Comics an der Uni - Comics in Bremen

Alexander Press ist Lektor am Institut für Kunstwissenschaft, Filmwissenschaft und Kunstpädagogik an der Universität Bremen. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die Comicforschung. Was genau ihn am Medium interessiert und warum Bremen unbedingt einen Comicverein braucht, hat er Annika Depping im Interview verraten.

Portrait Alexander Press
© Alexander Press

Was macht dir denn besonders Spaß an Comics?

Was ich besonders faszinierend finde, ist die Vielfalt der Formen. Ich sage immer in meinen Lehrveranstaltungen, dass der Comic ein gerngesehener Gast in allen möglichen Medien und Formen ist, weil er dort so gute Geschichten erzählen kann, mit seinen ganz eigenen Mitteln.

Und auch die Anarchie im Umgang mit den Bildern fasziniert mich. Es scheint ein paar Regeln zu geben, aber das sind eher Richtlinien. Nichts ist in Stein gemeißelt und trotzdem sind Comics so ein globales Phänomen – oder vielleicht genau deshalb? Das scheinbare Chaos irgendwie zu strukturieren, das ist ein weiterer Punkt, der so viel Spaß macht bei der Erforschung: Man kann direkt mit den Künstler*innen oder Produzent*innen reden. Wenn man sie nach ihrem Selbstverständnis fragt, bekommt man ganz unterschiedliche Antworten: dass sich jemand als Geschichtenerzähler*in versteht oder als Reporter*in, Biograf*in, Witzeerzähler*in, also der Klassiker, oder eben als Künstler*in. Das hat sich in den letzten 20, 30 Jahren ganz langsam entwickelt und ist relativ neu und faszinierend.

Also war das Selbstverständnis von Comickünstler*innen lange eher auf der Seite der Literatur als auf der Seite der Kunst?

Ich nehme es so wahr, dass man sich eher als Literat*in, als Geschichtenerzähler*in verstanden hat und der Umgang mit den Bildern weniger reflektiert wurde. Aber gerade der Umgang mit den Bildern ist unglaublich spannend, weil er so einen Freiheitsgrad hat in diesem Medium. Wenn man sich mal umschaut, was es alles gibt: vom kleinen Anarchocomic im Selbstverlag, der auf keinen Fall eine ISBN haben darf, weil das schon ein Anbiedern ans System wäre, bis hin zur neuesten Edelausgabe im Großverlag – und dazwischen herrscht ein riesiges Spektrum an Comicformen!

Da geht es manchmal auch nicht um die Frage, ob das jetzt Kunst ist oder nicht, sondern eher, was die Menschen mit diesen Bildern machen. Das ist einer meiner größeren Forschungsschwerpunkte: Welche künstlerischen, politischen oder identitätsstiftenden Funktionen Bilder haben können. Das findet immer in einem größeren Netzwerk statt, die Bilder spielen selten ganz alleine diese eine Rolle, aber der Mensch als bildermachende Affe ist unglaublich spannend als Untersuchungsgegenstand. Das klingt ein bisschen zynisch, aber wenn man das so betrachtet, ist das ein sehr anthropologischer Blick auf das Bildermachen der Menschen. Und der Comic ist eben die Spielwiese für Bilder.

 

„Der Comic ist die Spielwiese für Bilder.“

Gerade strebe ich mit Annette Geiger von der HFK noch ein kleines Forschungsprojekt über Zeichnung und Humor in der Kunst an, weil in der Forschung gerade der Humor in der Kunst unterrepräsentiert ist. Tatsächlich findet man in der Forschung eher ernsthafte Comics: Barbara Yelin ist eine Comickünstlerin, die unglaublich tolle Comics macht und darin findet man zwar den ein oder anderen Gag, aber grundsätzlich schon die gewichtigen Themen, und darauf stürzen sich die Forscher*innen sehr gerne. Humor und Slapstick führen aber auch immer zu Erkenntnis, denn wer lacht, hat auch etwas verstanden. Da kann man noch einiges erforschen.

Hier am Institut für Kunstwissenschaften, Filmwissenschaften und Kunstpädagogik unterrichte ich als Kind dieses Instituts auch Filmwissenschaften und Kunstwissenschaften, aber wenn man heutzutage diese beiden Felder unterrichtet, dann kommt man ganz schnell in die visuelle Kulturstudie, das sind fließende Übergänge.

Aber das heißt auch, dass die Comicforschung gar keinen so schweren Stand an der Uni hat, wenn sie in der visuellen Kunst verankert ist und interdisziplinär arbeitet?

