Satzwende: Isabel Bogdan (2/2)

Das Bild zeigt das Gesicht eines Löwens.
© Rike Oehlerking

Einsamkeit II

Von Isabel Bogdan

Vor vielen Jahren lernte ich im Europäischen Übersetzerkollegium in Straelen am Niederrhein einen Kollegen aus Schweden kennen. Er erzählte, er sei gerade aus Stockholm weggezogen, aufs Land, in eine Region, die so groß sei wie Niedersachsen und so viele Einwohner habe wie Straelen. Etwa 15.000 Menschen. Ich fragte, ob ihm das nicht zu einsam sei. Er sagte: Weißt du – wenn man sowieso einsam ist, dann kann man das in der Einöde besser ertragen als in der Stadt, wo lauter Menschen um einen herum sind.

Es brach mir das Herz. Einsamkeit ist etwas anderes als Alleinsein. Alleinsein ist eine sachlich nachvollziehbare Tatsache: Wenn niemand anderes da ist, ist man allein, und das kann ganz wunderbar sein. Es gibt Menschen, die sehr viel allein sind, das aber herrlich finden und sich kein bisschen einsam fühlen. Einsamkeit ist im Herzen.

 

Mein erster Gedanke war: Wenn ich mich in einer Stadt einsam fühlen würde, dann würde ich mir den Literaturbetrieb (oder was auch immer mein „Betrieb“ ist) suchen, mich irgendwo einklinken, dorthin gehen, wo die interessanten Leute hingehen, Volkshochschulkurse buchen, in einen Verein eintreten, ein Ehrenamt ausüben, irgendetwas. Ich würde, statt es mir noch einsamer zu machen, Menschen suchen. Aber das bin eben nur ich, und der schwedische Kollege ist anders. 

Mein zweiter Gedanke galt dem Löwen aus der Unendlichen Geschichte. Den Roman las ich, als ich ungefähr vierzehn war, es ist also gut möglich, dass ich mich falsch erinnere, aber in meiner Erinnerung lebt dieser Löwe mutterseelenallein mitten in der Wüste. Und weil in der Wüste alles verglüht und stirbt, kann niemand zu ihm hereinkommen. Er selbst kann aber auch nicht raus, weil er die Wüste in sich trägt und die Wüste immer um ihn herum sein wird. Ich erinnere mich, wie schrecklich ich dieses Bild damals fand; heute weiß ich, dass es solche Menschen gibt, die die Einsamkeit in sich tragen, und ich finde es immer noch schrecklich. Gegen diese Art von Einsamkeit hilft es nicht, wenn Menschen um einen herum sind. Ich weiß nicht, ob irgendetwas dagegen hilft, ob solche Löwen glücklich sein können, oder ob sie Zeit ihres Lebens aus der Wüste hinausmöchten. Jemanden suchen, der den Schlüssel zu ihrem Herzen findet. Oder ob sie sich in ihrer Wüste vielleicht ganz wohl fühlen.

Ich habe keine Ahnung, was aus dem schwedischen Kollegen geworden ist. Damals klang er nicht, als würde er sich in seiner Wüste besonders wohlfühlen. Im Internet lese ich, der Löwe sei eine der optimistischsten Figuren in Phantasien.


Isabel Bogdan
© Rike Oehlerking

Isabel Bogdan

geboren 1968 in Köln, studierte Anglistik und Japanologie in Heidelberg und Tokio. Sie verfasste zahlreiche Übersetzungen, u.a. von Jane Gardam, Nick Hornby und Jonathan Safran Foer. 2011 erschien ihr erstes eigenes Buch, Sachen machen, bei Rowohlt, außerdem schrieb sie Kurzgeschichten in Anthologien. 2006 erhielt sie den Hamburger Förderpreis für literarische Übersetzung und 2011 den für Literatur. 2016 erschien ihr Bestsellerroman Der Pfau und 2019 Laufen. Beide wurden auch verfilmt. 2024 ist ihr Roman Wohnverwandtschaften erschienen.

Isabel Bogdan las im Rahmen der Lesereihe Satzwende am 03. Juni 2025 in der Bremer Shakespeare Company.

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