Internationaler Tag der Muttersprache op Platt!

Eine bunte Schale mit Schlüsseln, einer ist mit "PLATT" beschildert
© Rike Oehlerking

Am 21. Februar feiert die UNESCO den Internationalen Tag der Muttersprache. Deshalb hat Christine Glenewinkel einen Beitrag auf Plattdeutsch verfasst. Eine Sprache, die ihr neben ihrer Muttersprache Deutsch sehr wichtig ist. Höört wi mal rein!

Dieser Beitrag ist Teil einer digitalen Ausstellung zum Internationalen Tag der Muttersprachen unter dem Titel No Tongues Left to Chant, die von der UNESCO City of Literature Manchester organisiert wird. Neben Plattdeutsch sind hier viele weitere Minderheitensprachen wie Gälisch, Friesisch, Irisch und Schottisch vertreten.

Zum Beitrag in der Ausstellung


Selenslötel

Christine Glenewinkel
 

Ik sitt vör mien Reekner un sinneer, wat ik al op Platt schreven heff. En poor Gedichten un twee Geschichten.

In de en Geschicht denk ik daröver na, wo dat woll sien warrt, wenn mien Modder nich mehr is. En Dag nadem ik dormit en Pries wunnen heff, is mien Modder dootbleven. 

In de annere Geschicht schriev ik över mien Vadder as lütten Jung, de na sien groten Broder söökt, wiel he nich verstahn kann, dat he nie wedder to em toröchkummt. De Broder vun mien Vadder storv mit twölf Johren an Krebs.

Düsse Geschichten harr ik nienich op Hoochdüütsch schrieven könen. Op Hoochdüütsch harr ik versöcht mi vun‘ Kopp her aftosetten or weer ünner Tranen tohoopbraken. Ik harr över düsse Stoffen vun Harten oordeelt, harr se as geföhlsduselig un toglieks as nich deep noog afdoon.

Op Plattdüütsch güng dat Schrieven heel licht. Op Platt hett en anners Ik in mi schrieven. En oprecht Stimm, de as en Lüttkind an de Hand vun en wussen Minsch löppt, de dat Kind eenfack maken laat. En Stimm, de sik nich toeerst schaamt, man toeerst föhlt. En Stimm, de nich lamenteert, sünnern maakt un weet, dat dat Hart recht hett.

Mien Öllern hebbt keen Platt snackt. Ik heff de Spraak op egen Initschatiev lehrt. Plattdüütsch is för mi en Oort vertrute Frömdspraak. 

Ik fraag mi, wo dat weer, wenn ik noch mehr Frömdspraken kunn. Welke Geschichten wöör ik op greeksch, araabsch or japaansch vertellen? Wo wöör ik de vertellen? Un wat wöör ik dorbi föhlen?

Jedeen Spraak is en Slötel to de Seel vun de Minschen, de se snackt. Jedeen Spraak, of Welt- or Minnerheiten-, besitt egen Energien, de in de Snackers mitswingen un us Welt in’t Ganze utmaken doon. Geiht en Spraak verloren, geiht en Deel vun us Welt verloren. 

Dat heff ik dör Plattdüütsch eerst richtig begrepen.

Zum Nachlesen:

Seelenschlüssel
 

Ich sitze vor meinem Rechner und sinniere, worüber ich schon auf Plattdeutsch geschrieben habe. Ein paar Gedichte und zwei Geschichten. 

In der einen Geschichte denke ich darüber nach, wie es wohl sein wird, wenn meine Mutter nicht mehr ist. Einen Tag nachdem ich damit einen Preis gewonnen habe, ist meine Mutter gestorben. 

In der anderen Geschichte schreibe ich über meinen Vater als kleinen Jungen, der nach seinem großen Bruder sucht, weil er nicht verstehen kann, dass er nie wieder zu ihm zurückkommt. Der Bruder meines Vaters starb mit zwölf Jahren an Krebs. 

Diese Geschichten hätte ich niemals auf Hochdeutsch schreiben können. Auf Hochdeutsch hätte ich versucht, mich intellektuell zu distanzieren oder wäre weinend zusammengebrochen. Ich hätte über diese Stoffe des Herzens geurteilt, sie als gefühlsduselig und gleichzeitig als nicht tiefgehend genug abgetan. 

Auf Plattdeutsch ging das Schreiben ganz leicht. Auf Platt hat ein anderes Ich in mir geschrieben. Eine ehrliche Stimme, die wie ein Kind an der Hand eines Erwachsenen läuft, der das Kind einfach machen lässt. Eine Stimme, die sich nicht zuerst schämt, sondern zuerst fühlt. Eine Stimme, die nicht lamentiert, sondern macht und weiß, dass das Herz recht hat. 

Meine Eltern haben kein Plattdeutsch gesprochen. Ich habe die Sprache auf eigene Initiative erlernt. Plattdeutsch ist für mich eine Art vertrauter Fremdsprache. 

Ich frage mich, wie es wäre, wenn ich noch mehr Fremdsprachen beherrschen würde. Welche Geschichten würde ich auf Griechisch, Arabisch oder Japanisch erzählen? Wie würde ich sie erzählen? Und was würde ich dabei empfinden? 

Jede Sprache ist ein Schlüssel zur Seele der Menschen, die sie sprechen. Jede Sprache, ob Welt- oder Minderheiten-, besitzt eigene Energien, die in den Sprechenden mitschwingen und unsere Welt im Ganzen ausmachen. Geht eine Sprache verloren, geht ein Teil unserer Welt verloren. 

