I
Der Blick der Turmfrau, der zeitweiligen „Schlüsselherrin“ zum denkmalgeschützten Simon-Loschen-Turm, erfasst das grüblerische Gesicht unseres Autors und ist in der Lage, beim blitzartigen Betätigen des Auslösers an ihrem Kamera-Apparat (sozusagen von Linse zu Linse) eine Art Verewigung zu ermöglichen: Was in diesem Fall, möchte man es mit einer gewissen erzählerischen Gültigkeit bescheinigen wollen, bedeutet, dass sie – ganz simpel – zu beweisen vermag, dass mir an diesem Tag (das Datum spielt hier keine besondere Rolle) im oberen Stockwerk des Turmes, in dem seinerzeit das Städtische Standesamt Heiratswünsche erfüllte, nach langjähriger Verlobungszeit, sprich: Ehelosigkeit, eben hier, die Aufhebung einer sträflich ausgelebten Illegitimität garantiert wurde.
Erst wenige Wochen zuvor waren wir, meine Frau und ich, friesisch-schlesische Glückskinder niederländisch-wangerländisch-rüstringer Herkunft noch erwartungsfroh als ins Großbremische Gemeinwesen „Zugezogene“ erfasst: Kinder von Eltern, die selten klaglos, sondern – wie die unseren – wohl die längste Zeit ihres Lebens niedergedrückt von der Ungemach der Zeiten standhaft für uns Sorge trugen. Mein Vater zum Exempel, als kriegsversehrter Soldat und Maurermeister ein Vielgeplagter, der mich – wie selbstverständlich – immer als einen in seinen Fußstapfen Heranwachsenden ansah, die Mutter, eine geborene van der Veen, folgte – der Not gehorchend – dem sinnenfrohen Hallodri-Opa, einem vielfach preisgekrönten Taubenzüchter aus Heiloo: So spiegele ich mich meinerseits darin als eine Art Doppelexistenz, die ich wohl bis an mein Lebensende als ein wohlabgerundetes Halb-und-Halb-Heilsversprechen empfinden werde: zufrieden in der Existenz eines Fliegenden Holländers mit leicht verrutschter friesischer Poetenkappe, früh ausgebildet für das freche Leben in Bäumen und das Schlittenfahren über Gräber hinweg.
II
Sinnierend geht mein einstudiert melancholischer Junggesellenblick über den Neugier auslösenden Zweckbau der neuen Schleuse hinweg an der betongrauen Nordwand des Zoos am Meer entlang weit über den hier zumeist noch sanften Wellenschlag am Kai des Willy-Brandt-Platzes und das imponierend grantig geöffnete Wesermaul hinaus, genau bis dorthin nämlich, wo aus dem Trübwasser der Weser auf der Höhe Blexen, also der ködernd farbmächtig wabernden Grünkultur Butjadingens dahinter und schräg gegenüber artverwandt, direkt dem Containerhafen vorgelagert, je eine bluttriefend – jedwedes Humanmaß menschlichen Planens und Wollens verhöhnende – Bausünde ins Auge springt: Langlütjen I und II. Kanonenbewehrt trat man hier einst in kriegerischer Montur dem Feind entgegen. Heute sind dort – nicht zählbar – nur noch Fledermäuse im Nachtdunkel zuhause. – 1933 bis 34 erlangte Langjüten II eine zweifelhafte Berühmtheit als „Schutzhaftlager“ (provisorisches KZ) der SA.
Meinem Tagebuch damals, das leider verlorenging, war zu entnehmen, dass ich mich seinerzeit für eine längere Weile gemeinsam mit einem Flüchtling namens Huckleberry Finn auf einem Floß befunden habe – und erst nach langer stürmischer Reise unterhalb der Strandhalle und angelockt vom Affengeschrei im Zoo oberhalb der lange Zeit sturmgefährdeten alten Kaje wiederfand. Auch im Magistrat schlugen seinerzeit wegen Kaje, Zoo, Schleuse und dem „schiefen Turm“, der als Leuchtturm nach Plänen des Bremer Architekten Simon Loschen 1853 bis 55 im Stil der norddeutschen Backsteingotik erbaut wurde, die Wellen hoch. Als Betriebsstoff wurde übrigens lange Zeit Rüböl verwendet. Und im „Hohen Haus“ in der Hinrich-Schmalfeldtstraße soll die Streitlust (wie auch die immer wieder höchst alarmierend überhitzte Debattenkultur zwischen den hansestädtisch und seehafenstädtisch geschwisterlichen Politikern) oft genug ähnlich befeuert gewesen sein.
