Satzwende: Helene Bukowski (1/2)

Kahle Bäume im Gegenlicht
© Rike Oehlerking

Woran wir uns erinnern wollen I

Dies ist ein Verzeichnis eines Hauses, eines Gartens und dessen Umgebung. Früher wurde hier Braunkohle abgebaut. Davor war dieses Gebiet Moor. Jetzt liegt das Grundstück in einem Wald. Seit fast einem Jahr wohnen wir hier. In der Stadt sind wir nur noch selten, obwohl wir unsere Wohnungen dort nicht aufgegeben haben. Wir, das sind sechs Erwachsene und zwei Kinder, bald drei. Unsere Namen nennen wir nicht, sie sind nicht relevant für dieses Verzeichnis. Die Kinder sind noch zu klein, um selbst etwas aufzuschreiben, doch wenn sie alt genug sind, werden wir auch sie ermutigen, dieses Verzeichnis stätig zu ergänzen. Wir wissen nicht, was sich hier im Haus, im Garten und in der Umgebung in den kommenden Jahren verändern wird und was verschwindet. Um nichts davon zu vergessen, haben wir beschlossen, mit diesem Verzeichnis zu beginnen.

 

Refugium I

Verlässt man das Grundstück durch das hintere Tor, senkt sich der Boden nach ein paar Metern steil ab. Dort beginnt der Wald. Er besteht aus Kiefern, Birken, Buchen, Eichen. Stehen wir oben am Hang, fühlen wir uns, als könnten wir uns in den Wald hineinstürzen. Im Winter lag der Schnee so dick, dass sich das ganze Dorf an dieser Stelle traf und rodeln ging. Sie erzählen uns, so viel Schnee gab es das letzte Mal vor zwanzig Jahren.

Im letzten Herbst haben wir die Kinder genommen und sind mit ihnen im Laub hinabgerutscht und haben das neue Terrain erkundet. Überall gibt es tiefe Krater. Die Landschaft hat noch nicht vergessen, dass hier Braunkohle abgebaut wurde.

 

Bäume I

Im Hof zwischen Haus und Schuppen ist der Boden sandig. An einer Stelle buddeln die Kinder mit bunten Plastikschippen. Wir Erwachsenen flüchten in einen kühlen Teil des Gartens. Dort unter dem Apfelbaum wachsen zwei Eichen. Sie reichen uns bis zur Schulter. Eine von ihnen graben wir aus. Die Wurzeln so tief wie der Stamm. Wir tragen sie in die Mitte des Hofes, heben dort ein Loch aus und setzen den Baum hinein. Und in fünfzig Jahren dann Schatten, scherzen wir, aber eigentlich ist es die Wahrheit. So eine Eiche wächst sehr langsam. Wir gießen den Baum täglich. Zwei Gießkannen. Die Knospen gehen auf. Die Blätter sind hellgrün, aber viel kleiner als bei der Eiche, die noch immer unter dem Apfelbaum steht. Die Hitze hält an. Nach ein paar Wochen sind die meisten der Blätter vertrocknet. Jetzt steht ein Baumgerippe auf unserem Hof.

 

Regen

Wir kommen nachts beim Haus an, laufen vom Auto zur Eingangstür, durch den Regen. Im Wohnzimmer steht das Wasser. Es tropft von der Decke auf den Tisch und von dort auf den Boden. Seit einer Woche ist der Regen so dicht, dass er uns vorkommt wie ein Vorhang. Mit Taschenlampen steigen wir auf den Dachboden. Dort stehen Eimer, die längst übergelaufen sind. Am nächsten Tag begutachten wir das Dach. Es hat überall Löcher. Wir müssen es bald erneuern, Starkregen wird es in Zukunft häufig geben.

