Satzwende: Lion Christ

Das Bild zeigt eine Treppe mit rotem Geländer in einem Mehrparteienhaus.
© Rike Oehlerking

Schon wach

Irgendwie riecht es schon seit Tagen anders im Treppenhaus: würzig, essigsauer. In der Wohnung im Hochparterre weckt Frau S. wohl immer noch Kürbis ein. Der sei bei der Tafel übriggeblieben, da habe sie natürlich nicht nein sagen können. Weil er einsam war, hat er sich auf die letzte Stufe gesetzt, horcht dem Zischen des Dunstabzugs hinter der Tür, dem geschäftigen Klirren. Gestern hat sie ihm ein Glas geschenkt, als sie ihn hier sitzen sah. Es war noch warm. Er hielt es solange in den Händen, bis keine Wärme mehr davon abstrahlte, er zu frieren begann. 

Die Katze der Familie aus dem Dritten hat einen toten Vogel im Maul, schleppt ihre Beute in eine schattige Ecke hinters Mülltonnenhäuschen, gerade als er durch die Fenstergitter in den Innenhof schaut. Kurz durchfährt ihn ein Schauer und er wendet den Blick ab, malt zittrig eine Linie in den Staub auf dem Fensterbrett. Der Musikstudent aus dem Dachgeschoss schläft seit fast sechzehn Stunden jetzt, zumindest hofft er das, während er sich zurück auf die Treppe setzt und sein Display anstarrt. Solange seit dem Abschied. Solange keine Antwort mehr auf WhatsApp, ob sie sich heute Abend vielleicht wiedertreffen wollen. 

Die Wohnhaustür knarzt hinter ihm beim Zufallen. Vor der Apotheke in der Seitenstraße stehen sie bis auf den Bürgersteig hinaus: Erkältungssaison. Husten und Schniefen, rote Nasen. Da verzichtet er doch lieber auf Aspirin gegen das Pochen hinter der Stirn, frische Luft wird es auch tun. Nächstes Mal ein Glas weniger, sollte es ein nächstes Mal geben. Den säuerlichen Geschmack beim Küssen mag er sowieso nicht. Ob der andere es einfach nicht schön mit ihm fand? Hat der sich schlafen gestellt, als er ihn fragte, „kann ich dableiben?“


Ein paar Halbwüchsige stromern mit ihren Skateboards die Straße entlang, Bier- und Energydrinkdosen in der Hand, in den Rucksäcken. Es scheppert und klinkt, verschworenes Gelächter. Er wechselt die Straßenseite. Ihm ist schon wieder kalt, aber er wird noch nicht zurückgehen. Die Zimmerdecke einer Dreißig-Quadratmeter-Wohnung kann ein Sargdeckel sein. So eine Zimmerdecke kommt jede Nacht näher. Bis zwischen einen selbst und den porösen Putz höchstens noch Millimeter passen. 

Vorm Bezirksgericht sind Straßenarbeiten. Teer, der dampfend vom Schubladenmetall auf den Asphalt hinabrauscht. Er versucht, nicht zu tief einzuatmen, doch irgendwie ist der giftige Dunst auch verführerisch. Nur mit Mühe kann er seinen Blick von den gleichmäßigen Abläufen lösen, dem perfekten Getriebe, das diese in der Kälte schwitzende Körper in Warnorange bilden.


Er geht weiter, um den nächsten, mit kahlen Sträuchern umzäunten Platz. In der Mitte, auf der Kletternetzpyramide, hangeln sich dick eingepackte Kinder bis ganz nach oben, grölen stolz ihren Eltern zu, „jetzt schau doch mal, Papaaa!“ Immer wieder kommt eine Frau mit alterslosem, völlig unbewegtem Gesicht in schwingendem Wollmantel an ihm vorbei, die ihre Runden um den Platz gegenläufig dreht, einen Collie an der Leine. Dreimal passieren sie einander, ohne sich anzusehen. Erst beim vierten Mal blickt die Frau ihm direkt in die Augen, sagt etwas in einer anderen Sprache zu ihm, vielleicht Russisch. Er bleibt neugierig stehen und auch die Frau bleibt kurz stehen, sieht ihn abwesend an, dann zieht sie ihren Hund über den Kiesweg weiter. Es dauert eine Weile, bis ihm klar wird, dass die Frau nie mit ihm, sondern bloß mit dem Tier geredet hat. Rasch läuft auch er weiter. Die Wangen rot.

In der verrauchten Sportbar sitzen zum Glück schon Gäste: Ein paar Männer am Tresen, jeder vor einem Bier, schweigend. Hinten in der Ecke unterhalten sich zwei hagere Frauen. Die eine qualmt angespannt, fährt sich beim Erzählen unablässig durch die kaputtgefärbten blonden Haare. Die andere nickt stoisch, manchmal schüttelt sie auch ungläubig den Kopf. Auf den Flachbildschirmen an der holzvertäfelten Wand wird ein Spiel übertragen. Er hat keine Ahnung von Fußball, welche Liga das ist. Als er die Vibration seines Handys in der Hosentasche spürt, klopft sein Herz schneller. „OP bei Opa lief gut, hat zumindest halben Joghurt gegessen jetzt. Passt du auch auf dich auf? Sonntag telefonieren? Tulpe, Panda, Herz. Mama.“ Er schämt sich, weil er kurz so enttäuscht von der Nachricht ist, zögert. Dann entsperrt er das Display und tippt: „Ja ok, Sonntag.“ Nachdem er sein Bier in einem einzigen Zug ausgetrunken hat, holt er nochmal sein Handy raus, schickt ein „Herz“ hinterher. Als er zahlt, fällt ein Tor im Fernsehen und er muss aufstoßen. Die Barfrau lächelt ihn nachsichtig an. Niemand jubelt.

Inzwischen dämmert es draußen. Vor Netto steht ein Mann in löchrigem Frack mit Hut, verbeugt sich jedes Mal, wenn die Leute ihn grußlos passieren. Eine Weile beobachtet er den Mann aus der Ferne, wie dieser sich immer aufs Neue elegant verbeugt. Mit eisigkalten Fingern kramt er in seinem Portmonee, findet jedoch nur noch ein Zwanzig-Cent-Stück darin. Es ist ihm unangenehm, wie wenig er in den Hut wirft, aber der Mann bedankt sich trotzdem dafür, breit lächelnd, fast zahnlos. Er geht weiter, biegt um die Ecke und läuft noch einige Male ziellos um den Platz herum. Ein Flackern über ihm, als die Straßenlaternen anspringen, er abrupt stehenbleibt. Höchstens zehn Meter entfernt kicken sich zwei Jungs einen Ball zu, kichernd, kindische Witze reißend. Das Glas in seiner Hand, denkt er, noch warm, und setzt sich müde auf die nächste Bank, die unterste Treppenstufe, haucht fest in seine Hände. Dann sieht er ihnen zu, dem flinken Hin und Her des Balls, bis auch sie heim gehen müssen, niemand mehr sonst da ist. Im Dunkeln lauscht er dem Zischen des Dunstabzugs hinter der Tür gegen die Stille, dem ewigen Geklirr. Bis irgendwann die Tür wieder aufgeht, einen Spalt breit nur.

Lion Christ
© Peter-Andreas Hassiepen

Lion Christ

wurde in Bad Tölz geboren, studierte Film und Literarisches Schreiben und lebt in Leipzig. Für seinen Debütroman Sauhund (Hanser, 2023) erhielt er das Münchner Literaturstipendium 2021.

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