Der bis weit über die Grenzen der Seehafenstadt mit ihrem alsbald prosperierenden Geflecht aus kluger Geschäftigkeit und kalkuliertem Wagnis bekannte Kaufmann und Hobbyhistoriker Karlheinz Mein war nicht nur ein kundiger Wegweiser durch die beispiellos wechselnde Ortsgeschichte Weddewardens, die er druckreif zu beplaudern wusste, sondern für viele Nachbarn, für seine Kundschaft wie nicht selten auch für Durchreisende und Hinzugezogene der stets erreichbare „Retter in der Not“: Bei ihm kaufte ich mein Brot, meinen grotesk großen Keksbedarf, meine Tinte und meine Radiergummis, meinen Campari, als der mir noch erlaubt war und guttat, meine Frikadellen, wenn nötig meine Tüte Gips, weil ich beim Anbringen eines neuen Bücherregals mich wieder einmal vermessen oder beim Umgang mit der Bohrmaschine torfig benommen – und nun dringlich allerlei grauslich auffällige Löcher zu stopfen hatte. Und mit Blick aufs vorhersehbare österliche Schlechtwetter konnte ich bei Mein sogar neue Gummistiefel kaufen für den Wattspaziergang mit Freunden und selbst noch am Ostersonntag Bargeld bekommen, weil er befugt war, seinen Dorfladenkunden gegen Vorlage eines speziellen Sparkassen-Schecks nahezu unbegrenzt „dringlich bedingt aus der Patsche zu helfen“.
III
Von Weddewarden aus, dem aus meinem Blickwinkel wohl unbestritten dörflichsten – heute mehr als 900 Jahre alten – Winkel im Norden der vielgestaltigen Seehafenstadt, einem beinahe täglich vom gleichermaßen machtvoll wie krisenhaft sich voranwälzenden Moloch, dem Containerhafen, der grenzüberschreitend längst auch den niedersächsischen Nachbarn bedrängt, habe ich beinahe drei Jahrzehnte lang ebenso heiter und froh wie nicht selten auch zerknirscht (zum Beispiel den wachsenden Lehrstand in vielen Stadtbezirken ohnmächtig registrierend) die urbanen und kulturellen Fixpunkte für mich erkoren – und mich an manchen Orten wie von Magneten angelockt gefühlt und inspirieren lassen: So zum Beispiel 25 Jahre in Stetigkeit vom Friedrich Schiller-Haus der VHS, wo Jahr für Jahr zumeist in klammer Winterzeit – bis hindurch sieben Abende lang in dichter Folge – die Literarische Woche zu erleben war. Ein nicht selten rauschhaftes Fest, das häufig erst spät in der Nacht zum herannahenden mondbeschienenen Morgen hin – schnapsig beseelt – im Kaiserhafen, der „Letzten Kneipe vor New York“ endete.
Schlendernd komme ich über die Deichbrücke, links liegend längs der Geeste das Historische Museum mit so vielen Glanzstücken zur Stadt- und Hafengeschichte, in die sogenannte „City“ von B., die es ja eigentlich „gar nicht gibt“. – Nur wenige Schritte weiter biege ich links ab ins Quartier der Hochschule, an Ilja Kabakows Kunst-Kubus (The Last Step), einem „tiefen Geheimnis“, das sich mit der Geschichte der Auswanderer auseinandersetzt, vorbei, bis zum Caspar David, um meine „Order“ für Schwarzen Tee und einen Pfannkuchen mit Zimt und Eis loszuwerden. Tagträumerisch trete ich später satt und zufrieden hinaus, grüße den verlässlich ins Rund schauenden hölzernen Wächter von Balkenhohl oben auf seinem Stammplatz am Hauseck aus nordischem Klinker, gehe versonnen die wenigen Schritte über die Straße von einem zum anderen Haus der Kunst, um mich dort Radziwill zuzugesellen. Ein Ruhebett, wie er es einst – nicht weit von hier in Dangast am Jadebusen – für seine Frau Johanna bemalt hat, würde mir jetzt gefallen, da könnte ich zurückdenken an jenen Sonntag, 13. Juli, barfuß in der Nachmittagssonne im Schatten des Rhododendronzwerges: Beckmanns Bild Am Strand von Wangerooge betrachtend (leider nur als Reproduktion, selbst die Farben musste ich mir dazudenken, das Eisenweiß der Gischt und das Blauschwarz der Beinkleider der Spaziergänger vorn). – Aber jetzt strecken wir hier die müden Beine aus ... legen die Äderchen bloß, damit das Uraltmeer zu unseren Füßen sich weiter erhitzen kann, so jedenfalls will es der Chronist in meinem fiktiven Tagebuch (Auf Biegen und Brechen) vom Juli bis Dezember 2014.
