Nicole Seifert über die Verluste der Literaturgeschichte

In ihren Büchern, zuletzt Einige Herren sagten etwas dazu über die Gruppe 47, in Besprechungen auf ihrem Blog Nacht und Tag oder mit der Herausgabe der rororo Entdeckungen hat sich Autorin, Literaturkritikerin und Übersetzerin Nicole Seifert den vergessenen Frauen der Literaturgeschichte verschrieben. Im Interview erzählt sie mehr über die Mechanismen des Vergessens in der Literaturgeschichte und ihre Wiederentdeckungen.

Das Portrait zeigt die Autorin und Übersetzerin Nicole Seifert.
© Katja Scholtz

Welche Mechanismen sind es, die dazu führen, dass Frauen uns nicht als Schriftstellerinnen in Erinnerung bleiben, viele Bücher nicht kanonisiert werden? Kannst du das in Kürze zusammenfassen? Mit der Qualität der Texte hat das ja nichts zu tun.

Es hat mit der umfassenden Abwertung des Weiblichen, der Höherschätzung des Männlichen zu tun, die eben über die Abwertung des „Anderen“ funktioniert und unserer Kultur seit den alten Griechen inhärent ist. Der Blick in die Literaturgeschichte zeigt sehr deutlich, dass auf sehr unsachliche Weise mit zweierlei Maß gemessen wird, dass das Weibliche auch als Kriterium dient, bestimmte Themen abzuwehren. Das gilt quer durch die Epochen und Nationalliteraturen, etwa auch für die Autorinnen der Gruppe 47 - und die haben ganz bestimmt nicht unliterarischer und uninteressanter geschrieben als die Männer, eher im Gegenteil, wenn man es so zuspitzen möchte. Und das führt dann dazu, dass Autorinnen etwa im Schulunterricht so gut wie keine Rolle spielen. 

Wie kam es eigentlich anfangs dazu, dass du dich dem Thema „Frauenliteratur“ gewidmet hast?

Ich habe anfangs nur die Symtpome gesehen: Autorinnen kommen im Schulunterricht fast gar nicht vor, im Literaturstudium nur am Rande, sie bekommen im Feuilleton weniger Platz, ihr Anteil an Literaturpreisträger*innen ist niedrig. Und das, obwohl doch inzwischen kaum noch jemand ernsthaft sagen würde, Frauen könnten eben nicht so gut schreiben wie Männer. Mich hat interessiert, wie es zu diesem Ungleichgewicht kommt, was da genau passiert. Welchen Anteil Verlage, Literaturwissenschaft und -kritik haben und welchen unsere Vorurteile.

2021 ist dein Buch Frauenliteratur erschienen und wurde sehr gut aufgenommen. Hat sich seitdem etwas getan was die Wahrnehmung von Autorinnen angeht?

Der Wunsch von meinem Verlag, Kiepenheuer & Witsch, und mir war es, dieses Thema der Ungleichbehandlung, das natürlich in der feministisihen Wissenschaft und den gender studies längst bekannt ist, in die Breite zu bringen. Denn auch in den Buchverlagen und in den Feuilletonredaktionen hieß es vor ein paar Jahren ja noch häufig: Wir würden ja gern mehr Autorinnen veröffentlichen / rezensieren, aber da gibt es ja leider so wenig, das in Frage kommt, vor allem mit Blick auf Klassikerinnen. Da hat sich hier und da durchaus etwas getan. Es muss sich noch zeigen, ob das auf echte Einsichten zurückzuführen ist oder einfach gerade eine Möglichkeit, mit etwas, das als Trend verstanden wird, Geld zu verdienen. 

In Einige Herren sagten etwas dazu geht es jetzt um die Gruppe 47. Wir kennen alle Günter Grass, Martin Walser oder Heinrich Böll. Aber es waren auch Frauen beteiligt. Welche Rolle hatten sie denn innerhalb der Gruppe?

Es waren wenig Autorinnen dabei, aber nicht so wenig, wie wir heute noch kennen. Die bekannteren sind Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger, auch Gisela Elsner und Gabriele Wohmann sind keine Unbekannten. Bei Namen wie Helga M. Novak oder Barbara König, Ilse Schneider-Lengyel oder Griseldis Fleming sieht das schon anders aus. Großartige Autorinnen mit teils subversiven Texten - und Themen, die in der Gruppe nicht erwünscht waren. Um nicht über ihre Texte reden zu müssen, wurde dann sehr viel über das Äußere der Frauen gesprochen, über ihre Haare, auch über ihr Verhalten, über ihren Sexappeal. Die Herren verhielten sich zum Teil wie pubertierende Schuljungen und spannen Mythen über Hexen und weibliche Ungeheuer zusammen. Auf Kosten der Frauen, deren Werk heute zum größten Teil nicht mehr gelesen wird. 

Welche Autorinnen sind es, die uns aus der Gruppe „verloren gegangen sind“? Welche Autor*innen sollten wir unbedingt wiederentdecken?

Ich porträtiere in Einige Herren sagten etwas dazu siebzehn Autorinnen, und die allermeisten waren für mich eine richtige Entdeckung. Müsste ich mich auf einige wenige festlegen, würde ich sagen: Lesen Sie die frühen Erzählungen von Ilse Aichinger, auch die von Gabriele Wohmann, die Romane von Gisela Elsner und Christa Reinig und die Lyrik von Helga M. Novak und Griseldis Fleming, soweit sie erhalten und zu bekommen ist. 

Wie gehst du bei deinen Recherchen vor, zum Beispiel für die rororo Entdeckungen? Wie findet man verlorengegangene Autorinnen und ihre Bücher wieder?

Das ist leider in vielen Fällen gar nicht so einfach. In anderen führt mich die eine Entdeckung zu einer anderen, werden wir in Antiquariaten fündig, und es helfen natürlich auch die Reihen ausländischer Verlage, die beim aktiven Wiederentdecken marginalisierter Stimmen schon weiter sind als wir in Deutschland. Auch Übersetzer*innen, die die Sprachen und Literaturen kleinerer Sprachräume sehr gut kennen, helfen uns manchmal mit ihren Tipps. 

Das Cover des Buches Einige Herren sagten etwas dazu.

Nicole Seifert

ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und gelernte Verlagsbuchhändlerin und arbeitet als Übersetzerin und Autorin. Ihr Buch FrauenLiteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt erschien 2021 und löste eine Debatte über weibliches Schreiben aus. Nicole Seifert ist Mitherausgeberin der Reihe rororo Entdeckungen, in der Romane unbekannter Autorinnen des 20. Jahrhunderts (wieder)veröffentlicht werden. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Mehr lesen:

Magazinchen: „Mama liest vor“ empfiehlt

Auf ihrem Kinderbuchblog „Mama liest vor“ stellt Daniela Krause Bilder- und Kinderbücher vor. Zum Thema Verluste hat sie für uns das Bilderbuch „Der Baum der Erinnerung“ von Britta Teckentrup aus dem Regal gezogen: ein Helfer, wenn die richtigen Worte fehlen.