Literarische Wochen Bremerhaven

Am 28. Februar fällt der Startschuss für die Literarischen Wochen in Bremerhaven. Wie jedes Jahr wurden fünf hochkarätige Autor*innen eingeladen und es steht eine Filmvorführung der Schachnovelle auf dem Plan. Mit dabei sind dieses Jahr Norbert Gstrein, Gert Loschütz, Moritz Rinke, Dilek Güngör und Kristine Bilkau. Einen kleinen Einblick in die Bücher der diesjährigen Gäste geben wir dir schon vorab.

Der zweite Jakob (Hanser 2021) erzählt vom erfolgreichen Schauspieler Jakob Thurner, über den ein Verlag anlässlich des bevorstehenden 60. Geburtstages eine Biografie plant. Der Blick auf das Leben wird dabei jedoch weitaus mehr bestimmt von der Schlüsselfrage der Tochter, was das Schlimmste sei, das ihr Vater jemals in seinem Leben getan habe. So unzuverlässig der Protagonist als Ich-Erzähler eigene Verfehlungen in der Rückschau seines Lebens auf- und wieder zudeckt, so komplex wird die Erzählkonstruktion mit ihrer Vielzahl an Themen, Motiven und Orten.

Norbert Gstrein, 1961 in Tirol geboren, lebt in Hamburg. Mit Der zweite Jakob war er 2021 für den Deutschen Buchpreis nominiert.


Vor dem Hintergrund einer historischen Katastrophe erzählt Gert Loschütz in Besichtigung eines Unglücks (Schöffling & Co. 2021) eine fesselnde Geschichte von Liebe, Schuld und Verrat: Im Dezember 1939 kommt es vor dem Bahnhof von Genthin zum schwersten Zugunglück auf deutschem Boden. Zwei Züge prallen aufeinander, zahlreiche Menschen sterben. In einem davon sitzt Carla, die schwer verletzt überlebt. Verlobt ist sie mit Richard, einem Juden aus Neuss, aber nicht er ist ihr Begleiter, sondern der Italiener Giuseppe Buonomo, der durch den Aufprall ums Leben kommt. Das Ladenmädchen Lisa erhält den Auftrag, der Verletzten Kleidung zu bringen. Aber da gibt Carla sich bereits als Frau Buonomo aus.

Gert Loschütz, 1946 in Genthin geboren, lebt mit seiner Familie in Berlin. Besichtigung eines Unglücks wurde mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2021 ausgezeichnet.


In seinem kleinen Postbüro in Yaiza sortiert Pedro Fernández García seit Erfindung des Internets keine Briefe mehr, sondern nur noch Werbesendungen. So hat er unendlich viel Zeit, um am Hafen Kaffee zu trinken, seinem Sohn alles über historische Vulkanausbrüche zu erzählen und den Geheimnissen seiner Familie auf den Grund zu gehen. Was hat sein Großvater in den dreißiger Jahren in Spanisch-Marokko gemacht? Wer war der mysteriöse Deutsche, bei dem er angestellt war? Als sich Pedros große Liebe Carlota von ihm trennt und mit dem Sohn nach Barcelona zieht, nimmt sein Leben eine unvorhersehbare Wendung. Doch was sich zunächst wie Verlust und Trauer anfühlt, wird durch die Begegnung mit dem Flüchtling Amado zu Aufbruch und Neubeginn.

Moritz Rinke, geboren 1967 in Worpswede, lebt in Spanien und in Berlin. Er liest aus Der längste Tag im Leben des Pedro Fernández García (KiWi 2021).


Ein ganzes Wochenende verbringt die Protagonistin von Vater und ich (Verbrecher Verlag 2021) Ipek allein mit ihrem Vater. Im Elternhaus angekommen sitzt sie in ihrem früheren Kinderzimmer, hört ihn im Garten, im Haus, beim Teekochen. Das Problem: Die beiden haben keine gemeinsame Sprache mehr. Und kein gemeinsames Leben. Die Nähe, die Kind und Vater einst verbunden hat, ist ihnen mit jedem Jahr ein wenig mehr abhandengekommen. Geblieben ist Sprachlosigkeit. Ipek ist Journalistin, sie hat das Fragenstellen gelernt, aber gegenüber dem Schweigen zwischen ihr und dem Vater ist sie ohnmächtig.

Dilek Güngör, geboren 1972 in Schwäbisch Gmünd, lebt und schreibt in Berlin. Vater und ich stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2021.


Mitten aus dem Alltag heraus verschwindet in Nebenan (Luchterhand 2022) eine Familie. Das verlassene Haus wird zum gedanklichen Zentrum der unmittelbaren Nachbarn: Julia, Ende dreißig, die sich vergeblich ein Kind wünscht und mit ihrem Freund erst vor kurzem aus der Großstadt hergezogen ist. Astrid, Anfang sechzig, die seit Jahrzehnten eine Praxis in der nahen Kreisstadt führt und sich um die alt gewordene Tante sorgt. Und schließlich das mysteriöse Kind, das im Garten der verschwundenen Familie auftaucht. Sie alle kreisen wie Fremde umeinander, scheinbar unbemerkt von den Anderen. Sie wollen Verbundenheit und ziehen sich doch zurück. Und sie alle haben ihre Geheimnisse. Ihre Wege kreuzen sich und ihre Geschichten verbinden sich miteinander.

Kristine Bilkau, 1974 geboren, lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Ihr erster Roman Die Glücklichen (Luchterhand 2015) fand ein begeistertes Medienecho und wurde mehrfach ausgezeichnet.


Weiterlesen:

Antonio Muñoz Molina im Interview

Antonio Muñoz Molina ist einer der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Spaniens und als Repräsentant des Gastlandes eröffnet er dieses Jahr die Frankfurter Buchmesse. Im Interview hat er uns verraten, was das für ihn bedeutet und woran er gerade arbeitet. Hier könnt ihr das Interview lesen – auf Deutsch y naturalmente en versión original.

Satzwende: Christian Diaz Orejarena (1/2)

In Christian Diaz Orejarenas Comic-Kolumne geht es nach Kolumbien zu den sogenannten Lengerke-Wegen, benannt nach einem deutschen Großunternehmer aus dem 19. Jahrhundert. Eine Karnevalsmaske nimmt uns mit hinter die Fassade der Heldengeschichte des wirtschaftlichen Aufschwungs und zeigt die Ausbeutung und Gewalt, die dahinterliegen.

Jürgen Alberts: Lesezeichen

Passend zum herbstlichen Wetter heißt das Lesezeichen in dieser Ausgabe "Ich will keine Winter mehr!" und lässt uns auf den nächsten Winter blicken und wo man ihm entgehen kann. Lies rein ins Gedicht von Jürgen Albert, in dem sich Verse auf Deutsch mit welchen auf Spanisch abwechseln.