Olga Grjasnowa (3/4): Freunde

Freunde am Osterdeich
© Eva-Christina Krause

Im letzten Jahr gab es weniger Gelegenheiten denn je, Freund*innen zu treffen und zugleich wäre dieses Jahr ohne Freundschaften nicht auszuhalten gewesen. Es waren die kleinen und die großen Gesten, die so gut getan haben. Eine Spielzeugkiste, die vor unserer Haustür abgelegt wurde, Freund*innen, die die Kinder auf den Spielplatz mitgenommen und ihnen sogar ein paar Manieren beigebracht haben, Bücher, die meine Freund*innen geschrieben haben und Aufträge, die uns vermittelt wurden.

Das letzte Jahr hat – zumindest mir – geholfen, viele Beziehungen besser einzuordnen, nicht alle Freundschaften haben über die Isolation hinweg gehalten, aber die, die geblieben sind, wurden dafür enger und intensiver. Es war ein schleichender, kaum merkbarer Prozess. Die Pandemie hat sich als eine sehr gute Möglichkeit erwiesen, manche Beziehungen auslaufen zu lassen. Der Vorteil von Freund*innen gegenüber der Familie ist, dass man sich nicht ein Leben lang mit ihnen auseinandersetzen muss. Doch enge Freund*innen stehen uns öfter näher als die eigene Familie, sie bilden die selbsterwählte Familie. Nicht umsonst war „beste Freundin“ oder „bester Freund“ früher auch ein Code für homosexuelle Beziehungen.

Weiterlesen:


Olga Grjasnowa
© Valeria Mitelman

Olga Grjasnowa, geboren 1984 in Baku, Aserbaidschan, wuchs im Kaukasus auf. Sie absolvierte längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland und Israel und ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. 2011 erhielt sie das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung. Für ihren vielbeachteten Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt (Hanser) wurde sie 2012 mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis und Anna Seghers-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien ihr Roman Der verlorene Sohn (Aufbau 2020). Für das Literaturmagazin Bremen schreibt sie im Januar und Februar über Freundschaft.

Olga Grjasnowa bei der LiteraTour Nord


Weiterlesen:

Satzwende: Nora Bossong (1/4)

Im März dreht und wendet Schriftstellerin Nora Bossong in unserer Kolumne Satzwende das Thema Menschenrechte. "Was ist eigentlich am letzten Tag der Menschenrechte passiert, dem 10. Dezember?", fragt sie und muss feststellen, dass eine Pandemie zwar Menschenrechtsverletzungen nicht stoppt, aber davon ablenkt.

„Huzur“ bedeutet „Frieden“

Frieden - bei einem kurzfristigen Waffenstillstand konnten ihn die Menschen in einem türkisch-kurdischen Wohnbezirk erleben. In einem Text, der beim interkulturellen Schreibworkshop diverse people remember stattfand, erzählt Huzur Bogatekin von einem Jungen, der während dieses Waffenstillstands zur Welt kam.