Dies ist ein Text über Fäden … Über echte Fäden aus Garn und über die Fäden, aus denen das Gewebe eines Textes besteht. Über Frauen, die mit der Nadel und nicht mit dem Stift schreiben. Über solche, die das freiwillig machen und andere, denen nichts anderes übrig blieb. Denen es an Stift oder Papier oder der Freiheit fehlte, zu schreiben, was sie schreiben wollten. Die heimlich in Stoffen unterbringen mussten, was nicht gesagt werden durfte.
Philomela ist eine dieser Frauen, die berühmteste vermutlich. In der griechischen Mythologie wird sie von Tereus, dem Mann ihrer Schwester Prokne vergewaltigt und tief im Wald gefangen gehalten. Damit sie ihn nicht verraten kann, schneidet er ihr die Zunge heraus. Aber die Sprachlosigkeit der Philomela ist nur eine scheinbare: Sie webt, was ihr widerfahren ist, in ein Gewand für ihre Schwester Prokne und wird von ihr befreit. Oder nein, so einfach kann es nicht gewesen sein, denn hätte Philomela das Verbrechen, das an ihr begangen wurde, so unmittelbar und direkt dargestellt, dann hätte das Gewand niemals seine Empfängerin erreicht. Sie muss eine Art Geheimsprache verwendet haben. Codes.
Können andere lesen, was wir schreiben? Verstehen sie es? Erreicht es sie? Das können existentielle Fragen sein. Fragen des Überlebens. Auch Agnes Richter stickte vermutlich um ihr Leben. Wie Philomela, die Weberin, beherrschte Agnes Richter als Näherin den Umgang mit Stoff, mit Nadel und Faden. Aber im Unterschied zu Philomela, der erfundenen Figur, hat Agnes Richter tatsächlich gelebt: 1844 wurde sie im sächsischen Zottewitz geboren, 1918 starb sie in der Anstalt Hubertusburg. Sehr viel mehr wissen wir nicht über die Frau, die mit ihrem „Jäckchen“ eine „Ikone der Outsider Art“ (Wikipedia) schuf. Kleinwüchsig war sie, deswegen ist „das Jäckchen“ tatsächlich für eine erwachsene Person klein geraten und die scheinbar verniedlichende Bezeichnung keine weitere Herabsetzung. Mutig muss sie gewesen sein, denn sie ging unverheiratet für acht Jahre in die USA. Zurückgekehrt fürchtete sie um ihre Ersparnisse und rief, offenbar mehrfach, nach der Polizei. Ihre Hoffnung auf Schutz verkehrte sich ins Gegenteil: Sie war es, die eingesperrt wurde.
Viele der autobiografischen Notizen, mit denen Agnes Richter ihre Jacke versehen hat, sind kaum zu entziffern: Weil sie in (für uns heute) schwer zu lesender Deutscher Schrift gestickt wurden; weil die Jacke durch Gebrauch und Waschgänge abgenutzt wurde; weil uns oft der Kontext fehlt. Dass wir mittlerweile überhaupt mehr als nur einige wenige Worte lesen können, verdanken wir einer weiteren stickenden Frau: Der Künstlerin Lisa Niederreiter. Mit ihr erreicht dieser Text die Gegenwart.
Lisa Niederreiter hat nähend und stickend auf Agnes Richters Jacke „reagiert“. Sie hat ein „Antwortkleid“ (2003, s. Foto) angefertigt und im Rahmen ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit Agnes Richter ihrer Mutter vergrößerte Fotos des Jäckchens vorgelegt. Die Mutter konnte weit mehr entziffern, als bis dahin bekannt war. Eigentlich wusste man durch das mehrfache Auftauchen von „Ich“, „Mein“ und zahlreichen Jahreszahlen nur, dass es sich überhaupt um biografische Notizen handelte. Doch nun können wir die starken Aussagen einer Frau lesen, die darauf besteht, dass sie gar nicht in diese Anstalt gehört, dass nicht sie es ist, mit der etwas nicht stimmt: Ich bin nicht krank! („Ich bin in kein Krankenzustand“), Ich gehöre in keine Anstalt! („In eine Anstalt zu bringen Ich bin nicht“). Und mehrfach: „Ich heiß Fräulein Emma Agnes Richter“.
