Wild und ruppig, zart und berührend: Ausstellungen „verrücker“ Kunst in Heidelberg und Bremen

Rot umrissene Häuser stehen auf gelbem Hintergrund.
© Paula Kleine

In gewisser Weise befinden sich die Bilder, wegen derer wir nach Heidelberg gefahren sind, gar nicht in Heidelberg, sondern in Bremen. Es sind Bilder, die ab Mitte der 80er Jahre im Bremer Blaumeier-Atelier entstanden sind, gemalt von Menschen, die zuvor eingesperrt gewesen waren. Eingesperrt im Kloster Blankenburg bei Oldenburg, einer Außenstelle des Zentralkrankenhauses Bremen Ost. Eingesperrt aus unterschiedlichsten Gründen: Weil sie geistig behindert waren oder chronisch psychisch krank, weil sie obdachlos waren oder auf irgendeine Weise „die Ordnung“ störten. Mit einer großen Selbstverständlichkeit existierten solche Einrichtungen überall in Deutschland, bis 1975 eine Enquete-Kommission des Bundestages die skandalösen Bedingungen anprangerte. Endlich wurde einer größeren Öffentlichkeit bekannt, „daß eine sehr große Anzahl psychisch Kranker und Behinderter in den stationären Einrichtungen unter elenden, zum Teil als menschenunwürdig zu bezeichnenden Umständen leben müssen.“

In einem einzigartigen Modellprojekt übernahm Bremen eine Vorreiterrolle und löste die Anstalt allmählich auf. Im Zuge dieser Entwicklung gründeten ehemalige Patient*innen und Künstler*innen 1986 gemeinsam das Blaumeier-Atelier. In einem umgebauten Pferdestall geriet auf eine wunderbare Weise alles Durcheinander: die unterschiedlichen künstlerischen Bereiche ebenso wie die Menschen. „Verrückt normal“ oder „normal verrückt“, das spielte keine große Rolle mehr. Es wurde gemalt und Theater gespielt. Masken wurden gebaut und manchmal gab es große Spektakel, wie z. B. Jakobs Krönung oder Fast Faust.

Wild und ruppig in einem Moment und zart und berührend im nächsten, so ging und geht es bis heute bei Blaumeier zu und so sind oft auch die Bilder, die dort entstehen. Sie geben erlebter Verzweiflung und erzwungener Sprachlosigkeit ebenso Ausdruck wie einer oftmals alle Schrecken des Erlebten trotzenden Lebensfreude. Das gilt für die ersten Bilder, die dort entstanden sind genauso wie für die Werke der jüngsten Blaumeier-Gruppe Blaue Sau, die das „klassische“ Repertoire der freien Blaumeier-Malerei (Acrylfarbe, Stifte und Ölkreiden) erweitert: um Graffitis, Comics und Stop-Motion-Trickfilme. 

In einem engen Gang stehen Bücher und hängen Bilder.
© Merle Lange

Weil Blaumeier in diesem Jahr 40 Jahre alt wird, weil es eine Ausstellung im Bremer Wagenfeld Haus geben wird, die unter dem Titel Ein guter Anfang Bilder aus den ersten Jahren solchen der Blauen Sau gegenüberstellt, reisen wir als kleine Blaumeier-Reisegruppe im Februar 2026 nach Heidelberg. Im Gepäck haben wir die Fragen, die uns im Zusammenhang mit der Ausstellung umtreiben: Welche Bezeichnungen, welche Informationen, welche thematischen Kontexte halten wir heute für passend, da sich die alten Begriffe schon lange als unangemessen erwiesen haben? Sind die Werke oder die Künstler*innen „Outsider“? Ist es sinnvoll, die Bezeichnung „Künstler*in“ für Menschen zu verwenden, die sich selbst gar nicht so verstehen? Und können wir der Frage, ob das Kunst ist, noch irgendeinen spannenden Gedanken abgewinnen?

