne gekippt, die Arme locker, den Kopf zur Seite geneigt, nicht einmal außer Atem. Er bemerkte mich, spannte sich an, sein Blick fragend. Ich ging auf ihn zu, stellte mich neben ihn und bat ihn um eine Zigarette. Er gab mir eine und entspannte sich wieder. Wir rauchten. Schweigend. Von der Seite musterte ich sein Gesicht: nichts Besonderes, die Wangen glatt wie die eines jungen Mannes, aber seine strengen Züge machten ihn älter. Nur unser Auspusten des Rauches war zu hören, sonst war es still. Als er aufgeraucht hatte, nickte er mir zu und ging. Ich wartete kurz, dann öffnete ich die Tonne. Da lagen die Hosen, zwischen Müllsäcken und Essensresten. Eine hatte sich schon mit Soße vollgesogen.

Auf dem Rückweg dachte ich noch eine Weile daran, wie wir dagestanden und zusammen geraucht hatten.


Laura Müller-Hennig

geboren 1985, hat im Bereich Theater und Film gearbeitet, Medienproduktion und Psychologie studiert und widmet sich seit mehreren Jahren verschiedenen Kunstprojekten – u.a. im Blaumeier-Atelier und in der Film-Kooperative compagnons. Einige ihrer Texte hat sie in Kunstkatalogen, Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht sowie in der MiniLit-Reihe des Bremer Literaturkontors. Dort leitet sie seit 2018 eine regelmäßig stattfindende Schreibwerkstatt für junge Autor*innen.

Zum Autorinnenprofil von Laura Müller-Hennig

Porträt von Laura Mueller-Henning
© Marc Stavros

Weiterlesen:

Bremer LauschOrte: Hier spielt die Musik

Stehenbleiben und lauschen - das macht nicht nur Journalistin Imke Wrage viel zu selten. Zum Innehalten an geschichtsträchtigen Orten der Bremer Innenstadt lädt das Projekt LauschOrte ein - Bremer Literat*innen erwecken die Geschichte(n) der Stadt zum Leben. Imke Wrage hat sich auf den Weg gemacht und berichtet von ihrer Lauscherfahrung.

Film ab!: "AYNY – My Second Eye"

Zwei Brüder verlieren im Krieg ihr zu Hause. In der neuen Heimat jagen die zwei trotz aller Gefahren ihrem Traum nach, Oud zu spielen. Um dieses Instrument zu spielen, müssen sie einen hohen Preis zahlen und eins werden. "AYNY – My Second Eye" von Ahmad Saleh gewann 2016 den Studenten-Oscar als Bester Fremdsprachiger Animationsfilm und ist hier bis zum 29. Oktober 2021 zu sehen.