Lesezeichen: Antonia Bontscheva

Strand in Bulgarien
© Rike Oehlerking

Randzonen, unverhofft

Von Antonia Bontscheva

Das Wort „Randzonen“ zieht mich an. So wie mich Dinge des Lebens anziehen, die ich noch nicht ganz verstanden habe. Oder die eine gewisse Spannung in sich tragen. Die Spannung der Widersprüchlichkeit.

Im Allgemeinen bedeuten „Randzonen“ ja nichts Gutes. Randzonen haben etwas von „Ausgeschlossensein“ und von „Nicht dazugehören“. Ich hingegen verbinde mit „Randzonen“ eher glückliche Momente. In meiner Heimatstadt Baltschik zum Beispiel, die am Rande Europas liegt.

Baltschik ist ein kleiner Ort an der nördlichen bulgarischen Schwarzmeerküste. Dass es sich dabei um eine europäische Randzone handelt, erfuhr ich erst, als ich nach Deutschland kam.

Die terrassenartige Lage der Stadt erlaubt von jedem Winkel freie Sicht auf die kleine verträumte Bucht, die weiße Kalksteinhügel säumen. Der Blick aufs Meer vermittelt ein Gefühl von Freiheit, der Blick auf die Felsen – ein Gefühl von Geborgenheit. Beides macht mich glücklich. Bis heute noch.

Davor war Baltschik meine Welt. In dieser Welt gab es weiße Kalksteinfelsen, auf denen die Stadt terrassenartig gelegen ist. Es gab archaische Gassen, gepflastert mit Steinen verschiedener Größe und Farbe. Es gab Steinmauern, in deren Löchern im Sommer Eidechsen flitzten. Es gab wunderschöne alte Häuser. Es gab den Duft nach Staub und Feigen im Sommer und nach Wasserpflanzen im Frühjahr. Und vor allen Dingen es gab das Meer mit seinen vielen Stimmungen.


Als Mädchen brachte ich einiges mit, um in meiner idyllischen Heimatstadt eine Randzone zu werden. Denn die Einwohner von Baltschik haben klare Vorstellungen darüber, was sich gehört und was nicht. Ich wiederum genoss eine liberale Erziehung, die meine Individualität nicht unterdrückte. Die Folge war, dass ich mich unentwegt anders verhielt als für Mädchen vorgesehen: Ich rannte wie ein Junge, ich fiel hin, ich riss Löcher in meine Strumpfhosen, ich beharrte darauf, sie weiter zu tragen und setzte mich damit durch. Ich wehrte mich, wenn ich von Jungs angegriffen wurde und sagte, was ich wirklich dachte. Dass ich trotz alldem dazugehörte, lag sicherlich daran, dass ich die Tochter eines angesehenen Arztes war und im Kommunismus gute gesundheitliche Versorgung an guten Beziehungen geknüpft war.

Eine Randzone in Baltschik waren die Roma. Eine Schlucht trennte ihr Viertel von der übrigen Stadt. Die Roma-Kinder mussten einen langen Umweg gehen, um in die Schule zu kommen. Was sie sehr selten taten. Mit den Roma-Kindern verbanden mich die Löcher in Hosen und Strumpfhosen, die Abneigung gegen Naseputzen und gegen die engen Regeln der sogenannten Mitte. Während mich meine Eltern trotz der ganzen Liberalität hin und wieder zum Einhalten dieser Regeln nötigten, genossen die Roma-Kinder uneingeschränkte Freiheit und ernteten Entwertung und Ausgrenzung. Von Mitschülern, von Lehrern, von allen Bürgern von Baltschik, die sich für sittsam hielten.


Mich hingegen zogen die Roma-Kinder an. Es war nicht so, dass ich mit ihnen spielte. Dafür waren sie zu unberechenbar und doch zu fremd. Aber sie interessierten und faszinierten mich.

