40 Jahre Bremer Literaturkontor

Vorstand und Geschäftsführerin 2013: Jens-Ulrich Davids, Wolfgang Schlott, Angelika Sinn, Jochen Grünwaldt und Gert Sautermeister

Vorstand und Geschäftsführerin 2013: Jens-Ulrich Davids, Wolfgang Schlott, Angelika Sinn, Jochen Grünwaldt und Gert Sautermeister
© Victor Stroever

40 Jahre Bremer Literaturkontor! Dieses Jubiläum haben wir uns zum Anlass genommen, um mit dem Geschäftsführer Jens Laloire und dem Vorsitzenden des Vereins Gert Sautermeister zu sprechen. Im Interview mit Annika Depping und Malte Hahs verraten sie, wie das Literaturkontor, aber auch die Literatur selbst sich über die Jahre verändert haben und wie die Zukunft für die Literaturszene in Bremen aussehen könnte.

Das Bremer Literaturkontor feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiläum. Wisst ihr noch, welche Idee ganz am Anfang stand?

Gert Sautermeister: Ja, damals ging es uns darum, dass einzelne Schreiber sich solidarisieren und gemeinsam auch für ihre Interessen auf dem Markt eintreten wollten. Bis dahin waren ja Schriftsteller im Grunde genommen Einzelkämpfer gewesen. Und mit dem solidarischen Elan von 68 sagten sich dann die Bremer Schriftstellerinnen und Schriftsteller: Lasst uns doch unsere Interessen bündeln und dafür sorgen, dass wir gemeinsam Aufmerksamkeit in der Stadt erringen.

Wie sah diese Interessenvertretung aus?

Jens Laloire: Die Idee war wirklich, die Szene hier aktiv zu unterstützen, Öffentlichkeit zu schaffen und Lesungen und andere Veranstaltungen zu organisieren. Also im Prinzip das, was wir immer noch machen. Gleichzeitig sollte das Literaturkontor eine sichtbare Interessenvertretung für die sein, die hier schreiben. Das stand auch im Gegensatz zu dem, was andere Literaturhäuser oft machen: Uns ging es nicht nur darum, Autor*innen von auswärts einzuladen, sondern wir wollten auch aktiv die Szene hier vor Ort unterstützen.

Luftballons aus der Zahl 40
© Rike Oehlerking

Wie hat sich das in den Jahren nach der Gründung entwickelt?

JL: Das Literaturkontor hat sich immer weiter vergrößert. Es ist als Projekt gestartet und lange gab es keine richtige Stelle, sondern wurde ganz am Anfang rein ehrenamtlich betrieben. Mit der Zeit hat sich das weiter verstetigt. Immer mehr Mitglieder sind dazugekommen, bis das Literaturkontor dann schließlich vom Senator für Kultur institutionell gefördert wurde.

GS: Die Verstetigung, von der du sprichst, erfolgte teilweise auch im Bunde mit dem bremisch-niedersächsischen Schriftstellerverband. Das war damals eine wichtige Institution, mit der gemeinsam man etwa jedes Jahr einen Schriftstellerpreis vergeben hat. Das weiß ich noch: Da sind wir dann entweder nach Hannover oder in eine andere niedersächsische Stadt des Schriftstellerverbandes gefahren und haben beratschlagt, wer mit einem Preis ausgezeichnet werden könnte.

Welche Projekte sind euch besonders in Erinnerung geblieben?

JL: Für mich ist es sehr schwierig, das auf ein Projekt herunterzubrechen, weil es für mich verschiedene Aspekte gibt. Einerseits mit Blick auf meine eigene Schreibbiografie: Da bleibt natürlich meine erste Lesung mit dem Literaturkontor im Rahmen der Literarischen Woche im Gedächtnis. Andererseits die ersten Projekte, die ich für das Literaturkontor betreut habe. Wenn ich da zum Beispiel an die erste Lesung der Lesereihe Doppelpack damals in der Dete denke, wo es so richtig voll war mit Inge Buck und Sönke Busch, das war schon sehr besonders für mich.

