Spanisch ist nicht gleich Spanisch: Interview mit Christian Hansen

In dieser Ausgabe haben wir Lesetipps für spanische Bücher, ein Interview mit Antonio Muñoz Molina und einen Gästebucheintrag von Sara Mesa. Natürlich spricht aber nicht jede*r spanisch und ohne Übersetzungen wären uns viele der Werke, über die wir hier sprechen nicht zugänglich. Christian Hansen, Übersetzer für spanische Literatur, gibt uns deshalb Einblicke in sein Handwerk, erklärt, wo die Unterschiede zwischen den Sprachen liegen und was er am Spanischen und am Deutschen am meisten mag.

Was sind die Besonderheiten, wenn man vom Spanischen ins Deutsche übersetzt? 

Grundsätzlich die gleichen wie bei jedem Transfer von einer romanischen in eine germanische Sprache: Beide unterscheiden sich durch ihr syntaktisches Gerippe, ihre verbale und temporale Muskulatur und ihr rhetorisches Nervensystem. Manchmal kommt es eben darauf an, dass ein bestimmtes Wort an einer bestimmten Stelle im Satz steht, weit vorn oder weit hinten, und obwohl das Deutsche syntaktisch schon enorm flexibel ist, geht das nicht immer. Und dann hat das Spanische vom Lateinischen eine den Verben per Konjugation eingeschriebene komplexe Temporalität geerbt, während das deutsche Verb aus eigener Kraft nur zwei Zeiten ausdrücken kann, Präsenz und Präteritum – alles andere sagt es durch trickreiches Zusammenspannen mit sogenannten Hilfsverben (haben, sein, werden etc.).

Noch grundsätzlicher gesprochen gibt es aber wahrscheinlich – egal zwischen welchen Sprachen – kein einziges Wort, das sich 1:1 übersetzen lässt. Keines, das die Lücke ausfüllen könnte, die jedes Wort des Originals reißt, wenn es im Zuge der Übersetzung ausgetauscht wird. Wenn man nur die Wortebene betrachtet, könnte man überspitzt formulieren, dass sich eine Übersetzung zum Original verhält wie eine rhetorische Figur (Metapher, Metonymie, Syntagma etc.pp.): Sie sagt nur mehr oder weniger dasselbe und ist immer uneigentliche, übertragene Rede. Aber nun kommt ein Wort selten allein, es neigt zur Satz- und Textbildung, und Texte sind Ökosysteme, in denen man versuchen kann, den semantischen Jitter, die tonalen Verzerrungen und rhythmischen Verrückungen wieder zurechtzubiegen. Weshalb die meiste Arbeit und größte Schwierigkeit eben doch die eigene oder Zielsprache macht.


Gibt es Dinge, die sich besonders gut oder besonders schwer übersetzen lassen?

Schlecht geschriebene Literatur ist meist schwerer zu übersetzen als gut geschriebene. Warum? Weil sich schlechte Literatur oft dadurch auszeichnet, dass sich jemand des Unterschiedes zwischen gesprochener und geschriebener Sprache nicht wirklich bewusst war. Wer schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, produziert automatisch schlechte Literatur. Schrift ist immer Kunst, insofern eine komplexe Wirklichkeit mittels einer sehr kleinen Zeichenmenge codiert werden muss; nicht so beim Sprechen, wo sich durch die Unterstützung anderer Sinnesorgane das meiste schon von selbst versteht. Und je präziser bzw. kunstvoller die Übertragung von Vorstellung bzw. Wahrnehmung in Zeichen erfolgt, desto leichter lässt sich diese Codierung dechiffrieren und erneut, diesmal in ein anderes Zeichensystem, übertragen. Zum Schwersten gehört es übrigens, gesprochene Sprache so zu verschriftlichen, dass sie authentisch wirkt. Und entsprechend schwierig gestaltet sich auch die Übersetzung der besonderen Rhetorizität literarisierter gesprochener spanischer Sprache. Hier helfen einem die Worte des Originals nicht weiter; es kann vorkommen, dass man alle fallen lassen und ganz andere verwenden muss.

Was magst du am meisten an der spanischen Sprache und was an der Deutschen? Gibt es Ausdrücke, die es nur in einer der beiden Sprachen gibt, die du in der anderen vermisst?

Am Spanischen mag ich die lateinisch nüchterne und zupackende Art des Ausdrucks, die Koketterie der Diminutive. Beim Deutschen denke ich sofort an die berühmt-berüchtigten Partikel, mit denen sich feinste Schattierungen und Tönungen ausdrücken lassen, mit denen man aber auch stundenlang um den heißen Brei herumreden kann (weil ich dann irgendwie doch auch einfach schon gewissermaßen nicht mehr so ganz richtig gut drauf war...). Und ich bewundere die spanische Sprache dafür, dass sie dasselbe ohne Worte (oder jedenfalls mit deutlich weniger Worten) ausdrücken kann, und wie sie das macht: mit der Kraft ihrer syntaktischen Ökonomie – sofern nicht spanische Übersetzer*innen auf die fatale Idee kommen, sie müssten all die kleinen Sprachbefindlichkeitssignale mit übersetzen, und daran verzweifeln... Persönlich kann ich mir ein sprachliches Leben ohne nicht recht vorstellen, – genauso wenig wie ohne die sagenhafte alchemistische Fähigkeit des Deutschen, aus (fast) beliebig vielen Worten ein neues, nie dagewesenes zu bilden. Weshalb es Literaturübersetzer*innen übrigens tunlichst vermeiden sollten, sich – wie in anderen Sprachen üblich – nach Worten bezahlen zu lassen. Die allerschönsten Ausdrücke für mich sind aber die unzähligen Zwitterworte, die meine Kinder aus dem Ärmel schütteln. Molestiert mich gar nicht, im Kontrarium!


Christian Hansen

geboren 1962 in Köln studierte Komparatistik, Lateinamerikanistik und Theaterwissenschaft in Berlin und Paris. Seit 1996 übersetzt er spanische und lateinamerikanische Literatur (u.a. Roberto Bolaño, Alan Pauls, César Aira, Selva Almada) und arbeitet als Dozent für literarisches Übersetzen. Im Wintersemester 2021/22 hat er ein Seminar an der Universität Bremen gegeben. Er lebt mit Frau und zwei Kindern in Berlin und Madrid.

Foto von Christian Hansen
© privat

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