Bremen spricht - mehr als nur eine Sprache!

Und welche Sprachen sprichst du? Von Arabisch über Plattdeutsch und Gebärdensprache bis Zulu, in Bremen findest du mehr als 80 Sprachen! Davon erzählt die Ausstellung Bremen spricht im Focke Museum. Annika Depping hat sich von Kuratorin Valentina Rojas Loa mehr über Vielfalt, Kultur und Literatur erzählen lassen.

Karte Muttersprachen in Bremen
© Forskningscentrumet för Europeisk Flerspråkighet, Open Street Maps | Quelle: Senatorin für Kinder und Bildung Bremen, 2021

Laut Daten der Senatorin für Kinder und Bildung sind die neun am häufigsten und am konzentriertesten in Bremen gesprochenen Sprachen (also die Muttersprachen von mehr als fünf Prozent der Schüler*innen in einem Ortsteil) die folgenden: Hochdeutsch mit mehr als der Hälfte der Schüler*innen, gefolgt von Türkisch mit zehn und Arabisch mit acht Prozent, dann Russisch, Kurdisch, Polnisch, Bulgarisch, Romani und Chinesisch. Die insgesamt meistgesprochenen Sprachen in abnehmender Reihenfolge der Schüler*innen sind bei uns hingegen Deutsch, Türkisch, Arabisch, Russisch, Kurdisch, Polnisch, Albanisch, Bulgarisch, Englisch, Persisch und Serbisch. (Wir könnten aber Albanisch, Englisch, Persisch und Serbisch nicht kartieren, weil sie nirgends eine Konzentration von mehr als fünf Prozent der Schüler*innen erreichen.) Es gibt Stadteile, die besonders vielfaltig sind, wie Blumenthal, Gröpelingen, Osterholz, Hemelingen, Obervieland oder Huchting. Es gibt auch Ortsteile, die besonders divers sind, wie Tenever, wo 82 Prozent der Schüler*innen eine andere Sprache als Deutsch als Muttersprache angegeben haben.

Valentina Rojas Loa
© A. Cruz

Sie bewegen sich selbst auch in mehreren Sprachen. Mögen Sie kurz von sich erzählen?

Meine Muttersprache ist Spanisch, ich spreche und schreibe Englisch fließend und Italienisch habe ich vier Jahre lang gelernt. Seltsamerweise ist es mir durch diese Ausstellung gelungen, Deutsch endlich zu „meiner Sprache“ zu machen, auch wenn ich es nicht perfekt beherrsche. Ich spreche auch Chilango, den „Dialekt“ des Spanischen in Mexiko-Stadt, mit Stolz und viel Freude. Mein Humor ist eng mit der Sprache verbunden, insbesondere mit dem Spanischen, obwohl ich in den letzten Jahren auch gelernt habe, auf Deutsch zu lachen und andere (freiwillig) zum Lachen zu bringen. Ich wollte schon immer eine der mehr als 360 indigenen Sprachen lernen, die in Mexiko gesprochen werden, aber ich habe es nie geschafft.

Meine Kinder wachsen zweisprachig auf: Wir reden Spanisch miteinander und mit dem Papa sprechen sie Deutsch. Zu Hause versuche ich konsequent mit den unterschiedlichen Sprachen zu sein, aber ich kann nicht vermeiden, dass eine Art „Haussprache“, nämlich eine Mischung aus Deutsch und Spanisch, entstanden ist. Wir kuscheleamos mit den Sprachen!

Was erwartet Besucher*innen in der Ausstellung?

Man findet in der Ausstellung die wunderbaren Sprachkarten von Vittorio dell’Aquila, in denen man gut sehen kann, welche Sprachen gesprochen werden und wo in der Stadt sie sich lokalisieren. Es ist aber wichtig zu beachten, dass die Karten die Sprachen der Schulbevölkerung 2021 darstellen und nicht die Sprachen der gesamten Bevölkerung Bremens. Dafür gibt es leider keine Daten. Diese Karten helfen jedoch, sich einen guten Überblick über die Sprachen und ihre Verteilung in der Stadt zu verschaffen.

In der Ausstellung kann man aber auch die Menschen aus Bremen hören, wie sie über Sprache sprechen. Außer Karten gibt es Audioaufnahmen, Videos sowie mehrere interaktive Exponate, die viel Spaß machen. In vier Abschnitten – Sprache, Identität, Sprachengerechtigkeit und Ausblick – untersuchen wir die Beziehung der Menschen zu Sprachen, einschließlich Deutsch und Gebärdensprache, ihre Bedürfnisse, Herausforderungen sowie die Infrastruktur, die die Zivilgesellschaft, die Wissenschaft und die Behörde geschaffen haben, um sicherzustellen, dass Mehrsprachigkeit kein Hindernis für Teilhabe und sozialen Zusammenhalt ist, sondern eine Ressource für alle, auch für diejenigen, die nur eine Sprache sprechen.

Ich fand die Bilder sehr eindrücklich, in denen Menschen eingezeichnet haben, wie die verschiedenen Sprachen sie ausmachen. Was hat Sprache mit der Identität einer Person zu tun? 

