Lesezeichen: Eva Matz

Schwangerer Bauch von der Seite
© Rike Oehlerking

Madre mio dio! Oder auch: deine Mudda
Von Eva Matz

In meinem Körper wohnt ein weiterer Körper. Aber nicht wie ein evil twin und ich habe meinen Zwilling im Mutterleib gegessen. Diesmal bin ich selbst der Mutterleib.

In meinem Körper wächst ein Körper. Ein jemand. Das erscheint mir absurd.

Milliarden haben das schon vor mir erlebt. Ich bin auch aufgeklärt worden in der Schule. Ich weiß theoretisch, dass das passieren kann. Wenn sich zwei Zeichentrick-Katzen erst langsam und dann immer schneller aneinander reiben, dann wird ein Mensch mit Uterus und Eizellen schwanger. So wurde mir das in der Schule erklärt. Ob die Katzen hierbei besonders nah oder fern vom Uterus sein müssen, weiß ich dabei nicht so genau. Aber irgendwo haben sich augenscheinlich zwei Katzen aneinander gerieben und jetzt wohnt ein Körper in meinem Körper.

Die Menschen um mich herum nennen es „Wunder“ oder auch „Was? Du willst es behalten?!“. Bei den meisten heißt es aber „Herzlichen Glückwunsch!“. Das impliziert also, dass ich mich freuen soll. „Danke“, sage ich immer, freuen tue ich mich manchmal. Das schaffe ich nicht jedes Mal. Auch wenn mir die Baby-App, die mir jede Woche ein neues Obst oder Gemüse vorschlägt, das die ungefähre Größe des neuen Körpers haben soll, sagt, dass ich mich quasi freuen muss. Die App behauptet, dass wenn ich negative Gedanken habe und mich nicht freuen kann, dass sich das dann auch negativ auf die spätere Beziehung zu dem in mir heranwachsenden Kind auswirken wird. ‚Madre Mio!‘, denke ich oder eher ‚Madre tuo!‘, denn ich werde ja ‚deine Mudda‘ sein und bekomme einen kleinen Nervenzusammenbruch. Direkt darauf bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ja positive Gefühle haben soll. Ich würde jetzt wirklich gern eine rauchen. Aber das darf ich ja nicht mehr. „Gar nichts darf man mehr!“, rufe ich aus Versehen laut. „Genau!“, höre ich es zustimmend von hinten aus dem Bus und ärgere mich darüber, es nicht nur gedacht zu haben.

Ein Körperteil, das nicht meines ist, drückt gerade sehr ausgiebig in meine Blase und auch wenn ich nun schon wieder auf Klo muss, obwohl ich gar nichts getrunken habe, freue ich mich über den Druck. Er bedeutet, dass es dir, Körper, der du in meinem Körper heranwächst, noch gut geht.


Porträt von Eva Matz an ihrem Schreibtisch
© Katharina Guleikoff

Eva Matz

ist kryptische Lyrikerin, mit einem Lebenslauf, der ein Scheiterhaufen gesellschaftlicher Werte ist. Sie wurde nach Weltreisen und Straßenmusik in die Selbstständigkeit gezwungen - als sie aus ihrem Jurastudium herausflog. Seitdem ist sie hauptberuflich: Slam Poetin, Theaterschaffende, Musikerin, Workshop-Leiterin und Ehrenamtlerin. Seit 2014 leitet sie Workshops in Poetry Slam, kreativem Schreiben und Theater. Sie realisiert eigene Theaterprojekte und organisiert in Bremen diverse Poetry Slams und Lesebühnen. Eva Matz war mehrfach Finalistin der Nds/HB Meisterschaften, nahm 2018 an den deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften und 2024 am Finale des Slamovision teil. In ihren Texten stellt sie Fragen, Fragen die wir uns alle stellen sollten, in poetischem Wortklang verpackt & alles andere als verklärte Gesellschaftskritik.

Zum Autor*innenprofil

Weiterlesen:

KOLLER #4: Polyphonie – Stimmen der Stadt

Der neue Koller ist da! Die Zeitschrift für junge Literatur aus Bremen erscheint in seiner vierten Ausgabe. Unter dem Titel "Polyphonie – Stimmen der Stadt" versammelt er die Stimmen von 32 Autor*innen aus Bremen und der Region. Lies rein!

Unsere Lesetipps zum Thema Körper

Wie wird in Romanen und Sachtexten über körperliche Verletzlichkeit, Wandelbarkeit und Stärke erzählt? Unsere Redaktion stellt besondere Bücher über Körper vor. Welches davon möchtest du als nächstes lesen?

Satzwende: Son Lewandowski

Hüftschmal anstatt hüftbreit? In ihrer Kolumne "Satzwende" reflektiert Son Lewandowski Körperbilder und eine neue Art der Selbstbewertung. Erfahre mehr in ihrer Kolumne rund um das Thema Körper.