Ab und an nahm ich den langen Weg auf mich und ging ins Roma-Viertel. Dort gab es Lehmhütten, die statt Türen und Fenstern Löcher hatten, von zerlumpten Vorhängen verdeckt. Es gab offene Feuerstellen und den stechenden Duft nach Rauch. Es gab Frauen in bunten Pumphosen, die im schnellen Wechsel breit grinsten, dabei lauter Goldzähne entblößten und gleich darauf spitze Schreie ausstießen, die irgendjemandem galten, auf den sie wütend waren.

Ein Fach in der Schule versäumten die Roma-Kinder nie – den Kunstunterricht. Das lag an der Lehrerin, Frau Zwetkowa, die sich ebenfalls anders verhielt als für junge Frauen in Baltschik vorgesehen– sie heiratete nicht, sie putzte nicht, sie ging in Kneipen, die nur Männer aufsuchten und prügelte sich mit ihnen, wenn sie es aus ihrer Sicht verdienten. Und sie brannte für ihr Fach.

Die Roma-Kinder kamen in ihren Unterricht, lauschten ihren Vorträgen über Kunstgeschichte, verstanden kein Wort, spürten aber ihr Feuer, spürten, dass sie sich um die Regeln der Mitte nicht scherte, fingen selbst Feuer und fertigten dann Mosaike aus Kieselsteinen an, die sie zusammen mit Frau Zwetkova am Meeresufer sammelten.

Frau Zwetkowa sagte nicht Roma, sondern Zigeuner. Sie schärfte den Kindern ein, seltener zu stehlen und sich öfters zu waschen. Und sie nahmen ihr das kein bisschen übel. Im Gegenteil. Frau Zwetkowa war die Einzige, der es gelang, die Roma-Kinder zu binden und aus der Randzone herauszuholen.

Möglicherweise spürten sie ihr großes Herz. Möglicherweise spürten sie, dass sie ihr eigenes Anderssein liebte und lebte.  Möglicherweise verhält es sich so, dass es keine Randzonen gäbe, würde die Mitte einer Gesellschaft aus Menschen wie Frau Zwetkowa bestehen.


Porträt von Antonia Bontscheva
© Joachim Unseld

Antonia Bontscheva

wurde in Varna in Bulgarien geboren und lebt heute mit ihrer Familie in Bremen. Sie studierte Germanistik in Berlin, arbeitete als Deutschlehrerin und Journalistin, u. a. mit literarischer Radiokolumne für Funkhaus Europa. Die Schönheit von Baltschik ist keine heitere (Frankfurter Verlagsanstalt 2021) ist ihr Romandebüt, für das sie das Bremer Autorenstipendium des Senators für Kultur und das Stipendium des Bremer Literaturkontors in den Künstlerhäusern Worpswede erhielt.

Zum Interview mit Antonia Bontscheva

Zum Schreibgespräche-Podcast mit Antonia Bontscheva

Zum Autorinnenprofil von Antonia Bontscheva

Weiterlesen:

Antonio Muñoz Molina im Interview

Antonio Muñoz Molina ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Spaniens und als Repräsentant des Gastlandes eröffnet er dieses Jahr die Frankfurter Buchmesse. Im Interview hat er uns verraten, was das für ihn bedeutet und woran er gerade arbeitet. Hier könnt ihr das Interview lesen – auf Deutsch y naturalmente en versión original.

Satzwende: Christian Diaz Orejarena (1/2)

In Christian Diaz Orejarenas Comic-Kolumne geht es nach Kolumbien zu den sogenannten Lengerke-Wegen, benannt nach einem deutschen Großunternehmer aus dem 19. Jahrhundert. Eine Karnevalsmaske nimmt uns mit hinter die Fassade der Heldengeschichte des wirtschaftlichen Aufschwungs und zeigt die Ausbeutung und Gewalt, die dahinterliegen.

Jürgen Alberts: Lesezeichen

Passend zum herbstlichen Wetter heißt das Lesezeichen in dieser Ausgabe "Ich will keine Winter mehr!" und lässt uns auf den nächsten Winter blicken und wo man ihm entgehen kann. Lies rein ins Gedicht von Jürgen Albert, in dem sich Verse auf Deutsch mit welchen auf Spanisch abwechseln.