Michael Augustin: Lesezeichen

Wasserspuren im Sand
© Rike Oehlerking

Es

Es steht Dir bis zum Halse manchmal, dann wieder fehlt es Dir und Deine Zunge, ein rissiger Lappen aus Leder, lallt danach. Es rauscht in der alten Leitung aus Blei, hinter der Tapete sickert es durch die Wand, es tropft aus leckem Hahn in den Spülstein Deines Fremdenzimmers und raubt Dir den Schlaf. Es netzt Deine glühende Stirn und wäscht Dir von den Händen, was dort keiner sehen soll. Es tilgt Deine Spuren im Sand. In Sturzbächen fällt es aus schwarzem Himmel, es deckt Dich zu mit täuschendem Weiß. Über die Ufer steigt es und schwemmt, was nicht fest steht, davon. Nussschalen trägt es, der Hoffnung. Und verschlingt, wen es will.


Michael Augustin

wurde 1953 in Lübeck geboren und studierte in Kiel und Dublin irische Literatur und Volkskunde. Seit 1979 lebt er in Bremen. Er schreibt Gedichte, Minidramen und Kurzprosa sowie Lyrik für Kinder. Für viele Jahre hat er bei Radio Bremen als Feature-Autor und Redakteur gearbeitet. Außerdem war er Direktor des internationalen Literaturfestivals Poetry on the Road, sowie Kurator der internationalen Literaturkarawane What is Poetry? Zuletzt erschienen Hurly-Burly – Visual Poems, sowie der Collagenband Dr. Frankenstein’s Patchwork Catalogue (beide 2020). Aktuell besetzt er das Literatur-Telefon in Kiel.

Zum Autorenprofil von Michael Augustin

Porträt von Michael Augustin
© privat

Weiterlesen:

Unsere Lesetipps über Mütter

Fremdbestimmtheit, Mutterliebe oder ungewollte Schwangerschaften sind prägende Erfahrungen, die aber noch wenig Raum in der Literatur einnehmen. Wir stellen einige Titel vor, die Mütter aus verschiedenen Perspektiven in den Fokus nehmen.

Satzwende: Hannah Lühmann

„Inge gehört in die Heide“ heißt ein Roman, den Hannah Lühmanns Urgroßmutter Erna verfasst hat - über "Frauenfreuden" und "Frauenpflichten". Was macht den Unterschied zu Hannah Lühmanns eigenem Mütter-Roman "Heimat" aus? Erfahre mehr in ihrer Kolumne "Satzwende".