Klaus Johannes Thies: Lesezeichen

Gelbes Buch vor blauer Wand
© Rike Oehlerking

Lydia nach der Rechtschreibreform

Lydia sitzt in der Küche mit dem blauen Fußboden am freien Ende des Tisches mit der gelben Tischdecke. Lydia liebt klare Farben. Neuerdings trägt sie feuerrote Haare, um etwas Aufregung in den Alltag zu bringen. „Hier spricht Lydia“, schreibt sie gerade. Die Stimme kommt aus dem Off, aus ihrer Küche mit dem blauen Fußboden. Ich denke an Vermeer, so wie sie mir ihre Küche beschreibt. Es muß eine schöne Küche sein, eine, in der man in Ruhe einen Brief schreiben kann. Ich höre ihr zu. Ich sehe, wie sie nachdenkt, am freien Ende des Tisches mit der gelben Tischdecke, in ihrer niederländischen Küche.

            Schon seit vielen Jahren schneidet sie mir die Haare. Aber ich wußte nicht, daß sie eine so schöne Küche besitzt. In dieser Küche schreibt sie mir, daß sie zu den Befürwortern der Rechtschreibreform gehöre. Seitdem sie eingeführt wurde, schreibt sie mir, fühlt sie sich leicht wie eine Fee mit einem e. Und so sehe ich sie nun mit entrücktem Gesichtsausdruck im Waschsalon oder auf dem Sattel im Abendlicht nach Hause schweben, sehe Lydia mit einem feuerroten Kopf am freien Ende des Tisches mit der gelben Tischdecke mir einen Brief schreiben. „Hier spricht Lydia“, schreibt sie gerade.


Klaus Johannes Thies

...wurde 1950 geboren, wuchs in Bielefeld auf, lebt seit 1975 in Bremen und seit 2000 auch in Berlin. Lange Zeit war er für Radio Bremen tätig. Er schreibt Prosaminiaturen und Hörspiele. 2015 erschien Unsichtbare Übungen. 123 Phantasien und 2018 der Band Aus meinem Fenster. Parkplatz-Rhapsodien. 2020 erschien der Auswahlband Tango ohne Argentinien. 111 Shorts (edition AZUR).

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Porträt von Klaus Johannes Thies
© Silke Hennig

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