Diese sogenannten Sprachporträts sind ein wunderbares Instrument, um den Lebensweg jedes Menschen zu erkunden: Sie verweisen auf die Sprachen, die für uns eine Bedeutung haben, auf verschiedene Lebensphasen, auf Menschen und Dinge, die uns wichtig sind, auf unsere Taten und Wünsche. Ich glaube, dass es möglich ist, die Geschichte einer Person durch die Erforschung der Sprachen, die sie ausmachen, zu erzählen. In jedem von uns gibt es eine innere Geografie, die gewissermaßen ausmacht, wer wir sind. Sprachliche Porträts helfen, diese innere Geografie zu kartieren, und sie dadurch sichtbar zu machen. Sie zeigen auch, dass die Vielfalt nicht nur zwischen Individuen oder Gruppen von Menschen besteht, sondern dass es auch in uns eine Vielfalt von Ichs gibt.

Die Sprachporträts, die wir in der Ausstellung zeigen, haben wir in Zusammenarbeit mit Prof. Andrea Daase und den Student*innen des Seminars an der Uni Bremen Ist das Sprache oder kann das weg? gemacht. In der Ausstellung gibt es die Chance, selbst ein eigenes Sprachporträt zu malen und es zu zeigen.

Sprachenporträt
© Bremen spricht in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Andrea Daase, Amy Apel, Celina Gurtwoski, Jana Janßen (Universität Bremen)

Und was macht Sprache mit der Identität einer Stadt?

In der Ausstellung wollten wir unter anderem herausarbeiten, wie die sprachliche Vielfalt in der Stadt konkret zum Ausdruck kommt: an Orten wie Kiosken, Lebensmittelläden, Friseuren, Übersetzungsgeschäften, Bibliotheken, Buchläden, Cafés und Restaurants, aber auch auf der Straße, auf den Märkten und Plätzen, wo die Menschen sich treffen und ihre Sprache(n) sprechen. Leider hatten wir weder die Zeit noch die Mittel, dies zu tun, mit Ausnahme einiger weniger Exponate, wie z.B. einer „perzeptiven Kartografie“ des Plattdeutschen in Bremen, wo die Studentinnen Leyla Olberding und Maren Schwarz von der Uni Bremen eine wunderbare Zeit- und Begegnungsortekarte des Plattdeutschen entwickelt haben.

Nach dieser Ausstellung wage ich zu behaupten, dass Bremen eine vielfältige Identität hat: Ein Drittel der Bevölkerung hat Wurzeln in Ausland, und zugleich ist die Stadt auch Heimat lebendiger deutscher und plattdeutscher (Sprach)Kulturen. Diese Vielfalt ist vielleicht nicht so offensichtlich wie in Städten wie London oder New York – wo eigentlich die ganze Welt zu Hause ist – aber sie ist da. Man muss nur lernen, sie zu sehen und zu hören.

Die Ausstellung zeigen Sie ja im StadtLabor und da frage ich mich, ob Sie während der Laufzeit der Ausstellung neue Erkenntnisse gewonnen haben, zum Beispiel im Gespräch mit den Gästen?

Es ist mir immer ein Vergnügen, zurück ins Museum zu kehren, um Führungen durch die Ausstellung zu machen. Dann kann ich die neuen Sprachporträts und Notizen lesen, die die Besucher*innen aufgehängt haben. Darin sagen sie, vielleicht unter Ausnutzung der Anonymität, wirklich, was sie denken. Einige drücken ihren Schmerz darüber aus, wegen ihrer Muttersprache diskriminiert zu werden, das Gefühl zu haben, keine Stimme zu haben, weil sie kein Deutsch sprechen; andere wagen es, ihre Geschichten zu erzählen, wenige äußern und betonen Vorurteile. Aber es ist zweifellos ein ständiges, lautes und überraschendes Gespräch zur Sprache.

Natürlich funktioniert Literatur auch durch Sprache. Vermissen Sie manchmal Mehrsprachigkeit in der Literatur?

Heute ist es dank digitaler Bücher, online-Buchläden und Ressourcen wie dem großzügigen mehrsprachigen Katalog der Stadtbibliothek Bremen möglich, Klassiker und neuere Literatur aus verschiedenen Sprachen in Bremen zu lesen. Also nein, ich vermisse nichts. Ich lese aber Literatur in Sprachen – Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch –, die weithin veröffentlich und verbreitet sind. Für andere Sprachen, die in Bremen weniger Sprecher*innen haben oder die keinen guten Zugang zu Distributionskanälen haben, ist es viel schwieriger, Präsenz auf dem deutschen Markt zu schaffen. Es gibt aber sehr schöne Initiative wie die Valentine’s day Anthology, in der mehrere Autoren*innen und Übersetzer*innen aus ganzen Afrika veröffentlicht haben und die darin Zugang zur Literatur in Sprachen wie Igbo, Hausa oder Yoruba geben. Doch sie sind die Ausnahme in der Regel. Es gibt noch viel Arbeit, die man in diesem Bereich tun könnte und ich denke, dass dies auf eine Art und Weise geschehen sollte, die sehr nah an den Menschen ist, die die Sprachen sprechen.

Bremen spricht

ist noch bis 29. Mai 2022 im Stadtlabor im Focke Museum zu sehen. Die Ausstellung ist eine Initiative des Zentrum für Migranten und Interkulturelle Studien e.V.

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