Oliver Hollwedel, Jens Laloire, Janine Lancker, Ellen Gutschmidt und Benjamin Tietjen 2009 bei der Lesung Mauerfälle im Lagerhaus im Rahmen der Literarischen Woche
© Victor Stroever

Und in den letzten Jahren, gerade über Corona, sind dann auch viele Sachen dazugekommen: die ersten Bremer Kinderbuchtage und darauf dann letztes Jahr das Festival Galaxie der Bücher. Nachdem davor so viel ausgefallen ist, war es schön zu sehen, dass es funktioniert, dass Eltern mit ihren Kindern kommen, sich interessieren und glücklich sind. Dabei sieht man dann auch, wofür man arbeitet.

GS: Wir haben ja in der Corona-Zeit immer wieder erlebt, wie diese und jene kulturelle Vereinigung Schwierigkeiten hatte zu überleben. Da muss ich wirklich sagen, hat Jens so viel Durchhaltekraft, aber auch Erfindungskraft besessen, um dieses Literaturkontor und seine Mitglieder am Leben zu erhalten.


„Wir wollen den Spagat hinbekommen: die Szene hier stark zu supporten, und zwar über alle Generationen hinweg, und gleichzeitig Raum zu bieten für Impulse von außen.“


Welche Rolle spielt das Bremer Literaturkontor heute in der Stadt und der Kulturszene?

GS: Ich möchte mit einem kleinen Detail anfangen: Wir haben in meinen letzten Jahren an der Bremer Universität neue Kurse unter dem Namen Creative Writing eingerichtet. Also etwas, das es immer schon an ausländischen Universitäten gegeben hat. Dabei haben wir uns an das Literaturkontor erinnert. Also suchten wir den Kontakt und so ist es dann passiert, dass Creative Writing an der Universität Semester für Semester von Abgesandten des Literaturkontors abgehalten wurde. Da war eine Verbindung zwischen dem Literaturkontor einerseits und einer wichtigen Institution in der Stadt andererseits. Und dann gibt es jedes Jahr in den verschiedenen Buchhandlungen die Nacht der Bücher Bremen liest!

JL: Stimmt, Bremen liest! ist ein Projekt, das für eine starke Sichtbarkeit sorgt, auch innerhalb der gesamten Kulturszene. Es zeigt, dass es in Bremen eine ganze Menge Autor*innen gibt, die spannende Sachen machen – manche, die schon lange dabei sind, aber auch spannende junge Stimmen. Genau das ist es, was uns ausmacht. Klar, im Vergleich zum Theater Bremen oder der Kunsthalle sind wir von der Größenordnung her natürlich überschaubar. Aber ich glaube schon, dass wir es in den letzten Jahren geschafft haben, die Literaturszene präsent zu machen. Ganz wichtig war da die Kooperation mit zum Beispiel dem virtuellen Literaturhaus, denn dadurch sind viele neue Projekte möglich geworden. Inzwischen sind wir eine Anlaufstelle und das ist sicherlich auch ein Ziel, das zu verstärken. Und dabei ist es ganz wichtig, den Spagat hinzubekommen: die Szene hier stark zu supporten, und zwar über alle Generationen hinweg, und gleichzeitig aber auch Raum zu bieten für Impulse von außen. Denn das ist total wichtig für eine Literaturszene, gleichzeitig ist es über die Jahre auch ein Problem gewesen. Ich erlebe es immer wieder, dass Autor*innen sehr, sehr, sehr lange nicht mehr in Bremen gelesen haben.

Bücher bei den Stadtmusikanten
© Rike Oehlerking

Bremen bewirbt sich jetzt darauf UNESCO City of Literature zu werden. Städte wie Heidelberg, Odessa und Barcelona tragen diesen Titel bereits. Was würde das für Bremen und das Literaturkontor bedeuten?

