Lesezeichen: Leyla Bektaş

drei Teelichter
© Rike Oehlerking

Takte
Von Leyla Bektaş

Ich erinnere mich nicht genau, wann ich erfahren habe, dass ich aus einer alevitischen Familie komme. Manche Dinge sind immer da, wie eine leise Hintergrundmusik. Bis sie einem bewusst werden, dauert es manchmal Jahre. Wenn in meiner Jugend die Frage aufkam, ob mein Vater gläubiger Muslim sei, verneinte ich. Doch danach wusste ich nicht weiter. Was war er dann? Atheist? Oder ein nicht praktizierender Muslim?

Irgendwann wusste ich es: Er war Alevit. Doch diese Antwort brachte mich in noch größere Erklärungsnot. In meinem deutschsprachigen Umfeld hatte niemand auch nur die leiseste Ahnung, was das war oder sein sollte: Alevit. Am allerwenigsten ich selbst.


„Erinnern heißt Zukunft gestalten“, heißt es bei Aleida Assmann. Mein Vater entschied sich für den entgegengesetzten Weg. Indem er uns seine Vergangenheit verschwieg, glaubte er, uns Möglichkeiten zu bieten. Das Alevitentum war Teil dieser Vergangenheit. 

Was ungewöhnlich klingt, ist keine Seltenheit unter Aleviten, vielfach auch unter denen, die nach Deutschland kamen. Ein Hauptgrund für das selbst auferlegte Schweigen ist eine lange Repressionsgeschichte, die ihren Ursprung im Osmanischen Reich hat, und sich in der Republik Türkei fortführt, wo es mehrere Pogrome an Aleviten gegeben hat. Bis heute gilt das Alevitentum in der Türkei nicht als anerkannte religiöse Minderheit. 


Viele der über Jahrhunderte hinweg mündlich tradierten alevitischen Lehrsätze lassen eher an eine Religionskritik denken als an eine Religion: 

Das wichtigste Buch zum Lesen ist der Mensch!

Was du suchst, findest du in dir selbst, nicht in Jerusalem, nicht in Mekka!

Eine Religion, die nie die Macht in sich bündelte. Die ständig drohte, von der herrschenden Religion, verwoben mit dem Staatsapparat, vereinnahmt zu werden. Die sich behauptete, trotz fehlender schriftlicher Quellen, tradiert von Mensch zu Mensch, in Geschichten, in Liedern. Bis heute, bis nach Deutschland.

Als ich vor mehreren Jahren in das Dorf reiste, aus dem meine Familie kommt, setzten sich die ersten Takte zusammen. Das Stück kam mir vage bekannt vor. Während ich in den letzten Jahren einen Roman über eine alevitische Familie schrieb, habe ich mich im Zuge der Recherchen und Gespräche, die ich dafür führte, oft gefragt, ob mein Vater wirklich geschwiegen hat, all die Jahre. Vielleicht hatte ich ihm nur nicht zugehört? Manchmal braucht es, um sich zu erinnern, ein Gegenüber, das nachfragt. Das Wissen, dass das, was man sagt, auf Resonanz stößt. Immer noch bin ich dabei, herauszufinden, was die alevitische Philosophie mit mir zu tun hat. Immer noch hole ich einmal tief Luft, wenn man mir die Frage stellt, was das ist, Alevit. Doch dann lege ich los.


Leyla Bektaş 

wurde 1988 in Achim geboren und wuchs als Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters in Bremen auf. Sie studierte Romanistik in Köln, mit Stationen in Bordeaux und Mexiko-Stadt, später Literarisches Schreiben in Leipzig. Sie arbeitete als Dozentin für spanischsprachige Literatur, als Trainerin für Deutsch als Fremdsprache und gibt regelmäßig Seminare und Workshops für Kreatives Schreiben. Ihre Texte erschienen in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien (u.a. poetin, Tippgemeinschaft). Ihr erster Roman, für den sie 2020 das Bremer Autorenstipendium erhielt, erscheint im Herbst 2024 bei Nagel und Kimche.

Zum Autorinnenprofil von Leyla Bektaş

Porträt von Leyla Bektas
© Rike Oehlerking

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