Feuerspuren: Julia Klein im Interview

Eine Frau erzählt einem Publikum eine Geschichte in einem Bus beim Feuerspuren Festival 2019
© Jan Meier

Nicht jede Geschichte will aufgeschrieben werden, manches kann man viel besser frei erzählen. Zum Beispiel, wenn man um ein Lagerfeuer sitzt – oder in einem Waschsalon. Das macht sich das Erzählfestival Feuerspuren in Gröpelingen zu Nutze. Im Interview hat Julia Klein von Kultur Vor Ort uns mehr darüber verraten.

Eine Frau mit Lichterkette beim Feuerspuren Festival 2021
© Marianne Menke

Für alle, die es noch nicht kennen: Was genau ist Feuerspuren, was ist das Konzept dahinter?

Entstanden ist das Fest Feuerspuren vor über 20 Jahren als ein Stadtteilfest in der dunklen Jahreszeit, das das Licht feiert, aber nicht religiös geprägt ist. Es fand in Gröpelingen auf der Straße statt, mit verschiedenen Akteur*innen. 2007 wollten wir es dann erweitern. In einem Uniprojekt habe ich zu der Zeit das Thema mehrsprachiges Erzählen untersucht. Durch mündliches Erzählen wollen wir die Vielsprachigkeit des Stadtteils zum Klingen bringen und erlebbar machen, so dass jede*r etwas versteht.

Was erwartet Besucher*innen denn genau?

Feuerspuren findet immer am ersten Novemberwochenende statt. Die Geschäftsstraße wird geschmückt, draußen gibt es überall Lichtobjekte. Innenorte wie der Waschsalon, die Teestube, die Bibliothek, der Kindergarten oder das Nagelstudio – insgesamt 14 bis 16 Stück – werden Erzählorte. Da wird etwas umgebaut und dann wird dort erzählt. Die Inhaber*innen sind die Gastgeber*innen. Es erzählen ganz viele Akteur*innen aus der Stadt, die sich vorher in Erzählkursen darauf vorbereiten, in verschiedenen Sprachen und zu verschiedenen Themen. Samstags findet immer die lange Nacht des Erzählens statt, zu der Profils anreisen – jetzt nach Corona organisieren wir das als Walk, damit es auf jeden Fall durchführbar bleibt.

Eine Frau erzählt einem Publikum etwas beim Feuerspuren Festival
© Jan Meier

Jedes Jahr gibt es bei den Feuerspuren ein grundlegendes Thema, aber es geht immer um freies Erzählen, das sich an inneren Bildern orientiert. Es wird nicht vorgelesen, sondern ist ganz dialogisch. Eine Beziehung zwischen Erzähler*in und Publikum entsteht. Das Besondere ist immer der Moment: Abhängig davon, wer zuhört, verändert sich die Geschichte.

2022 ist das Thema von Feuerspuren „Einsteigen – Umsteigen – Aussteigen“. Was erwartet uns da genau?

Wir haben immer ein Thema, das wir aus der Frage heraus wählen, was gerade in der Luft liegt. Das Thema dieses Jahr hat gleich mehrere Ebenen: Reisen, Verkehrsmittel, unterwegs sein natürlich. Aber auch Momente des Umsteigens und Aussteigens in Biografien, das Brechen mit Gewohnheiten... In einem Stadtteil, in dem viele Menschen mit Migrationsgeschichte leben, hat eigentlich jede Biografie Anknüpfungspunkte an das Thema: Welche Verkehrsmittel haben einen nach Bremen gebracht? Warum ist man in Gröpelingen gelandet? Es ist eben ein bewegter Stadtteil. Aber im Thema steckt noch viel mehr: einmal die sprachliche Ebene – aus einer Kommunikation kann man ebenfalls aussteigen – und auch die Energiewende, der Klimawandel. Darum haben wir dieses Jahr eine Kooperation mit dem Alfred-Wegener-Institut und es wird eine Geschichte geben, die aus der MOSAiC-Expedition entstanden ist. Das sind alles große Themen, große Stoffe. Rund um das Thema ersinnen wir jedes Jahr neue Erzählformate.

Wie kann man bei Feuerspuren mitmachen? Und was muss man dafür an Erfahrung mitbringen?

100 Laien machen pro Jahr mit. Die professionalisieren sich natürlich auch im Laufe der Jahre, aber man kann ohne Erfahrungen teilnehmen. Im Vorfeld gibt es verschiedene Workshops, in denen man sich vorbereitet. Alle Arten von Stoffen sind erlaubt – mündliche Tradition, Märchen, Mythologie, Zeitungsnotiz, biografische Geschichten. Für alles muss man eine Form finden, damit es gut erzählbar ist. Das ist dann die Arbeit in den Kursen. Dafür haben wir eine Kooperation mit der Volkshochschule. Man arbeitet an sieben Abenden an den Stoffen – aber ohne zu schreiben! Da muss man sich von den festen Formen lösen, gar nicht so leicht! Man arbeitet zwar klanglich, aber nicht so sehr von Worten und Formulierungen ausgehend, denn die Mündlichkeit folgt anderen Gesetzen. Schließlich machen wir ein Kick-Off, bei dem wir klären, wer mit welchem Stoff dabei sein wird. Beim Festival gibt es dann jeweils Erzähleinheiten von 20 Minuten. Man kann das aber aufteilen, wenn die Personen nur wenig Erfahrungen haben, und es gibt große und kleine Erzählorte. Wir finden für jede*n das Passende. Klar gibt es diese Urangst, vor Publikum zu sprechen, aber das gab es noch nie, dass sie sich erfüllt hat.

Zwei Menschen erzählen in der Fußgängerzone in Gröpelingen beim Feuerspuren Festival
© Claudia Hoppens

Welche Macht hat das erzählte, das gesprochene Wort denn?

Ich glaube, das gesprochene Wort hat eine ziemliche Wirkung, weil es so direkt ist. Nicht umsonst gibt es Flüche oder Segenssprüche. Die Besonderheit bei frei erzählten Geschichten – Erzählstoffen, das müssen nicht nur Märchen sein! – ist die direkte Kommunikation. Eine Geschichte, die ich höre und mit der ich einen Dialog eingehe, löst bei den Zuhörer*innen mehr Bilder aus, kann in eine andere Welt entführen, zum Gespräch einladen und zu Diskussionen führen – ganz direkt eingehen auf das Publikum. Ich glaube, wenn man das Gefühl hat, man ist wirklich gemeint, hat das eine bestimmte Wirkung – es ist nicht egal, ob ich jetzt da bin oder nicht. Es entsteht eine Gemeinschaft.

Für die Feuerspuren finde ich das Gemeinschaftsbildende, Verbindende so wichtig. Es ist niedrigschwellig. Das gesprochene Wort selektiert nicht, es ist einladend – zwar nicht per se, aber beim freien Erzählen. Man macht sich eigene innere Bilder, die sich unterscheiden können. Man erlebt etwas gemeinsam, aber macht individuelle Verknüpfungen.

Feuerspuren Festival

Das Festival findet am 05. und 06. November an verschiedenen Orten in Gröpelingen statt.

Das gesamte Programm gibt es hier

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Lesezeichen: Ros*innen

"You see a woman, but I am so much more" - Mari Püffel und Mathilda Süßmilch schreiben in ihrem Lesezeichen über nicht binäre Körper, Schönheit und Genderklischees. Die beiden sind Teil des queerfeministischen Poesiekollektivs Ros*innen.