Olga Grjasnowa (1/4): Freundschaftsbeziehungen

Freunde am Osterdeich
© Eva-Christina Krause

Die meisten Filme, Theaterstücke und Romane handeln von Liebe und Romantik, dabei kann man an einer schlecht laufenden Freundschaft genauso leiden wie an einer unglücklichen Liebe. Eine Freundschaft ist oft komplexer als eine Liebesbeziehung, sie entwickelt sich, wächst und verändert sich von Woche zu Monat, Jahr zu Jahrzehnt und dabei wissen wir über Freundschaften viel weniger als über Beziehungen. Die letzteren sind fast immer in eine bestimmte Form gepresst: Beziehung, fest, offen oder klassisch, Ehe, Affäre, One-Night-Stand. Freundschaften sind dagegen unbestimmter und vielfältiger, natürlich gibt es auch da das Prinzip der Bro-Romance oder der besten Freund*innen, doch die Grenzen sind im Deutschen weniger starr. Ich brauche sehr lange, bis ich jemanden als Freund*in bezeichnen kann. Es klingt nach einer Ehe, nur dass vorher kein Antrag gemacht wurde. Womöglich sind Freundschaftsbändchen doch keine so schlechte Idee.

Im Russischen, meiner vermeintlichen Muttersprache, ist die Hierarchie ganz klar, zuerst ist man lediglich miteinander bekannt, eine ganze Weile später kommt der Kumpel-Status, erst dann folgt die Freundschaft. Diese ist allerdings fürs Leben. Jede Stufe der Freundschaft folgt einer Hierarchie, die nicht beiseite geschoben werden kann. Freund*innen und Kumpel sind auf Russisch keine Synonyme. Zumindest waren sie das nicht, bevor man auf Facebook 5000 dieser haben konnte.


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Olga Grjasnowa
© Valeria Mitelman

Olga Grjasnowa, geboren 1984 in Baku, Aserbaidschan, wuchs im Kaukasus auf. Sie absolvierte längere Auslandsaufenthalte in Polen, Russland und Israel und ist Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. 2011 erhielt sie das Grenzgänger-Stipendium der Robert Bosch Stiftung. Für ihren vielbeachteten Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt (Hanser) wurde sie 2012 mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis und Anna Seghers-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien ihr Roman Der verlorene Sohn (Aufbau 2020). Für das Literaturmagazin Bremen schreibt sie im Januar und Februar über Freundschaft.

Olga Grjasnowa bei der LiteraTour NorD

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