Umgeblättert: Armleuchteralgen III

Hand blättert um
© Rike Oehlerking

Noch Tage später lässt sie sein Blick nicht los. Warum wollte er das wissen? Ob er Schuld sei? Sie ist doch kein Beichtvater oder seine Kummerkastentante. Wie soll sie ihm helfen, das zu vergessen, sie kann es ja selbst nicht. Aber ein bisschen aufregend war es doch, ihn so wiederzusehen. Dass er mit ihr gesprochen hat. Vielleicht wirkt das, was sie vor einem Jahr auseinandergetrieben hat, nach einiger Zeit anziehend? Wenn er mit jemandem reden will, kann er das nur mit ihr. Mit niemandem sonst.

Sie kritzelt Spiralen und kleine Dreiecke an den Rand des Matheheftes. Komisch wäre es schon. So als wäre sie da und würde sie beobachten. Anna. Aber sie hätte bestimmt gewollt, dass sie glücklich sind. Sie kann nicht anders als sich eine Tote als jemanden vorzustellen, der nichts mehr davon hat, zu missgönnen. Frei.

Und sie, ist sie frei? Und er? Vielleicht können sie beide nicht loslassen, weil sie versucht haben, alles mit sich allein auszumachen? Aber das ist nicht ihre Schuld, sie hatte ihn schon mal angesprochen. Ganz entspannt, bei einer Feier drei Monate später. „Hallo, lange nicht gesehen.“ Und er? Hatte sie einfach stehen gelassen, war danach unauffindbar gewesen. Und jetzt kommt er hierher und kippt sein schwarzes Geheimnis vor ihr aus. „Hast du auch so etwas? Ist das unseres?“

Sie schnippt den Stift weg, der bis zur Fensterbank fliegt. Wenn er sie in den Arm nehmen könnte, einmal vielleicht. Vielleicht wäre dann alles besser. Für ihn auch.


Auf dem Weg zu ihm merkt sie, wie ihr Herz sich aufschwingt, in eine mögliche Zukunft ohne Angst. Er leidet und sie kann ihm helfen. Und nur sie. Der Gedanke gibt ihr Kraft. Bis sie vor der Tür seines Elternhauses steht. Sie zögert, doch dann sagt sie sich, dass er schließlich auch einfach bei ihr aufgetaucht ist. Sie klingelt. Seine Mutter öffnet, eine kleine Frau ohnehin, jetzt sieht sie geschrumpft aus, mit Falten um die Augen, Trauer im Gesicht. „Ja?“

„Ich wollte zu ...“

Hinter ihr kommt sein Vater eilig durch den Flur, schiebt seine Frau beiseite und tritt auf die Vortreppe. Schließt die Tür hinter sich. „Simon ist im Krankenhaus. Soll ich ihm etwas ausrichten?“

„Was ist passiert?“ Noch bevor er antwortet, weiß sie es, dreht sich um und rennt los. Hält inne. „Wo, in welchem ...?“

„St. Joseph Stift, aber ich glaube kaum...“

Sie hört schon nicht mehr zu. Das sind fünfzehn Minuten mit dem Rad bis dahin, so wie sie fährt, zehn. Am Empfang erbarmt sich die Frau, als sie ihr Gesicht sieht. Die Panik muss ihr eingeschrieben sein. „Allgemeine, Zimmer neun.“

Erst als sie aus dem Fahrstuhl steigt, mäßigt sie ihren Schritt. Alles ist kalt und weiß. Wie Schuld. Sie macht leise die Tür auf und hinter sich zu, er schläft. Weggetreten. Beide Arme sind bandagiert. Ihr Herz klopft wie verrückt. Der Hals rau von lauter Schweigen. Sie steht an Rand des Zimmers. Weiß plötzlich, dass sie nicht das Recht hat, näher zu kommen, wenn sie es nicht ausspricht. Einen Dämon muss man ja auch über die Schwelle bitten.


„Es tut mir leid. Ich hätte Anna damals diese Pille nicht geben dürfen. Ich wolle einfach, dass es ein Abend für dich und mich wird. Sie hätte doch nur schlafen sollen.“

Wie eine Feder erhebt sich das geflüsterte Geständnis in die Luft, schwebt über dem Bett, vertreibt ungehört.

Kurz darauf schlägt er die Augen auf. „Du bist gekommen!“


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Meike Dannenberg

ist Literaturredakteurin beim Magazin BÜCHER. Ihre Kriminalromane Blumenkinder (2016) und Gefährdet (2019) aus der Reihe um die BKA Ermittlerin Nora Klerner und den Fallanalytiker Johan Helms sind bei Randomhouse/btb erschienen. Seit 2013 lebt sie mit ihrer Familie in Bremen.

Zum Autorinnenprofil von Meike Dannenberg

Porträt von Meike Dannenberg
© Linda Heyat

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