Und allmählich mühsam Atem holend wird mir klar – so lese ich´s für einen Moment aus guten Gründen im vorerwähnten Tagebuch weiter: Wir wollen uns noch ein wenig umsehen hier und da, `n bisschen hochpäppeln diesen Narrentraum von der Schlankfüßigkeit der Passatwinde, auf denen wir davonkämen, würde es nur einmal noch – ein einziges Mal – ohne großen Ärger abgehen, wenn wir uns weigern sollten, die Hände vom Steuer zu nehmen ... Wir erleben doch nur noch selten solche Volltreffer, wenn wir uns mühen – und in den Schoß fällt uns schon gar nichts, außer dem üblichen, ja, unvermeidlichen Taubendreck.
IV
In meinem Tagebuch, gut zehn Jahre zurückblätternd, entdecke ich unter dem vorangestellten Datum 9. August (2014) den aufschreckenden Hinweis: 2 Tage zuvor: Eddy * 90 – hoffentlich wird ihm nie einmal klar, dass auch er langsam älter wird! – „Es ist so unrühmlich“, hör ich ihn grummelnd schimpfen in meinem Traum. Und ich höre ihn leiden an der Angst, die längst eingetreten ist, obwohl kaum jemand, den ich kannte in diesem Alter, so bärenfüßig tänzelnd, so wach und freundlich seinem Gegenüber anhaltend erregt Aufmerksamkeit zu schenken vermochte. Ich bin sehr froh und dankbar, ihn eine lange – mich vielfach bereichernde – Zeit gekannt und als sorglichen, mich behütenden Freund immer nahbei erlebt zu haben. Nun ist er tot – und fasst mich dennoch an, unverhofft, so dass ich schwelgen kann in Erinnerungen. Und hierhin gehört deshalb auch – dringlich – sein Name: Eddy Lübbert. Er ist Ehrenbürger Bremerhavens – und schmückt mit seinem Namen die rühmliche Liste der so geehrten Männer und Frauen, die sich verdient gemacht haben in ihrem jeweils hervorragenden Wirken für die Seehafenstadt, auf vielfältige und besondere Art und Weise.
Eddy Lübbert, groß geworden zuvörderst als kenntnisreicher Händler edler und wertbeständiger Produkte der Fischwirtschaft, der schon als Jugendlicher im väterlichen Geschäft solide Kenntnisse seiner Branche erwarb und diese weltweit fruchtbar werden ließ, erwarb sich vielerorts den Ruhm eines großen Unternehmers und sozialen Wohltäters. Dankbar spendete man Beifall dem Förderer des Stadttheaters, der Hochschule, des Deutschen Schifffahrtsmuseums, wie auch des Historischen Museums, des Zoos am Meer, sowie des Jeanette Schocken Preises, dem Bremerhavener Bürgerpreis für Literatur und des international renommierten Literaturjournals die horen. Seit 1999 hatte er die Patenschaft für den Verein Leben mit Krebs inne und verschaffte den hier, in der Seehafenstadt ehrenamtlich engagierten Menschen das dringend nötige „Dach über dem Kopf“.
Betrat noch vor kurzem in seiner Dienstzeit, die jetzt endete, Rainer Moritz den repräsentativen Saal des Hamburger Literaturhauses, der lange Zeit als dringlich reparaturbedürftig galt, so war jetzt von ihm das schier überschwängliche Lob zu hören: „Jeden Tag empfinde ich es als großes Glück, unseren so aufwendig wie liebevoll restaurierten Festsaal betreten zu dürfen. Was für ein Glanz! Was für eine einladende Atmosphäre!“ – Der Saal trägt heute nach seiner Sanierung den Namen Eddy Lübberts, dessen mäzenatische Noblesse würdigend.
Den Hamburger Verantwortlichen sei Dank gesagt. Und ich scheue mich nicht, an dieser Stelle den Verantwortlichen in B. den Ideenreichtum, den kreativen Eifer und die politische Weitsicht der nachbarlich so löblich entschlossenen Hanseaten abzuverlangen und für die Entwicklung und Umsetzung einer vergleichbar rühmlichen Gedankentat, bleibend fruchtbar werdend in und für B. einmal tief Luft zu holen.
