Lesezeichen: Hendrik Lambertus

pinker Käfer
© Rike Oehlerking

Wenn die Welt anders ist
Von Hendrik Lambertus

Mit großen Augen starrte Merle in den dunkelblauen Sommerabendhimmel.

„Schau mal, eine Fliedermaus!“, rief sie.

„Das heißt doch Fledermaus“, belehrte ihr großer Bruder Stefan.

„Und warum ist die dann lila?“, setzte Merle triumphierend nach.

Nun schaute auch Stefan nach oben. Tatsächlich! Über den beiden Kindern flatterte ein Tier mit lilafarbenen Lederflügeln. Lila – wie die Blüten an einem Fliederstrauch.

Fliederstrauch, Fliedermaus.

In diesem Moment merkten Merle und Stefan, dass die Welt am Mittsommerabend anders war.


Als Nächstes huschte eine Fauneidechse unter einem Gebüsch am Waldrand hervor. Sie spielte wilde Lieder auf einer winzigen Panflöte aus Glas.

„Faune sind eigentlich gehörnte Waldgeister, die Musik lieben“, erklärte Stefan wichtig. „Und das Tier heißt sonst Zauneidechse …“

„Schscht! Ich weiß“, murmelte Merle, die das große Sagenbuch und das Tierlexikon im Wohnzimmer auch kannte. Jetzt war keine Zeit für Erklärungen. Es war die Zeit zum Schauen und Zuhören. Zeit zum Staunen. Denn die Welt war heute anders.

Die Fliedermaus tanzte zum Lied der Fauneidechse in der Luft. Schon bald kam eine Schleier-Heule aus dem Wald hinzu. Sie zog prächtige Silberschleier hinter sich her und stimmte ein ebenso prächtiges „Schuhuu!“-Geheul als Begleitung an.

Immer mehr Mittsommertiere tauchten auf! Eine Sauskatze sauste herbei, ein Rindhund muhte fröhlich, ein Machtfalter zeigte allen, wie stark er war. Dann kam ein großer, dunkelroter Käfer angekrabbelt, der Körbe voller ebenfalls roter Früchte heranbrachte. Ein Kirschkäfer! Eine freundliche Kellnerassel verteilte seine Kirschen an alle Mittsommerfeiernden. Merle und Stefan bekamen auch welche ab.


Beim Kirschenessen unterhielten sie sich mit einem Reichhörnchen. Doch das sprach immer nur über die vielen goldenen Nüsse, die es im Wald vergraben hatte.

Als die letzte Kirsche gegessen war, mussten Merle und Stefan auch schon wieder nach Hause, denn ein Mittsommerabend ist schnell vorbei.

Erst auf dem Weg vom Waldrand zum Dorf merkten die beiden Kinder, dass auch sie an diesem Abend anders waren.

„Wie silbern ich leuchte!“, staunte Perle.

„Das ist bestimmt der Mittsommerzauber“, krähte Stef-Hahn und spreizte sein buntes Gefieder.

Und den gibt es nur einmal im Jahr, wenn die Welt anders ist.


Hendrik Lambertus

wurde 1979 in Hannover geboren. In seiner Lieblingsstadt Tübingen studierte er deutsche, skandinavische und indische Literatur, alle drei Fächer mit einem möglichst unpraktischen Schwerpunkt: Mittelhochdeutsch, Altisländisch und Sanskrit. Nach der Promotion machte er seine Liebe für das Schreiben zum Beruf und gründete seine eigene Schreibwerkstatt, die Satzweberei. Daneben ist er auch weiterhin als Lehrbeauftragter für kreatives und akademisches Schreiben sowie Literaturwissenschaft tätig. Er schreibt vor allem fantastische und historische Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Mit seiner Frau und seinen vier Kindern lebt er in der Nähe von Bremen. 

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Hendrik Lambertus
© Fany Fazii

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