 

Insekten I

Wir sitzen im Garten. Es ist Frühling. Die Mirabellenbäume blühen. Wir zählen Schmetterlinge. Tagpfauenauge, Zitronenfalter und den großen Fuchs erkennen wir, aber es gibt noch andere. Die Kinder zeigen mit ihren Fingern auf die Falter, wollen wissen, wie sie heißen, aber wir können es ihnen nicht sagen. Aus der Stadt bringen wir ein Buch mit. Darin sind alle in unserem Land vorkommenden Schmetterlinge verzeichnet. Wir schlagen nach und finden die, die wir nicht bestimmen konnten: Aurorfalter und Admiral.

An einem anderen Tag lesen wir uns beim Frühstück aus der Zeitung vor. In einem Artikel heißt es, dass bereits 60 Schmetterlingsarten in unserem Land ausgestorben sind, die es noch vor ein paar Jahren gab. Viele weitere sind bedroht. Und in naher Zukunft wird es vielleicht keine Schmetterlinge mehr geben. Ich denke an das ungeborene Kind. Worauf wird es zeigen, wenn es alt genug ist, um mit uns im Garten zu sitzen?

 

Obst

Wir freuen uns über die Bäume in unserem Garten. Die meisten sind älter als wir. Es gibt einen Apfelbaum, zwei Birnenbäume, eine Pflaume, einen Eierpflaumenbaum, Mirabellen, Pfirsiche, Kirschen. Im Frühling blüht alles. Mit den Kindern klettere ich zwischen die Blüten.

Im Sommer steigen wir wieder in die Krone und suchen nach Kirschen. Wir finden braun vertrocknete Blüten. In unseren Händen zerfallen sie. Später sehen wir auch die leeren Zweige der Birnenbäume. Die kleinen, noch grünen Früchte liegen um den Stamm am Boden. Nur eine einzelne hängt noch am Baum. Ich verstaue die Kinder auf der Rückbank und fahre mit ihnen in den nächsten Ort. Dort, im grell ausgeleuchteten Supermarkt, kaufen wir eine große Tüte Kirschen und mehrere Birnen, alles in Plastik eingepackt. Ursprungsland Spanien.

 

Insekten II

Ich sehe das erste Mal in meinem Leben Glühwürmchen. Wir sitzen hinter dem Haus im Dunkeln, vor uns leere Teller, Schüsseln, Gläser, benutztes Geschirr, als Leuchtpunkte aus dem Gehölz auftauchen. Sie glimmen auf und verschwinden wieder. Es fühlt sich an, als könnten der Garten und der Wald zaubern. Unsere Gespräche verstummen, wir sitzen ganz still.

 

Restlöcher

In der Nähe des Grundstücks gibt es viele Seen. Aber sie sind nicht natürlich. Als keine Braunkohle mehr abgebaut wurde, hat man die Tagebaulöcher geflutet. Das Baden ist in ihnen verboten. Die Hänge am Ufer sind nicht stabil. Immer wieder gibt es Erdrutsche. Wir gehen trotzdem dort schwimmen. Es gibt keine Fische. Das Wasser ist türkis.

Es schmeckt nach Metall, sagt einer, der uns besucht, vielleicht verrostet am Grund ein vergessener Backer.

 

Obst II

Wir überlegen, Melonen im Garten anzubauen.


Porträt von Helene Bukowski
© Rabea Edel

Helene Bukowski

wurde 1993 in Berlin geboren und studiert zurzeit Literarisches Schreiben und Lektorieren in Hildesheim. Sie ist Co-Autorin des Dokumentarfilms Zehn Wochen Sommer, der 2015 den Grimme Sonderpreis Kultur erhalten hat, und war 2016 zur Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin eingeladen. Ihre Texte erschienen in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien und sie war Mitherausgeberin der BELLA triste. Milchzähne (Blumenbar 2019) ist ihr erster Roman. Im Jahr 2021 leitet Helene Bukowski das Projekt Bremer Schulhausroman an der Bremer Oberschule in den Sandwehen.

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