Lesezeichen: Janika Rehak

Fensterfront eines Hochhauses
© Rike Oehlerking

Nordturm

Von Janika Rehak

Der Postaufzug öffnet sich, das Paket fährt herein. Nahrungsmittel für eine Woche. Ich sehe vom Ess-Arbeits-Schreibtisch auf.

Guten Appetit, wünscht Lus summendes Timbre.

„Danke“, sage ich. Manchmal rede ich über Wochen nur mit der KI.

Gemüse-Reis-Beyond Meat. Heißes Wasser vom Dusch-Bade-Wäsche-Strahl, kurz ziehen lassen, fertig. Mein Körperfett-Analysebett sagt: Mehr Bewegung.

Das Mikroapartment ist zu eng für Crunches. Zwei mal drei Meter. Bett, Schreibtisch, Einbauschrank. Neben der Tür hängen Whiteboard und Stift, unbenutzt. Analog macht heute doch keiner mehr.   

Die Aussicht ist großartig. Zwei Meter Fenster von Wand zu Wand. Ein Bonus der Firma, für herausragende Leistungen, vier Prozent Umsatzsteigerung im letzten Quartal. Keine große Sache, Zahlen sind mein Job.  

Beim Essen schaue ich ins Freie, über mir Sterne, unter mir Wolken, daneben die anderen Wohntürme. Einer im Osten, einer im Westen. Ich bin im Norden, der ist am höchsten.

Mein Tablet blinkt. Neue Nachricht.

Na?

In Shirins Apartment brennt Licht. Sie wohnt im Westturm (fünf Prozent mehr Umsatz), 327. Stock, also schräg über mir. Wir können einander zuwinken.

Hi, tippe ich.

Sie: Kalt im Norden?

Ich: Lach-Emoji.

Seit Wochen texten wir uns. Arbeit, Filme, solche Sachen. Ich dachte, das hört schnell auf, tut es aber nicht.

Erneutes Aufleuchten.

Du/ich – Date?

Ich verschlucke mich am Beyond-Meat, rutsche vom Bett, sage: „Lu: Licht aus!“, hocke zehn Minuten da und starre ins Dunkel. Schließlich krieche ich zurück aufs Bett. Drüben: Alles finster. Shirin ist offline.

Handeln. Jetzt. Erfolgschance: circa vier Prozent.   

Ich schnappe mir den Stift vom White-Bord und schreibe aufs Panoramafenster. Das gibt Ärger mit der Genossenschaft. Vielleicht fliege ich raus.

Ich mache große, runde Buchstaben. Fenster-fettgedruckt. Der Stift reicht gerade so.

Ja!!!

„Lu: Licht.“

Der Schriftzug auf dem Glas ist deutlich sichtbar, er geht nicht mehr ab.

Ich warte.

Das Tablet blinkt. Eine neue Nachricht geht ein.


Janika Rehak

wurde 1983 geboren und wuchs in der Lüneburger Heide auf, studierte in Hannover und arbeitet heute als Autorin, Texterin und Journalistin, unter anderem für das deutsch-tschechisch-slowakische Onlinemagazin jádu. Sie schreibt Romane (bislang unter Pseudonym), Kurzgeschichten und Flash Fiction, gern mit surrealen Inhalten.
Janika Rehak begeistert sich für Japan, die 1920er Jahre sowie für Märchen aus aller Welt und freut sich über ihre stetig wachsende Sammlung an Graphic Novels. Als Autorin ist sie fasziniert von Brüchen und Umbrüchen in Menschen, Beziehungen, Gesellschaften. Besonderes Herzensthema: die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Kunst.

Zum Autorinnenprofil von Janika Rehak

Zum Mini-Lit Audio von Janika Rehak

Porträt von Janika Rehak
© privat

Weiterlesen:

Antonio Muñoz Molina im Interview

Antonio Muñoz Molina ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Spaniens und als Repräsentant des Gastlandes eröffnet er dieses Jahr die Frankfurter Buchmesse. Im Interview hat er uns verraten, was das für ihn bedeutet und woran er gerade arbeitet. Hier könnt ihr das Interview lesen – auf Deutsch y naturalmente en versión original.

Satzwende: Christian Diaz Orejarena (1/2)

In Christian Diaz Orejarenas Comic-Kolumne geht es nach Kolumbien zu den sogenannten Lengerke-Wegen, benannt nach einem deutschen Großunternehmer aus dem 19. Jahrhundert. Eine Karnevalsmaske nimmt uns mit hinter die Fassade der Heldengeschichte des wirtschaftlichen Aufschwungs und zeigt die Ausbeutung und Gewalt, die dahinterliegen.

Lesezeichen: Jürgen Alberts

Passend zum herbstlichen Wetter heißt das Lesezeichen in dieser Ausgabe "Ich will keine Winter mehr!" und lässt uns auf den nächsten Winter blicken und wo man ihm entgehen kann. Lies rein ins Gedicht von Jürgen Albert, in dem sich Verse auf Deutsch mit welchen auf Spanisch abwechseln.