Uli Herrwig: Mama ohne Kopf

Frau mit rotem Herz vor dem Gesicht
© Rike Oehlerking

Wie ich meinen Kopf verlor

Vor elf Monaten ist mein Kopf ausgezogen. Als um 17.44 Uhr Ortszeit der Damm reißt, die Schmerzen endlich nachlassen und du mir kurz darauf, wie eine Trophäe für mein Bemühen, von deinem Papa präsentiert wirst, verlässt mich mein Kopf. Das Herz hat zu viel Raum eingenommen. Vielleicht war der Kopf auch schon damit beschäftigt, seine Koffer zu packen, als wir begannen, unserem bis dato extrem entspannten Leben „Lebewohl” zu sagen, um Familienmenschen zu werden. Wäre der Kopf so richtig am Start gewesen, hätte er verhindert, dass an einem Mitbewohnerinnen-freien Abend in einer Altbauwohnung in der Hauptstadt das Bett zu knarren beginnt. Er hätte registriert, dass nirgendwo im Zimmer ein kleines, quadratisches, leeres Päckchen zu finden ist, dass die Luft mit Latex-Duft erfüllt. Das Paar, das sich dort liebte, sind nun deine Mama und dein Papa.

Leben ohne Kopf

Kein leeres Päckchen, keine Verhütung, kein Kopf. Dafür umso mehr Trieb und Herz, Leidenschaft und Liebe. Das war dein Anfang. Und der Anfang meines Lebens ohne Kopf. Vorbei mit meinen ruhigen, übersichtlichen, gelassenen Tagen. In mein Leben sind nun ständige Sorge, nicht erfüllbare Erwartungen an mich selbst und eine Lautstärke eingezogen, die mein Kopf nicht aushalten würde. Deshalb schaut er nur noch selten vorbei, um abzuchecken, ob schon wieder Platz für ihn ist. Würde er jetzt wieder vollständig einziehen, gäbe es Probleme. Natürlich gibt es so oder so Probleme hier und da, aber das Herz hat alles ganz gut im Griff. Der Kopf wird nicht oft vermisst. Stillen, waschen, wickeln, trösten, spielen geht auch ganz gut ohne ihn. Wären jetzt die Brüste abhandengekommen, oje oje. Du, mein Kleiner, brauchst meinen Kopf noch nicht dringend. Liebhaben geht sogar besser ohne. Kaum rationale Gedanken, die den emotionalen Handlungen den Weg versperren. Nun mal ehrlich, du hast Glück, dass der Kopf nicht da ist.


Nur eine ohne Kopf ist nachts Minimum alle zwei Stunden halbnackt am Start, um einen kleinen Glatzköpfigen an ihren überreizten Nippeln nuckeln zu lassen.

Nur eine ohne Kopf geht monatelang nach sieben Uhr abends nicht mehr aus dem Haus, um einem Überdrehten in Dauerschleife zum Einschlafen entspannt vorzuatmen, der noch nicht ein einziges Mal danke gesagt hat.

Nur eine ohne Kopf teilt sich ihren Apfel mit einem Schleckermäulchen, das nie selbst auf die Idee kommt, seine Zähne zu putzen.

Nur eine ohne Kopf scheißt drauf, wenn auf ihren Klamotten Scheiße drauf ist, wenn der, der dafür verantwortlich ist, gerade scheiße drauf ist.

Nur eine ohne Kopf geht eine Beziehung ein, die mit unfassbaren physischen Schmerzen beginnt und von da an konsequent von einem undefinierbaren seelischen Schmerz begleitet wird.


[...]

Uli Herrwigs Text Mama ohne Kopf ist ursprünglich in der ersten Ausgabe des Koller erschienen. Der Koller ist das Literaturmagazin für Bremen, Bremerhaven und umzu, das vom Kollit, dem jungen Kollektiv für Literatur gestaltet und herausgegeben wird. Den ganzen Text von Uli Herrwig sowie viele weitere Geschichten, Comics, Rezensionen und Interviews findest du im Koller mit dem Titel Den Kopf verlieren.

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Portrait Uli Herrwig
© privat

Uli Herrwig

ist seit über 15 Jahren auf der Bühne zu Hause. Sie spielt, vermittelt, moderiert und organisiert insbesondere Langformimprovisation im AMS!-Theater in Bremen. 2015 schloss sie ihr Studium im Fach Theater im Sozialen. Theaterpädagogik an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg ab. Seit dem bereicherte sie u.a. Veranstaltungen von Campact e.v. und dem Bremer Entwicklungspolitischem Netzwerk (BEN) mit ihrem kreaitiven Input. Seit 2017 ist Uli auch als Stand Up Comedienne aktiv. Aus einem weniger lustigen Moment heraus entstand 2020 der Text Mama ohne Kopf.

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Lesezeichen: Ros*innen

"You see a woman, but I am so much more" - Mari Püffel und Mathilda Süßmilch schreiben in ihrem Lesezeichen über nicht binäre Körper, Schönheit und Genderklischees. Die beiden sind Teil des queerfeministischen Poesiekollektivs Ros*innen.