Satzwende: Imke-Müller Hellmann

Zucker auf einem Tisch
© Rike Oehlerking

Was ist queere Literatur?

Von Imke Müller-Hellmann

Es gibt viele verschiedene Arten von Zucker. Beim Wort „Zucker“ denkt man an den weißen Rieselzucker. Er ist der typische Zucker. Er kommt dem Gedanken, dem Geschmack und den vorherrschenden Bildern von Zucker am nächsten. Der Kandis-, der Würfel- oder der Puderzucker müssen sich in ihrem Namen definieren. Der Rieselzucker nicht. Er hat das Wort „Zucker“ auf sich gebucht.1

Es gibt die schöne Geschichte2 von den zwei jungen Fischen, die durch den See schwimmen. Ein älterer Fisch kommt vorbei und grüßt: Moin zusammen, wie ist das Wasser heute? Gut, gut, murmeln sie und schwimmen weiter. Sagt eine der beiden: Was zur Hölle ist Wasser?


Queer bezeichnet die Abweichung von der Normalität der kulturellen Vorgaben zum Geschlecht und zum Begehren. Normalität kommt von „Norm“, das Verb dazu ist „normieren“. Normieren ist Ausüben von Macht. Die Norm ist an ihren Rändern ein ungemütlicher Raum, in ihrem Zentrum ein unauffälliger. Sie ist wie das Wasser der beiden Fische. Die Fische wissen nicht, worin sie schwimmen. Wären sie nur einige Sekunden an Land, wüssten sie es. Fische, die einmal an Land waren, können von Wasser erzählen. Die anderen – meistens – nicht.

Die Comiczeichnerin Alison Bechdel hat einen berühmten Test für die Beurteilung von Filmen entwickelt.3 Es sind drei einfache Fragen: 1. Gibt es mindestens zwei Frauenrollen im Film? 2. Sprechen die Frauen miteinander? 3. Unterhalten sie sich über etwas anderes als über einen Mann? Ich hielt diesen Test für einen Scherz und ging die Filme meiner Jugend durch. Das Ergebnis war: Fast keiner bestand. Was zur Hölle ist Wasser?


Was ist queere Literatur? Zwei Thesen, zwei Ausblicke:

1. Queere Menschen schreiben nicht unbedingt queere Literatur. Die nigerianische Schriftstellerin Adichi erzählt, wie ihre ersten Texte von weißen, blauäugigen Menschen handelten, die im Schnee spielten und Äpfel aßen. In Nigeria gibt es keinen Schnee und keine Äpfel, aber in der Kolonialmacht England, also in den Kinderbüchern, die Adichi las. Adichi spricht von der Gefahr der „einen einzigen Geschichte“4. Ähnlich und doch ganz anders ist meine Erfahrung in queer: Der erzählende, weiße Mann in der Ich-Form meiner ersten Kurzgeschichten tauchte sehr selbstverständlich und sehr hartnäckig auf. Er darf ja da sein. Aber warum tauchte die autonom handelnde und sich nicht vor allem auf Männer beziehende Frau so wenig auf? Und warum wurde der Text sperrig, wenn ich so eine Frau in die Ich-Form setzte? Nie darf man so tief sinken, von dem Wasser, durch das man schwimmen muss, auch noch zu trinken. Einverstanden. Aber unmöglich, wenn man nicht weiß, was Wasser ist. Und schwer möglich, wenn man es weiß, aber die „eine einzige Geschichte“ so verflixt nachhaltig wirkmächtig ist.

 

2. Queere Literatur entwöhnt von Machtstrukturen. Sie fügt den ewig gleichen Geschlechterrollen (gähn) und Körperformen (ggggrrrrr…riot!) vielfältige andere hinzu. In ihr handeln Frauen autonom und beziehen sich aufeinander (crazy). In ihr agieren gleichgeschlechtlich liebende Menschen und dicke und beeinträchtigte selbstverständlich in allen möglichen Rollen, ohne als gleichgeschlechtlich, dick oder beeinträchtig markiert zu werden. In ihr bedeutet Frausein erst einmal gar nichts. Sondern alles Mögliche. Und Sexualität ebenso. Apropos ebenso: Homogeschichten und Heterogeschichten können und sollen machtentwöhnte und machtentwöhnende sein. Liebe queere Heteras, liebe Cis5-Männer-Feministen, auch Ihr: Erforscht das Wasser und schreibt!

