"Points of View" im Hafenmuseum

In der Sonderausstellung Points of View im Hafenmuseum werden nicht nur verschiedene Perspektiven einander gegenübergestellt – sie kommen in beeindruckender Weise auch zusammen. Gemeinsam haben die Künstlerin Lisa Hilli und der Historiker Tobias Goebel in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Schifffahrtsmuseum eine Ausstellung zur deutschen Kolonialgeschichte im Westpazifik zusammengestellt, die alte Perspektiven aufarbeitet und dabei neue schafft.

Portrait von einem älteren Tolai-Mann (Damien Kereku) der ein von Lisa Hilli hergestelltes Midi trägt
© Lisa Hilli: „Damien Kereku wearing a Midi, Matupit, Papua-Neuguinea“, 2015

Was vor fast 140 Jahren begann, prägt das Leben der Menschen bis heute: Der Nordosten Neuguineas sowie der Bismarck-Archipel im Westpazifik wurden 1899 zum Teil des deutschen Kolonialreichs erklärt. Was zunächst als strategischer Ausbau von Schifffahrtsrouten und Handelsbeziehungen zwischen deutschen Kaufleuten und der ansässigen Bevölkerung begann, sollte im Laufe der Entwicklung hin zum staatlich verwalteten Kolonialgebiet zu drastischen Veränderungen führen. Die Tolai – es handelt sich hier um die heutige kollektive Eigenbezeichnung von damals zwar soziokulturell ähnlichen, aber voneinander unabhängigen Gruppen, die innerhalb dieses Gebietes lebten – wurden zu Untertanen des deutschen Reichs erklärt und lebten unter zunehmend von Ausbeutung und Gewalt geprägter Fremdherrschaft. 

Nur auf den ersten Blick handelt es sich bei Points of View um eine kleine Ausstellung in gewohnt dunklen Museumsräumen und entpuppt sich schnell als spannender Dialog im dreidimensionalen Raum, in dem so einiges einander gegenübergestellt und zusammengebracht wird. Der Name Points of View hätte nicht besser gewählt sein können, sind es doch nicht nur die biographisch-künstlerischen und historisch-wissenschaftlichen Zugänge der Kurator*innen, sondern auch die Perspektiven der kolonialisierten Tolai und der deutschen Kolonialherren, die im Zentrum dieser Ausstellung stehen. Zu sehen sind neben Landkarten und Schiffsmodellen vor allem die künstlerischen Arbeiten von Lisa Hilli, die sich damit auseinandersetzt, was durch die Kolonialisierung kulturell verloren ging, aber auch zur kulturellen Praxis der Tolai dazukam.

Während sich der in Bremen ansässige Historiker Tobias Goebel intensiv mit der deutschen Kolonialgeschichte im Westpazifik in Hinblick auf die Rolle Bremens und des Norddeutschen Lloyd befasst hat, findet die in Melbourne lebende Künstlerin und Wissenschaftlerin Lisa Hilli durch ihre biographisch-familiären Bezüge zur Gruppe der Tolai in ihrer Kunst einen sehr persönlichen Zugang zur Kolonialisierungsgeschichte und deren soziokulturellen Folgen. Durch ihre enge und langjährige Zusammenarbeit gelingt Lisa Hilli und Tobias Goebel eine Einordnung der damaligen Kolonialzeit als Entwicklungsprozess, den verschiedenste Akteur*innen mit ihren jeweiligen Interessen auf beiden Seiten entscheidend mitgeprägt haben. So unterschiedlich die Zugänge der beiden Kurator*innen sind, ihr Interesse teilen die beiden: konkrete Geschichten und Schicksale erzählen, Lücken füllen und Zusammenhänge aufzeigen. Was Lisa Hilli durch ihre Kunst darstellt und aufarbeitet, wird durch die Texte von Tobias Göbel historisch-wissenschaftlich eingebettet. Hinzu kommen persönliche Schilderungen und Perspektiven milanesischer Arbeiter*innen und deren Vermittler*innen in audio-visuellen Formaten.

Foto einer Familie Deutsch-Neuguinea aus der Kolonialzeit mit nachkolorierter Kleidung der Frau. Im Hintergrund auf den damals dort gesprochenen Sprachen steht „Mr. Albert, did you pay the shell money?“
© Lisa Hilli: „Mr. Albert, did you pay the shell money“ 2024

Points of View nimmt Besucher*innen mit auf die Spurensuche nach vergessenen Geschichten und noch unerzählten Schicksalen und stellt die deutsche Kolonialgeschichte im Westpazifik als einen spannungsreichen Prozess zwischen Vermischung und Separierung, Ausbeutung und Auflehnung und Fremd- und Rückaneignung dar. Durch die ausbalancierte Mischung von historischen Fakten, sozio-kulturellen Erläuterungen und persönlichen Geschichten wird der Besuch zu einem Wechselbad der Gefühle: von tiefer Rührung, belustigtem Schmunzeln und eiskaltem Schaudern - die Emotionen sind so vielfältig wie die Geschichten, die erzählt werden. 

Die Ausstellung läuft noch bis zum 18. August. Begleitend finden zahlreiche Expert*innnegespräche, Vorträge und Sonderführungen statt. Mehr Informationen zur Ausstellung und weiteren Terminen gibt es beim Hafenmuseum Bremen


Luise Heumann-Kiesler

wurde 1995 in Wiesbaden geboren und hat Germanistik und Soziologie in Frankfurt am Main studiert. 2022 ist sie für den Master Sozialpolitik nach Bremen gezogen und macht derzeit ein Praktikum in unserer Redaktion.

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Portrait von Luise Heumann-Kiesler.
© privat

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