Wer sich für diese Fragen interessiert, findet in Deutschland wohl kaum eine anregendere Adresse als die berühmte Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, die ausschließlich Kunst von Patient*innen psychiatrischer Anstalten und Krankenhäuser umfasst, allein ca. 8.000 Werke aus den Jahren 1840 bis 1945. Auch dort gibt es dieses Jahr eine Jubiläumsausstellung: Alles Kunst? 25 Jahre Museum Sammlung Prinzhorn. Erst 25 Jahre, wenn man bedenkt, dass die Sammlung selbst über hundert Jahre alt ist und es ein zäher Kampf war, bis die Sammlung über dieses (viel zu kleine) Museum überhaupt verfügen konnte. Aber wie sollte es anders sein, bei einem Thema, das immer noch randständig scheint – und zugleich dazu einlädt, die „großen Fragen“ aufzuwerfen, die uns alle auf die ein oder andere Weise betreffen: Wer bin ich? Bilder der Identitätssuche ist der Titel der Ausstellung, durch die uns im Februar deren Kuratorin Dr. Ingrid von Beyme, führt. 

Die Galerie in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg hat blaue Wände.
© Merle Lange
Das Bild zeigt einen Flur in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg.
© Merle Lange

Dass wir unbedingt wiederkommen wollen, wissen wir schon, als wir das Museum noch gar nicht verlassen haben. Wissen wir schon, noch bevor wir staunend das Museum Haus Cajeth am nächsten Tag betreten haben, das sich auf „Outsider Art“ und „Naive Kunst“ konzentriert und bevor wir uns so sehr in Hassbecker’s Galerie & Buchhandlung direkt neben dem Museum verliebt haben, dass wir darüber fast den Zug zurück nach Bremen verpassen. 

Im Zug stöbern wir in den zahlreichen Katalogen und Büchern und staunen über die zahlreichen Verbindungen, die sich auftun, zwischen alten und jungen, zwischen Bremer und Heidelberger Künstler*innen, zwischen Motiven und Herangehensweisen. Ich denke an die wunderbaren Texte der Blaumeier-Künstler*innen Carl F und Cornelia Koch und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn nicht nur wir, sondern auch einige Kunstwerke einmal von Bremen nach Heidelberg reisen würden. Vielleicht könnten Blaumeier-Künstler*innen auf Werke aus der Sammlung Prinzhorn „reagieren“?

Vielleicht lässt sich das oder etwas ganz anderes realisieren, wenn die großen Jubiläen vorbei sind, die Ausstellungen eingepackt, vielleicht können wir dem bereits so bewährten Austausch zwischen den einzigen beiden deutschen Städten, die den UNESCO-Titel City of Literature tragen dürfen (der uns diese Reise ja überhaupt ermöglichte), eine weitere Facette hinzuzufügen.

Bis dahin gilt: Schaut Euch unbedingt die beiden Ausstellungen an!

Text: Jutta Reichelt

Ein guter Anfang: 40 Jahre Blaumeier im Wilhelm Wagenfeld Haus vom 12.06. bis 04.10.26. Im Rahmen des umfangreichen Begleitprogramms bietet die Autorin dieses Textes Jutta Reichelt Schreibworkshops an. Infos: www.blaumeier.de

Alles Kunst? 25 Jahre Sammlung Prinzhorn ab 28.06.26 Infos: sammlung-prinzhorn.de

Jutta Reichelt 

wurde 1967 geboren und lebt als Schriftstellerin und Geschichtenanstifterin in Bremen. Sie schreibt Romane, Erzählungen, literarische Essays und bloggt Über das Schreiben von Geschichten. Sie wurde für ihre schriftstellerische Arbeit bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2020 mit dem Projektstipendium der Freien Hansestadt Bremen für Mein Leben war nicht, wie es war, das 2024 im Kröner Verlag (Stuttgart) erschien. Zuvor waren bereits der Roman Wiederholte Verdächtigungen (Klöpfer & Meyer 2015), die Erzählungen Es wäre schön (logbuch 2014) und der Portraitband Blaumeier oder der Möglichkeitssinn erschienen. 

Für unterschiedliche Institutionen entwickelt und leitet Jutta Reichelt Bildungszeiten, Schreibwerkstätten und -projekte, aktuell z. B. unterschiedliche Angebote im Rahmen von queerlit! oder die monatliche Offene Schreibzeit in der Villa Ichon. Jutta Reichelt ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller und im Bremer Literaturhaus.

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Portrait der Autorin Jutta Reichelt
© Dorothea Salzmann-Schimkus

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