Satzwende: Stephan Lohse

Eine Hand ist in Frischhaltefolie eingepackt und kratzt an der Wand.
© Rike Oehlerking

Meet the neet

Der Tag hat siebenundzwanzig Stunden. Oder achtzehn. Das schwankt. Meine Rollläden schließen nicht richtig. Durch die Lüftungsschlitze zwischen den Lamellen dringt Licht. Heute wird es einer von den kurzen Tagen sein. In den Lichtstreifen wirbeln Staubkörner durchs Farbspektrum. Sie werden sich in meinen Haaren festsetzen. Am Kragen meines T-Shirts. In den Falten meiner Hose. Ich werde sie einatmen, bis in die entlegensten Lungenbläschen. Partikel, die kleiner als 100 Nanometer sind, werden die Zellbarriere überwinden und in mein Blut gelangen, in meine Lymphgefäße. Wer werde ich dann noch sein? Ich plus Dreck? Ich werde Asthma bekommen oder Lungenkrebs. Mein Kreislauf wird kaputt gehen (Arteriosklerose) oder mein Stoffwechsel (Diabetes) oder mein Nervensystem (Demenz). Falls es sich nicht vorher erledigt, werde ich daran sterben. Hahaha. Ich will unter die Dusche, ich kann aber nicht raus. Meine Mutter hat Spätschicht und saugt die Treppe. Hier kommt sie nicht rein. Dein Reich, sagt sie. Dein Kinderreich. Sie denkt, dass ich Autist bin und das sensibelste Wesen, das man sich vorstellen kann. Weil ich morgens immer dieselbe Sorte Dosenfisch esse. Das ist lächerlich. Dosenfisch ist ein günstiges und haltbares Nahrungsmittel. Wenn es keine andere Nahrung mehr geben wird, bin ich vorbereitet. Bist du es? Ob ich meine Mutter mag? Mögen ist jetzt Ansichtssache. Sie denkt, ich würde mir das Leben nehmen, wenn sie mich rausschmeißt. Hahaha. Meine Haut ist weiß wie eine Lichtquelle. Ich bin ein albinotischer Molch, glatt und haarlos. Ich habe mein Fell abgelegt. Ich lebe unter Wasser, stehe aber kurz vorm Landgang. Mein Haupthobby ist das Internet. Ich bilde mich weiter. Hahaha. Ich habe die Festplatte verschlüsselt. Passwort: »fagg0t«. Witz. Es war ätzend, es hat geblinkt wie die Enterprise. Ich hasse Star Trek mit einer Leidenschaft, die du dir nicht vorstellen kannst. Ein schwules Space Imperium. Sie reisen durchs Universum und verpassen einem ihren Kommunismus. Du erwartest, dass ich Ego-Shooter zocke? Ich spiele RTS-Spiele, Age of Empires II, League of Legends, Command & Conquer. Der Staub setzt sich in der Tastatur fest. Ich ziehe mein T-Shirt aus und werfe es zur Schmutzwäsche. Auf dem Teppich mache ich Sit-ups und Liegestütze. Im Moment bin ich bei 64 Kilogramm. Vielleicht schaffe ich 67, wenn ich am Ende des Zyklus bin. Nie war ich in meinem Leben fitter. Eine Kraftzunahme von bis zu 30 Prozent wird sich als wertvoll erweisen. Unter meiner Haut verdichten sich die Zellen zu Härte. Looksmaxxing. Improve your physical appearance. Maximize yourself. Mir gefällt das. Das Ziel ist, auf einer Skala von eins bis zehn mindestens auf eine sieben zu kommen. Mit achtzehn oder neunzehn war ich kurz davor. Ich war mit einer in einer Kneipe. Sie erzählte, dass sie links +4,2 Dioptrien habe und rechts +4,6. Aber für mich hat sie die Brille abgenommen. Wir sind zu ihr und ich habe in ihrem Zimmer auf einer aufblasbaren Matratze übernachtet. In einer Wohngemeinschaft unterm Dach. In einem Zeckennest. Suboptimal. Dabei bin ich eigentlich tierlieb. Hahaha. Es ist nichts gelaufen, ich habe es verbockt. Ich hätte es auf jeden Fall gewollt, aber ich habe dann relativ stark versagt. Sie hat mich angesehen, als wäre ich ein Alien. Meine Haut wurde noch weißer. Und dann wurde sie irgendwie undicht. Als würde sie an mehreren Stellen aufplatzen. Sauber gesetzte Schnitte, ohne zu bluten. Es schien mir, als könnte die Frau in mich eindringen, statt ich in sie, wie es vorgesehen war. Als könnte sie mit allem, was sie hat, in meinen Organen wühlen (Leber, Nieren, Darm), die umgeben waren von kalter, milchweißer Substanz. Zum Glück schloss sich meine Haut wieder. Am nächsten Tag bin ich in mein Kinderzimmer zurückgezogen. Meine Mutter hat gesagt, ist doch egal, ist jetzt vorbei. Sie ist ein positiver Mensch. Bin ich unbeliebt? Ja. Und du? Bist du beliebt? Glaubst du das wirklich? Höchstens 30 Prozent der Männer sind Wölfe. Sie haben die Verfügungsgewalt über 100 Prozent Frauen. 70 Prozent der Männer sind Molche und gehen in dem Game leer aus. Ich bin 1 Einzelner. Hahaha. 28, 29, 30. Ich mache lieber Liegestütze als Sit-ups. Auf meiner Haut trocknet der Schweiß. Salzkristalle ordnen sich zu Krusten aus Tetraedern, Oktaedern, Dodekaedern. Ich strahle. An mir bricht sich das Licht in allen Farben der Welt. Meine Mutter ruft mich. Ich soll beim Bügeln helfen, bevor sie zur Arbeit geht. Ich bin im Lot. Lay down and rot or fight and flight. Ich bin bereit. Der Molch verlässt das Wasser. Das Rudel sammelt sich. Wie lange ich schon darauf warte. 