JL: Also erstmal wollen wir den Titel natürlich holen. Aber ich glaube, dass allein die Bewerbung schon ganz viel gebracht hat, denn dadurch konnten wir Projekte wie das digitale Literaturmagazin umsetzen. Die Stadt Bremen wird sich Mühe geben, diesen Titel zu bekommen und dann über die Jahre würdig zu vertreten. Dafür müssen Gelder bereitgestellt werden, die wir nutzen können, um neue Projekte umzusetzen. Ein weiteres Ziel, das wir in diesem Zuge umsetzen wollen, ist das Literatur- und Stadtmusikantenhaus. Aktuell arbeiten wir daran, dass es tatsächlich einen zentralen Ort für Literatur in Bremen geben soll. Also ein Ort, an dem wir Veranstaltungsräume und Seminarräume haben, zu dem Literaturbegeisterte kommen können und der niedrigschwellig ist und von verschiedenen Leuten aus allen Milieus und Generationen besucht werden kann.

In den letzten 40 Jahren hat sich ja nicht nur das Literaturkontor entwickelt, auch in der Literaturselbst spielen heute ganz neue Themen eine Rolle. Wie nehmt ihr das wahr?

JL: Ein wichtiger Punkt ist, dass für alle was dabei sein sollte. Unser Umgang mit Literatur sollte divers sein, im Sinne davon, dass er alle anspricht und eben nicht nur bestimmte Schichten oder bestimmte Milieus. Auch im neuen Literatur- und Stadtmusikantenhaus dürfen wir keinen Bildungsbürgertempel etablieren. Vielleicht muss man auch wegkommen von der Idee, dass Literatur immer etwas Erhabenes sein muss. Sie kann ganz, ganz vieles sein. Das muss man zeigen und bestimmte gesellschaftspolitische Themen aufnehmen. Auch da gilt es den Spagat hinzubekommen, sich nicht nur an bestimmte Milieus zu richten.

GS: Es war ohne Zweifel so, dass noch vor zehn Jahren eine literarische Lesung etwas Erhabenes und Steifes hatte. Wenn ein Autor eintrat, dann schwieg das ganze Publikum erwartungsvoll und dann begann die Lesung. Wenn man das vergleicht mit einer heutigen Lesung, stelle ich fest: Der Unterhaltungswert ist größer, als er es bei früheren Lesungen gewesen ist, und das Publikum kann sich eher eingebunden fühlen.


„Auch im neuen Literatur- und Stadtmusikantenhaus dürfen wir keinen Bildungsbürgertempel etablieren.“


Als abschließende Frage: Was denkt ihr, wie wird sich die Literatur in den nächsten 40 Jahre entwickeln? Und was kommt auf das Literaturkontor langfristig zu?

JL: Schwierige Frage! Ich glaube zumindest nicht, dass das Buch komplett untergeht. Das ist schon so oft totgesagt worden. Ich glaube, es wird auch immer weiter Menschen geben, die schreiben und es wird immer Menschen geben, die lesen. Aber natürlich stellt sich die Frage: Wie verändert sich der Medienkonsum? Wie viel wird in den digitalen Raum wandern? Durch Social Media, über Instagram zum Beispiel, geht es nicht mehr nur um das Buch, sondern um die Autor*innen selbst.

GS (schmunzelt): Wenn ich jetzt zwanzig Jahre vorausdenken würde, dann kämen Sie da vielleicht gerade von meiner Beerdigung zurück. Soweit kann ich mir die Zukunft gar nicht vorstellen, aber ich wünsche mir einfach von meiner Sozialisation her, dass Lektüre und Schreiben weiterhin eine Rolle spielt. Das wäre also mein Herzenswunsch. Vor allem, dass die Lust jedes Einzelnen, selber etwas zu lesen und sich mit dem Gelesenen schreibend auseinanderzusetzen, bleibt. In welcher Form auch immer das sein mag, digital oder analog.

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