Satzwende: Svenja Leiber (2/2)

Hausschuhe vor dem Bett
© Rike Oehlerking

Grand Tour

Von Svenja Leiber

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Das Hier und das Dort, eine Frage der Perspektive. Ich könnte auch auf der Treppe bleiben, bis Adam kommt. Aber das würde ihn kränken, und ich will höflich sein und hab ja ein Ziel. Nein, nicht die Küche. In Wirklichkeit nur wieder das Bett. Wer nicht weggeht, kommt nicht wieder. Ich freue mich inzwischen bei jedem Anfang auf das Ende. Bei dem Kater ist es anders. Alle warten auf Odysseus, selbst sein Bogen, oder hier sein Kissen, da sind wir nicht so genau. Aber er? Kurvt herum, als gehöre sich das so. Womit ich wieder bei der Höflichkeit bin. Adams Enttäuschung, wenn er mich im Nachthemd in der Kälte sitzen sähe. Also noch die letzten Stufen, dann die Schrittchen bis zur Küche, zum Schrank, zu den Tabletten, zum Brot. Ja, so geht es. Und wieder setzen. Diesmal auf den Stuhl. Ich schnaufe wie die Pferde auf Igors Heerfahrt. Erst zu Atem kommen, bevor ich das Graubrot. Und davor ja die Tabletten. Mit Wasser. Gut. Und dann das Brot. Die Ähnlichkeit von Essen und Tourismus: Welterfahrung, Weltverbrauch. Überhaupt, seit ich Adam kenne, weiß ich, die Zeit des blauäugigen Tourismus ist vorbei. Bei mir eh höchstens noch einmal am Tag die Grand Tour bis zur Haustür, nach der Post sehen. Odysseus springt da schon herum. Sitzt gleich wieder da und starrt das Türblatt an wie das Stadttor von Troja. Heute nicht, Kleiner. Ist noch zu früh. Zwanzig nach vier. Lassen wir Troja und Postkutschen, treten wir den Rückweg an. Die Filzschlappen rutschen gut. Meine winzigen Skibewegungen, unterwegs durch Lappland. Und schon wieder die Treppe. Ich muss aufpassen, dass ich nicht die Luft anhalte. Erste Stufe, zweite Stufe. Mit Brot im Bauch geht es besser. Dieser Almauftrieb meiner selbst, vorvorletzte Stufe, vorletzte, letzte, ich, Junko Tabei, erste Frau auf dem Everest. Noch den Flur bezwingen. Irgendwie ist der länger geworden. Odysseus, der Angeber, schon mit gesträubtem Fell zwischen den Türpfosten durch, Skylla und Charybdis, mit letzter Kraft auch sein Frauchen, die zittrigen Hände voran, sie erreichen zuerst den Bettrand, umdrehen, langsam setzen, wenn möglich noch mit etwas Grandezza, Filzschlappen zurücklassen, von nichts zu viel, vorsichtig den Oberkörper ablegen, und dann erst die Beine nachholen. Die einfachsten Unternehmungen bedürfen der besten Planung. Wo war ich?

Zum ersten Teil der Grand Tour

Satzwende: Svenja Leiber (1/2)

Aufbruch - das muss nicht unbedingt die Entdeckung ferner Kontinente und große Abenteuer mit sich bringen. Im ersten Teil ihrer Kolumne erzählt Autorin Svenja Leiber von einem Aufbruch im Kleinen: vom Bett bis zur Küche.


Svenja Leiber
© Steffi Fischer

Svenja Leiber

wurde 1975 in Hamburg geboren, wuchs in Norddeutschland auf und verbrachte als Kind einige Zeit in Saudi-Arabien. Sie studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte und wohnt heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin. 2005 debütierte sie mit dem Erzählungsband Büchsenlicht (Schöffling & Co.). Zuletzt erschien ihr Roman Kazimira (Suhrkamp 2021), aus dem Leiber bei der Literarischen Woche 2022 in Bremen liest. Darin erzählt die Autorin vom größten Bernsteinabbau der Geschichte. Im Aufstieg und Verfall der Annagrube und in ihrem Nachwirken im heutigen Russland spiegeln sich drängende Fragen: Woher rühren Hass und Gewalt? Was geschieht, wenn Leben für unwert erklärt wird? Die Frauen, denen der Roman einfühlsam über fünf Generationen folgt, entwerfen eine Gegenwelt – im Mittelpunkt: Kazimira und ihr Ringen um Selbstbestimmung.

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Einheitsbrei des Grauens

Eine Weltmacht legt den Rückwärtsgang ein - Gianna Lange denkt in ihrem Essay über die Gefahren des Rückschritts nach. Ein Rückschritt, der andernorts beginnt, aber auch unsere bunte Gesellschaft bedroht. Gianna Lange ist Teil des Kollits, des Jungen Kollektivs für Literatur in Bremen.