Anmerkung: Die Abkürzung "neet" steht für "not in education, employment or training" und bezeichnet eine Person, die weder eine Schule besucht, noch einer Arbeit oder einer Berufsausbildung nachgeht.

Am 9. Oktober 2019 verübte gegen 12:00 Uhr ein damals 27-Jähriger, dessen Name hier nicht genannt werden soll, einen Anschlag auf die Synagoge der Jüdischen Gemeinde zu Halle. Es war Jom Kippur. Der Täter hatte die Absicht, möglichst viele Menschen zu töten. Nachdem er feststellen musste, dass das Holztor zum Hof der Synagoge verschlossen war, warf er einen selbstgebauten Sprengsatz über die Mauer, um Menschen zu treffen, die sich dort mutmaßlich aufhielten, und ihre Flucht durch das Tor zu provozieren. Der Sprengsatz zündete nicht. Die vierzigjährige Jana Lange war auf dem Weg nach Hause, als sie auf den Täter traf. Sie beschwerte sich über den Lärm. Der Täter gab aus einer selbstgebauten Waffe vier Schüsse auf sie ab und weitere elf, als sie bereits am Boden lag. Jana Lange verstarb noch vor Ort an den Folgen ihrer Verletzungen. Ein zweiter Sprengsatz, den der Täter am Tor platzierte, zündete zwar, hatte aber keine Wirkung. Daraufhin schoss der Täter auf das Tor, das dem Beschuss jedoch standhielt. Zwei unbeteiligte Passanten überlebten nur, weil die Waffen des Täters Ladehemmungen hatten.

Im Anschluss fuhr der Täter in seinem Wagen zu einem nahe gelegenen Döner-Imbiss, dem Kiez-Döner. Dort traf er um 12:09 Uhr ein. Zunächst warf er einen mit Nägeln gefüllten Sprengsatz auf den Imbiss, um einen möglichst großen Schaden anzurichten. Dann betrat er das Geschäft und gab zwei Schüsse auf Kevin Schwarze ab, einen Gast, den er irrtümlich für einen Muslim hielt. Kevin Schwarze war Bauhelfer auf einer Baustelle in der Nähe und verbrachte seine Mittagspause im Kiez-Döner. Zunächst verfehlte der Täter sein Opfer. Es gelang Kevin Schwarze in eine Nische zu fliehen. Dort stellte ihn der Täter kurze Zeit später. Mehrere Schussversuche scheiterten. Schließlich erschoss der Täter Kevin Schwarze mit einer anderen Waffe, die er zuvor aus seinem Wagen geholt hatte. Kevin Schwarze verstarb noch vor Ort. Die übrigen Besucher des Kiez-Döner konnten sich in Sicherheit bringen.

Während des Prozesses, an dessen Ende der Täter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und, bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt wurde, fiel mehrfach sein unadäquates Lachen auf. Der psychiatrische Gutachter kam zu dem Schluss, dass dies auf Schwierigkeiten verweise, das eigene Verhalten sozialen Kontexten anzupassen.


“Meine Haut ist weiß wie eine Lichtquelle. Ich bin ein albinotischer Molch, glatt und haarlos. Ich habe mein Fell abgelegt. Ich lebe unter Wasser, stehe aber kurz vorm Landgang.“


Die Autor:innen Tuija Wigard, Linus Pook, Grischa Stanjek, Christina Brinkmann und Duška Roth haben den Prozess protokolliert. Der Halle-Prozess: Mitschriften ist bei Spector Books, Leipzig erschienen. Die Mitschriften haben den oben stehenden Text inspiriert.

In Dialektik der Aufklärung schreiben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer über das "schallende Gelächter", das "zu jeder Zeit die Zivilisation denunziert" habe: "Was unten liegt, zieht den Angriff auf sich: Erniedrigung anzutun macht dort die größte Freude, wo schon Unglück getroffen hat. Je weniger Gefahr für den oben, desto ungestörter die Lust an der Qual, die ihm nun zu Diensten steht: erst an der ausweglosen Verzweiflung des Opfers wird Herrschaft zum Spaß und triumphiert im Widerruf ihres eigenen Prinzips, der Disziplin. Die Angst, die einem selbst nicht mehr droht, explodiert im herzhaften Lachen, dem Ausdruck der Verhärtung des Individuums in sich selbst, das richtig erst im Kollektiv sich auslebt."

Stephan Lohse
© Max Zerrahn/ Suhrkamp Verlag

Stephan Lohse

wurde 1964 in Hamburg geboren. Er studierte Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und war unter anderem am Thalia Theater, an der Schaubühne in Berlin und am Schauspielhaus in Wien engagiert. Sein Debütroman erschien 2017. Das Summen unter der Haut ist sein dritter Roman, der leichtfüßig und mit viel Humor die Geschichte von zwei Jungen und den wichtigsten Dingen im Leben erzählt: über Liebe und Freundschaft, über das Aufwachsen in den siebziger Jahren – einer Vergangenheit, wie sie vielleicht nie war, aber hätte sein sollen. Mit dem Roman ist Stephan Lohse im März in unserer Lesereihe Satzwende zu Gast.

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