 

3. Queere Literatur schafft sich als Ziel selber ab. Die Utopie: Das Bewusstsein für das Wasser und seine Beschaffenheit ist da. Die Vielfalt an Möglichkeiten des sich aufeinander Beziehens ist da. Die freie Wahl von Geschlechtsattributen ist da. Toxische Attribute sind als toxisch entlarvt. Andere Machtstrukturen auch. Queer deckt auf durch Erzählen. Erzählen verändert durch Erkennen. Erkennen verändert durch Bewusstheit. Bei „Zucker“ wird man an viele Arten von Zucker denken. Bei „Literatur“ selbstverständlich auch an queere.

 

4. Bis es so weit ist, wird jede Literatur bezeichnet. Auch der weiße Rieselzucker muss sagen, dass er weiß ist und rieselt. Die Überschriften der Regale in der Stadtbibliothek werden differenzierter sein: Hier die Cis-Männer-Allmachtsphantasie-Literatur (darunter viele Klassiker und „heilige Schriften“) neben der Fülle an 65-Prozent-Literatur (der weiße Rieselzucker der Sexualität führt – laut Wikipedia – nur 65% der Heterofrauen zur Befriedigung (surprise))6, neben der Gewalt-an-Frauen-reproduzierenden-Literatur (viele Bestseller) und der Dicke-Körper-und-andere-die-nichtweißschlankjung-sind-Abwertungs-Literatur. Die Bibliotheksangestellten werden viele Diskussionen führen. Fließende Übergänge sind anzunehmen.

In einer Erzählung von Marie-Luise Kaschnitz möchte der Mönch Benda am Ende seines Lebens eine Rede halten, in der die Erfahrungen all seiner Wanderjahre vorkommen, sozusagen der Geschmack all dessen, was er erlebte. Ich fand dieses Bild immer kitschgefährdet und immer schön. Die Vorstellung, queer zu schreiben, selbst wenn es nicht um ein explizit queeres Thema geht, halte ich für eine erstrebenswerte.

1 Das Bild des Zuckers verwendet Luise Pusch in der Glosse Ist dies schon Wahnsinn, hat es doch Methode in: Alle Menschen werden Schwestern. Feministische Sprachkritik. Suhrkamp 1990.

2 Auch David Foster Wallace erzählt sie in: Das hier ist Wasser - This is Water. Kiepenheuer und Wtisch 2005. Hier findest du einen Lesetipp dazu.

3 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Bechdel-Test

4 Chimamanda Adichi (2009): Die Gefahr der einen einzigen Geschichte. Siehe https://www.ted.com/talks/chimamanda_adichie_the_danger_of_a_single_story

5 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Cisgender

6 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Orgasmus

Porträt von Imke Müller-Hellmann
© Privat

Imke Müller-Hellmann

wurde 1975 in Aachen geboren, ist in Köln aufgewachsen und lebt inzwischen in Bremen. Sie studierte Religionswissenschaft und Pädagogik und arbeitet als Jobcoach für Menschen mit Behinderung. Außerdem schreibt sie Erzählungen und literarische Sachbücher. Ihre Kurzgeschichten wurden mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet. 2014 Zuletzt erschienen Verschwunden in Deutschland – Lebensgeschichten von KZ-Opfern – Auf Spurensuche durch Europa (Osburg 2014) und Leute machen Kleider – Eine Reise durch die globale Textilindustrie (Osburg 2017). Für Leute machen Kleider war sie Stipendiatin des Grenzgänger-Stipendiums der Robert-Bosch-Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin.

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Lesetipp: Vanessa Guinan-Bank empfiehlt

Auf einem Instagram-Bild küssen sich zwei Frauen - für viele ist das immer noch ein Problem. Dass solch eine Geschichte kein Einzelfall ist, sondern Teil ineinander verwobener Diskriminierungsstrukturen, erläutert Emilia Roig im Sachbuch "Why We Matter" (Aufbau 2021). Ein Buchtipp von Journalistin Vanessa Guinan-Bank.