Wiebke Porombka im Interview

Am Wochenende wurde der 68. Bremer Literaturpreis an Schriftstellerin Judith Hermann verliehen. Für einen Blick hinter die Kulissen haben wir mit Wiebke Porombka gesprochen, die Mitglied in der Jury ist und von Trends, Sprache und Diversität erzählt hat.

Portrait Wiebke Porombka
© Jakob Börner

Dieses Jahr geht der Bremer Literaturpreis an Judith Hermann. Ist die Entscheidung ein Statement, nachdem die Autorin in den letzten Jahren großen Gegenwind aus der Literaturkritik bekommen hat?

Der Bremer Literaturpreis ist einzig und allein eine Auszeichnung für einen herausragenden Roman. Jurys sollten ihre Aufgabe meiner Meinung nach grundsätzlich nicht als Formulierung von wie auch immer gelagerten Statements verstehen. Und für den Bremer Literaturpreis gilt umso mehr: Er hat eine so lange und bedeutende Tradition, dass er für sich steht.

Aber Sie haben natürlich recht: Judith Hermann war nach ihrem – von der Kritik und vom Publikum – begeistert aufgenommenen Debüt Sommerhaus, später immer wieder auch harscher, mitunter unverhältnismäßiger Kritik ausgesetzt. Umso schöner doch für die Schriftstellerin, dass sie nun, beinahe ein Vierteljahrhundert später, einen so gewichtigen Preis für einen Roman bekommt, der in gewisser Weise einen Bogen zu ihrem Erstling schlägt.

Und welche Rolle spielt bei der Entscheidung dann das bisherige Werk der Autor*innen?

In der Regel ist es schon so, dass mit dem Bremer Literaturpreis Schriftstellerinnen und Schriftsteller ausgezeichnet werden, die bereits auf ein gewisses Werk zurückblicken. Das Schöne – und Besondere – am Bremer Literaturpreis aber ist ja, dass es auch noch den Förderpreis gibt, mit dem Schreibende ausgezeichnet werden, die erst ein Debüt oder einige wenige Bücher veröffentlicht haben.

Aber wenn Sie etwa auf den Bremer Preisträger des Jahres 2010 schauen, Clemens J. Setz – der war damals noch nicht einmal 30 Jahre alt –, dann sehen Sie: Es ist durchaus möglich, dass ein Autor ausgezeichnet wird, der erst relativ am Anfang steht.

Wenn Sie Titel für die Jurysitzung erwägen, wie wichtig sind da aktuelle literarische Trends? Und welche Rolle spielt Diversität unter den Autor*innen?

Trends und Literatur, diese beiden Begriffe passen für mich nicht zusammen. Auch wenn Trends natürlich im Feuilleton immer wieder gern behauptet oder gar initiiert werden. Und was die Diversität betrifft: Es ist ebenso schön wie wichtig, aber natürlich zugleich auch selbstverständlich, dass das Bewusstsein für Diversität auch in der Literatur oder im Literaturbetrieb größer geworden ist. Aber wir entscheiden nicht nach Quoten.

Vielleicht können Sie uns gedanklich auf eine Jurysitzung mitnehmen. Wie läuft das ab?

Wir sitzen zwei Tage im November zusammen und sprechen ausführlich über jedes der nominierten Bücher, tauschen Argumente aus und sind dabei mitunter überrascht über die Lektüreerfahrungen der anderen Jurymitglieder. Sehr produktiv macht das Gespräch in Brem die Kontinuität der Jury. Während in anderen Jurys – etwa beim Deutschen Buchpreis – die Jury jedes Jahr neu zusammengesetzt wird und es da natürlich erst einmal eine gewisse Zeit braucht, um ins Gespräch zu kommen, kennen wir in der Bremer Jury uns seit Jahren, so dass ich unsere Gespräche als besonders wertschätzend und zugleich anspruchsvoll erlebe. Was nicht heißt, dass wir nicht auch sehr unterschiedlicher Meinung sein können.

Und dürfen Sie uns etwas über die Sitzung in diesem Jahr verraten?

Tut mir leid: Was konkret stattfinden hinter der geschlossenen Jurytür, darüber darf nicht gesprochen werden. An dieser Regel lässt sich nicht rütteln.

 

Wiebke Porombka

wurde 1977 in Bremen geboren und ist Werder-Fan, seit Völler an die Weser kam. Sie studierte Neue deutsche Literatur und Philosophie in Berlin und arbeitete sie als Dramaturgie- und Regieassistentin an verschiedenen deutschen Theatern und war als Moderatorin, Literaturkritikerin und Autorin tätig. Inzwischen ist sie Literaturredakteurin bei Deutschlandfunk Kultur.

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