Mir fällt (während vor meinen Füßen haufenweise Schneegedichte zu Boden flattern, wo sie sofort zu schmelzen beginnen) Kierkegaards Furcht und Zittern in den Schoß. Was will ich zuvörderst? Hier auf Erden? Hier am Rand der raumen See? Flüchten? Voranpreschen? Alleinsein? Schlafen? Aufschrecken, weil so Vieles noch zu rühmen wäre? Kleine dumme Fragen ... und im verkritzelten Terminkalender häufen sich die Hinweise auf vorletzte Wünsche. – Ach ja: Einmal noch Cap Horn! Ja, richtig: Cap Horn mit einem „o“. Im Internet lässt es sich auch heute, wohl weil es „für immer und ewig beliebt, berühmt und manchmal wegen Überfülle geschlossen war“, nun aber längst nicht mehr existiert, und auch von der bunten Szenekarte des Fischereihafens in B. nahezu verschwunden ist, durchaus noch finden. Und in meiner ramponiert durcheinandergeschüttelten Erinnerungskiste natürlich auch. Und das vor allem deshalb, weil ich das Glück hatte, hierher sporadisch, wenn ihm danach war (und es mal wieder allerlei sorgenvoll „auf die Kante Gestapeltes“ zu bereden gab) von ihm, dem guten Freund und Wohltäter Eddy, eingeladen zu sein.
Aber das ist nun – wie gesagt – lange schon vorbei. Die Lokalzeitung erschien zu den Glanzzeiten des „Geheimtipps“ Cap Horn noch einmal mit einer rühmenden Meldung, dem Headline-Doppel „Von der Hafenkneipe zur kulinarischen Institution – Cap Horn im 58. Jahr beliebt wie nie“. – Eddy Lübbert hatte überstürzt angerufen: „Ich hab für heute Mittag bestellt. Der Einfachheit halber gleich für zwei Personen, damit uns da nichts entgeht: Schellfisch und hinterher natürlich „unseren“ unvermeidlichen – nur hier, im Cap Horn, so einzigartigen Schokoladenpudding. Nun mach Dich mal fix auf die Socken! – Reinhard Müller hat schon die Pfannen vorgeheizt – und seine Frau, so feixen die beiden, „sucht noch nach dem Rezept für den Schokoladenpudding!“
V
Noch ein letzter kleiner Schlenker zum Kehraus. In meinem Tagebuch, das mich noch einmal lockt, dort plietsch „um die Ecke“ zu plieren, lese ich dies: Silvester 14, Atemnot. Dämmerschlaf: Schnell noch, möglichst unaufgeregt, dies und das in die Waagschale häufelnd, räume ich auf meinem Nachttisch auf. Draußen auf dem Stationsflur blitzt alles und blinkt, im blankgebohnerten Linoleum spiegelt sich der Adventsschmuck, ein paar Kerzenstummel flackern zum Lichtertod hin. Ich geh vor der Nacht noch vier, fünf Mal auf und ab, mein Pensum erfüllend – und bestaune wenig später in der Unruh des Halbschlafs bei schon abgedunkeltem Zimmerlicht die traumselig sich abzeichnende ruhende Acht (eine heikle Vergangenheits-Lemniskate, ein Verschwörungsindiz?). In meinen Ohren krachen Wohntürme und Krankenhäuser unter Beschuss in Trümmerberge vergangener Kriege (die ich zum Glück nie erleben musste: wir sind auf dem zugefrorenen Bombentrichter gegenüber von unserem Haus am Priel Schlittschuh gelaufen), grell furchen Blitze durch mein Gesicht und ich meine getrocknetes Blut zu riechen, meine Beine scheinen vergraben unter dem Schutt – und dennoch ist mir nicht bang. Ich weiß nicht, dass ich träume. Ich bin sicher, wach durch die grell erleuchteten Straßen zu taumeln, aber ich taumele nicht, ich tanze. Alle um mich herum tanzen und lachen, weit hinten, in einem Garten mit Laternenlicht und einer Kapelle, die auf Blech drischt und Funken aus bunten Hüten schlägt, werden Leuchtraketen gezündet. Ich träume, dass ich schlafe – und irgendeinen Schmerz, laute Wellen aus Ach und Weh, spüre ich schon länger nicht mehr.
Johann P. Tammen
studierte Germanistik, Geschichte und Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Oldenburg. Von 1967 bis 1969 war er in der Redaktion des Stern tätig, und von 1969 bis 1976 arbeitete er in Verlagen in Wilhelmshaven und Bremerhaven. Seit 1976 lebt er als freier Schriftsteller in Bremerhaven. Nachdem er bereits seit 1970 der Redaktion der Literaturzeitschrift Die Horen angehörte, war er von 1994 bis 2011 Herausgeber der Zeitschrift. Seit 1980 gibt er die Buchreihe Edition Die Horen heraus. Johann P. Tammen ist Verfasser von Prosatexten, Kritiken, Essays, Gedichten und Hörspielen.
Zum Autorenprofil von Johann P. Tammen