Mit Wittgenstein in der Schwulensauna ist im Frühjahr 2026 im Karl Rauch Verlag erschienen. Derzeit ist Tschechien das Gastland der Frankfurter Buchmesse, und in wenigen Tagen, am 13. Oktober, liest der tschechische Autor und Journalist Vratislav Maňák im Rahmen der Veranstaltungsreihe queer.lit! vom Literaturhaus in Bremen.
In sieben soziologischen Reportagen (so die Genrebezeichnung im Buch) beobachtet Vratislav Maňák in „persönlich verbürgte[n] Betrachtungen“ die explizit schwule Kultur der Jetztzeit in Mitteleuropa.
Diese Reportagen beruhen aber nicht allein auf den ästhetisierten Beschreibungen der Orte durch den Autor, stattdessen nimmt Vratislav Maňák Bezug auf aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen, auf antike Mythologie, Popkultur und Standardwerke der Soziologie.
So geht es um Männertage in Saunen in Ungarn und darum, „dass [in Ungarn] queere Literatur in einem Umkreis von zweihundert Metern um Schulen und Kirchen nicht erhältlich sein darf. Ansonsten kann man sie zwar kaufen, aber sie darf laut Gesetz nicht im Schaufenster liegen und nur eingeschweißt ausgegeben werden.“
In einem weiteren Essay imaginiert Maňák Ludwig Wittgenstein in das ehemalige Centralbad in Wien, heute bekannt als die Schwulensauna Kaiserbründl.
Vratislav Maňák bespricht Pride Marches und ihre Entstehung in den Stonewall Protests, um sich dann auf die dezentrale und eher triste Pride in Bratislava zu fokussieren, die er besucht hat:
„Normalerweise halten Fotograf:innen auf einer Pride die opulenten Kostüme der Drag-Queens fest, die Hundemasken der Pupplayer und die mit Metallgeschirr behangenen Oberkörper, also alles, was sich irgendwie mit dem stereotypen Bild des exzentrischen Homosexuellen in Verbindung bringen lässt. Aber Bratislava gibt dazu keinerlei Gelegenheit, denn nicht nur die Schwulen, sondern fast alle Anwesenden sind in Zivil gekommen[.]“
In diesem Essay geht es aber nicht nur um queerfeindliche Attentate, die in der jüngeren Vergangenheit in der Slowakei von rechten Männern verübt wurden, und nicht nur um Ganymed und Zeus. Es heißt weiter: „[Pride Marches] knüpfen ganz selbstverständlich an die jahrtausendealte Tradition des Karnevals an, der seit jeher darauf zielt, Menschen für kurze Zeit aus repressiven gesellschaftlichen Strukturen zu lösen und sie eine größere Freiheit ausprobieren zu lassen.“
Ob Cruising in Prag (mit Local Tips des Autors) oder Clubbing im Berliner KitKat, die Oper („Zweite These: Schwule erkennen sich in mächtigen Frauen wieder.“) – Vratislav Maňáks Reportagen sind informativ, klug, pointiert und kurzweilig (auch für Menschen, die sich nicht als schwule Männer identifizieren).
An einer Stelle schreibt er: „Aber die Menschen scheren sich nicht um Wittgenstein.“ Vielleicht nicht, aber ich schere mich um die gesellschaftspolitischen Gedanken von Vratislav Maňák – und freue mich sehr auf die Veranstaltung am 13. Oktober!
MIT WITTGENSTEIN IN DER SCHWULENSAUNA | Vratislav Maňák | Übersetzung: Lena Dorn | REPORTAGEN Karl Rauch Verlag | 2026 | 192 S. | €26,00