Aus dem Koller: "Großkram"

In der dritten Ausgabe des Literaturmagazins Koller wird’s bunt, denn der Koller widmet sich einem polarisierenden Thema: dem Kitsch. 17 Autor*innen und 17 Illustrator*innen haben sich des Phänomens in allen Facetten angenommen. Einige Texte sind in Schreibwerkstätten des Kollit entstanden, andere haben die festen Teammitglieder beigesteuert. Im Literaturmagazin Bremen zeigen wir diesen Monat eine Kurzgeschichte und eine der zugehörigen Illustrationen aus dem Koller Nr. 3. Den Rest findest du im gedruckten Heft. Das ist ab sofort online auf der Website des Kollit bestellbar oder in ausgewählten Buchhandlungen zu haben. 

Das Kollit ist das Junge Kollektiv für Literatur in Bremen. Der Zusammenschluss von jungen Autor*innen aus Bremen und Umgebung hat das Ziel, neue Räume für den literarischen Nachwuchs zu schaffen.

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Cover vom Koller #3 "Kitsch"
© Kollit

Großkram
von Vera Broszeit

Der Kleinkram ist jetzt Großkram.

Er war am Anfang nur auf dem Fensterbrett neben dem Wohnzimmerschrank.

Ein Foto von euch,

die Arme umeinander,

die Augen geschlossen.

Ihr habt euch geschworen, dass das für immer ist.

Immer ist jetzt vorbei. Und irgendwie wusstest du das schon. Weil „immer“ bei dir eben immer vorbei geht, wiel da nie ein Happy Ending ist.

Auf einem Pappkarton steht in roter Druckschrift "Dachboden".
© Rike Oehlerking

Der Kleinkram ist jetzt Großkram und er ist überall und so viel.

Erinnerungen wie plattgepresste Blumenblüten zwischen Tagebuchseiten.

Als du ausziehst, passt die gesamte Romantik in einen einzigen Karton.

Er ist so schwer wie dein Herz.

Da sind Ohrringe drin. Die hast du ihm al in die Hand gedrückt, als du ins Wasser gesprungen bist. Er hat sie in seine Hosentasche gesteckt und Tage später zu Hause dann auf den Nachttisch gelegt, und du hast sie seitdem nie wieder getragen.

Und da ist eine Quittung, anfangs noch weiß wie die Unschuld, inzwischen vergilbt und kaum lesbar. Sie ist von eurem ersten Restaurantbesuch, bei dem unauthentischen Italiener, bei dem du nur einen Salat bestellt hast, obwohl du eine Portion Nudeln wolltest. Und Servietten sind da, aus jedem Restaurant, in dem ihr gemeinsam wart. Keine ist doppelt.

Eine CD mit Songs, die er für dich zusammengestellt hat und die du nun nie wieder hören kannst, denn jedes Mal, wenn sie „Golden Years“ von Bowie im Radio spielen, zerreißt es dich innerlich in tausend Stücke.

Du fühlst dich betrogen vom Leben und von ihm sowieso. Du bist ganz leer und trotzdem voller Wut und Trauer.

Du legst erst deine rechte Hand auf dein Herz, dann die linke obendrauf. Das hier musst du beschützen. Wie Kussmundabdrücke auf Liebesbriefen schreibst du in Rot „Dachboden“ auf den Karton.

Du packst auch noch die Hoffnung mit rein, verschließt ich gut, bevor sie wieder herauskommt und du sie dir an die Brust stecken willst, wie eine Brosche, nach der die Leute dich fragen und du dann sagen willst, dass sie dir dieser eine, ganz besondere Mensch gegeben hat.

Das Portrait zeigt die Studentin und Jungautorin Vera Broszeit.
© privat

Vera Broszeit

wurde 1996 geboren. Sie studiert nach einigen Jahren in der Finanzbuchhaltung nun Linguistik und Germanistik an der Universität BRemen, da die Liebe zum Wort größer ist als die Liebe zu den Zahlen. Sie sitzt gerne im Publikum bei Poetry Slams und nimmt manchmal auch an Schreibworkshops teil. Großkram ist ihr erster im Koller veröffentlichter Text.

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