Richtig, Comics kann man fast schon ein Modethema nennen. Wenn wir das Interview vor zehn oder 15 Jahren geführt hätten, dann hätte ich erzählen können, dass das so schwer ist, mich keiner versteht und man um Anerkennung kämpfen muss, aber das ist nicht mehr der Fall. Die Zeiten sind vorbei, jetzt ist das sehr etabliert. Es gibt in Erlangen glaube ich gerade Bestrebungen, ein deutsches Comicmuseum zu eröffnen, das sich explizit diesem Thema widmet, und daran erkennt man schon, dass es angekommen ist in der Gesellschaft.

Du bist ja gerade auch damit beschäftigt, in Bremen einen Comicverein zu gründen. Wie kam es zur Idee?

Da gebührt alle Ehre dem Gregor Straube, einem Netzwerker und Ausstellungsmacher, der in seinem Projektraum 404 große Vorarbeit geleistet hat. Wir sind uns vor Corona an einem Tag der offenen Tür in der Hochschule für Künste über den Weg gelaufen und da hat er mich gleich in Beschlag genommen und gesagt: „Alex, wir müssen einen Verein gründen! Denn diese Comicszene in Bremen, die ist so vielgestaltig, aber die braucht ein Forum. Wir müssen dafür sorgen, dass die sich untereinander alle kennenlernen.“ Dann hat Gregor viele andere Leute dafür aktiviert. Da muss man jetzt viel Arbeit investieren, von der man erst einmal eine lange, lange Zeit nichts hat, eine Satzung vorbereiten, Leute anschreiben und so weiter. Wenn das Ding dann läuft, macht das glaube ich richtig viel Spaß, aber man muss erst einmal diesen Stein über den Hügel schieben.

„Gerade kocht in der Stadt noch jede*r ein eigenes Süppchen, keine*r deckt den großen Tisch – und das wollen wir dann gerne machen, als Anlaufstelle für alle Menschen, die sich für das Medium Comic begeistern.“

Und gerade seid ihr also noch mit der anstrengenden Vorarbeit beschäftigt?

Genau, wir haben die Satzung fertig. Das war gar nicht so einfach! Die liegt jetzt beim Finanzamt und wenn sie durchgeht, dann kümmern wir uns um eine Gründungssitzung, die wir dann auch öffentlich machen wollen. Neben Gregor Straube und mir sind dann auch die Comickünstler*innen Leefje Roy, Jeff Hemmer, Katharina Dacrés und Henning Pöplau als Gründungsmitglieder mit an Bord, das kommt also auch aus dem Inneren der Szene. Das finde ich super!

Wie sieht die Bremer Comicszene denn überhaupt aus, kannst du etwas erzählen?

Für die Bremer Comicszene ist Gregor Straube der Experte, aber ich kann berichten, dass im Projektraum 404 regelmäßig Workshops angeboten werden, die sich unglaublicher Beliebtheit erfreuen. Da hat man gemerkt, dass es auch in der Öffentlichkeit eine Neugier gibt. Unser Verein soll natürlich öffentlichkeitswirksam sein und an diesen Workshops haben wir erkannt, dass das überhaupt kein Problem ist!

Die Öffentlichkeitsarbeit ist also ein Ziel eures Vereins. Was genau habt ihr denn vor?

Ganz abstrakt ist unser Ziel, die Wahrnehmung von Comics zu erhöhen und ihre Bedeutung im künstlerischen Kontext einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das heißt ganz konkret, dass wir Ausstellungen und Lesungen organisieren wollen. Wir wollen Künstler*innen eine Plattform stellen und uns da gar nicht so in den Mittelpunkt rücken. Tagungen oder Vortragsreihen würde ich gerne organisieren, und auch das ist mit einem Verein im Hintergrund natürlich viel einfacher.

Gerade kocht in der Stadt noch jede*r ein eigenes Süppchen, keine*r deckt den großen Tisch – und das wollen wir dann gerne machen, als Anlaufstelle für alle Menschen, die sich für das Medium Comic begeistern. Und das heißt, jede*r, die*der daran Interesse hat, darf gerne mitmachen! Wir haben überlegt, ein solidarisches Modell für die Mitgliedsbeiträge zu entwickeln. Und dann freuen wir uns über jede*n!

Über zinefest@kulturbuero-bremen.de und al_pr@uni-bremen.de kannst du Kontakt zum Comicverein aufnehmen.

Alexander Press

hat Kunstwissenschaft, Philosophie und Religionswissenschaft studiert und 2018 mit der Arbeit Die Bilder des Comics, Funktionsweisen aus kunst- und bildwissenschaftlicher Perspektive promoviert. Seit 2019 ist er Lektor am Institut für Kunstwissenschaft - Filmwissenschaft - Kunstpädagogik an der Universität Bremen. Seine Scherpunkte sind visuelle Kultur, Praktiken des digitalen Bildes, zeitgenössische Kunst und Ästhetische Theorie, Bildwissenschaft und die Funktionsweisen des Comics.

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