Es brauchte in früheren Zeiten nicht viel, um Frauen in die Psychiatrie zu bringen. Es reichten entsprechende Gesuche von Ehemännern oder Brüdern. Es reichte die Weigerung der Frauen, sich in die vorgesehene Rolle zu fügen. „Ich verlange …“, auch das lässt sich auf dem Jäckchen mittlerweile entziffern. Wir wissen nicht, was Agnes Richter verlangt hat, aber vielleicht spielte das auch gar keine Rolle. Wahrscheinlich reichte es schon, dass sie nicht demütig bat, sondern „verlangte“, um die „Ordnung“ zu stören.
„Schreiben ist immer dialogisch“, sagt Siri Hustvedt. Manchmal kann dieser Dialog auch ein Selbstgespräch sein. Die meisten biografischen Notizen hat Agnes Richter im Inneren der Jacke angebracht. Sie hat sie auf der Haut getragen, sie konnte sie spüren, (nur) sie selbst konnte sie lesen. Diese Sätze waren vermutlich vor allem der Versuch, sich der eigenen Identität zu vergewissern, sie zu bewahren und zu verteidigen – gegen die zahllosen demütigenden Angriffe einer „totalen Institution“ (Erving Goffmann).
Dies ist ein Text über Fäden und über Frauen, die sticken und als ich schon begonnen hatte, über diesen Text nachzudenken, begegnete ich einer weiteren stickenden Künstlerin: Jacqueline Beauducel. Die deutsch-französische Künstlerin hat kürzlich in Saarbrücken in der Ausstellung Familien-Bande neben anderen eindrucksvollen Exponaten einen Mantel ausgestellt, auf den sie ihre Familiengeschichte gestickt hat. Auch die sexualisierte Gewalt durch ihren Vater findet dort ihren Platz.
Wir können kaum über das Schreiben, über Texte reden, ohne auf Begriffe aus dem Bereich des Nähens, des Webens und Stickens zurückzugreifen: Nicht nur der „rote Faden“ erinnert uns, wie nah sich der Text und alles Textile sind, wir verknüpfen auch Gedanken, spinnen Geschichten und manchmal verbinden wir Entferntes miteinander. Das Sticken, hat mir Jacqueline Beauducel erzählt, habe ihr durch seine Langsamkeit gutgetan, habe sie beruhigt. Vielleicht verbindet sie das mit Agnes Richter.
Dieser Text ist nach Wild und ruppig, zart und berührend. Ausstellungen „verrückter“ Kunst in Heidelberg und Bremen der zweite, in dem die Bremer Autorin Jutta Reichelt auf einen Besuch der Sammlung Prinzhorn (UNESCO City of Literature Heidelberg) „reagiert“, der im Februar 2026 stattfand und der Vorbereitung der Blaumeier-Ausstellung Ein guter Anfang im Bremer Wagenfeldhaus diente. Die Ausstellung ist noch bis zum 04.10.26 zu sehen, sämtliche Infos auch zu dem umfangreichen Begleitprogramm unter www.blaumeier.de
Jutta Reichelt
wurde 1967 geboren und lebt als Schriftstellerin und Geschichtenanstifterin in Bremen. Sie schreibt Romane, Erzählungen, literarische Essays und bloggt Über das Schreiben von Geschichten. Sie wurde für ihre schriftstellerische Arbeit bereits mehrfach ausgezeichnet, u.a. 2020 mit dem Projektstipendium der Freien Hansestadt Bremen für Mein Leben war nicht, wie es war, das 2024 im Kröner Verlag (Stuttgart) erschien. Zuvor waren bereits der Roman Wiederholte Verdächtigungen (Klöpfer & Meyer 2015), die Erzählungen Es wäre schön (logbuch 2014) und der Portraitband Blaumeier oder der Möglichkeitssinn erschienen.
Für unterschiedliche Institutionen entwickelt und leitet Jutta Reichelt Bildungszeiten, Schreibwerkstätten und -projekte, aktuell z. B. unterschiedliche Angebote im Rahmen von queerlit! oder die monatliche Offene Schreibzeit in der Villa Ichon. Jutta Reichelt ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller und im Bremer Literaturhaus.
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