Das habe ich durch Plattdeutsch erst richtig verstanden.

Key to the Soul
 

Here I am, sitting in front of my computer trying to work out what I've already written about in Low German or ‘Plattdeutsch’: a bunch of poems and two stories. 

In one of these stories, I reflected on what it would be like when my mother was no longer with us. The very day after I won a prize with the story, my mother died.

The other story is about my father when he was a little boy searching everywhere for his elder brother because he could not understand that his brother would never return; my father's brother died of cancer at the age of twelve.

I could never have written these stories in High German. In Standard German I would either have tried to distance myself intellectually or have broken down in tears. I would have passed judgement on this material close to my heart; I would have dismissed it as sentimental and superficial to boot.

In Low German the writing was no problem at all, for in ‘Plattdeutsch’ it was another ‘me’ who was writing. An honest voice, like a child walking in the hand of a grown-up who lets the child just do as it wishes. A voice that does not start out ashamed but feels first. A voice that doesn’t complain or lament but acts and knows that the heart is always right.

My parents could not speak Plattdeutsch; I learned it on my own initiative, so for me it is like a familiar foreign language. I wonder what it would be like if I could speak more foreign languages; what stories would I tell in Greek, Arabic or Japanese? And how would I tell them?

Every language is the key to the soul of the people who speak it. Every language, whether a global or a minority language, has its own energies, which resonate in its speakers and all come together to form our world as a whole. When we lose a language, we lose a part of our world.

That is what I have learned through Plattdeutsch.

Translation: Ian Watson

Kaai ta de siel
 

Ik sit achter myn kompjûter en lit myn gedachten gean oer wat ik al skreaun ha yn it Platdútsk. In pear gedichten en twa ferhalen.

Yn it iene ferhaal tink ik deroer nei hoe’t it wêze sil as ús mem der net mear is. In dei neidat ik dêrmei in priis wûn ha, is ús mem stoarn.

Yn it oare ferhaal skriuw ik oer ús heit as lytse jonge, sykjend om syn grutte broer, omdat er net begripe kin dat dy noait wer by him weromkomt. De broer fan ús heit stoar oan kanker doe’t er tolve jier wie.

Dy ferhalen hie ik noait yn it Heechdútsk skriuwe kinnen. Yn it Heechdútsk hie ik besocht om my yntellektueel te distansjearjen of wie ik yn triennen útbarst. Ik soe oer dy dingen fan it hert oardiele ha, se ôfdien ha as sentiminteel en tagelyk as net djipgeand genôch.

Yn it Platdútsk gie it skriuwen as fansels. Want yn it Platdútsk wie it in oar ik yn my dy’t skreau. In earlike stim, dy’t as in bern oan ’e hân fan in folwoeksene rint, dy’t dat bern gewoan dwaan lit. In stim dy’t him net earst skammet, mar earst fielt. In stim dy’t net klaget, mar docht en wit dat it hert gelyk hat.

Us heit en mem praten gjin Platdútsk. Ik ha de taal op eigen inisjatyf leard. Platdútsk is foar my in soarte fan fertroude frjemde taal.

Ik freegje my ôf hoe’t it wêze soe as ik noch mear frjemde talen koe. Watfoar ferhalen soe ik yn it Gryksk, Arabysk of Japansk fertelle? Hoe soe ik se fertelle? En wat soe ik dêrby fiele?

Elke taal is in kaai ta de siel fan de minsken dy’t him sprekke. Elke taal, oft it no in wrâldtaal of in minderheidstaal is, hat eigen enerzjyen dy’t resonearje yn de sprekkers en meielkoar ús wrâld ta in gehiel meitsje. As in taal ferlern giet, giet in part fan ús wrâld ferlern.

Dat ha ik troch it Platdútsk pas echt goed begrepen.

Translation: Ytsje Steen


Viel- und Mehrsprachigkeit sind sowohl in Bremen, als auch in Leeuwarden wichtige Bausteine der Identität. Während in Bremen insbesondere am International Mother Language Day die Bedeutung des Niederdeutschen sowie vieler weiterer Fremdsprachen, die in Bremen durch den kontinuierlichen Zuzug gesprochen werden, thematisiert wird, ist in Leeuwarden vor allem Friesisch sehr präsent. Um die Bedeutung dieser Sprachen zu verdeutlichen, haben die Cities of Literature Bremen und Leeuwarden kooperiert und das ursprünglich niederdeutsche Gedicht von Christine Glenewinkel ins Friesische und das ursprünglich friesische Gedicht von Jan Kleefstra ins Niederdeutsche übersetzt. Deutlich wird: Poesie kann viel- und mehrsprachig!


Christine Glenewinkel

wurde 1970 in Hamburg geboren und studierte Kunst- und Kulturwissenschaften in Bremen. Anschließend absolvierte sie eine Ausbildung zur Drehbuchautorin. Sie hat im Bereich der bildenden Kunst, in der Filmbranche und in verschiedenen Kulturprojekten gearbeitet und geschrieben. Seit 2015 ist sie frei als kulturwissenschaftliche Concepterin und Autorin sowie als Gästeführerin für verschiedene Kulturinstitutionen und Unternehmen in Bremen tätig. Sie engagiert sich für Plattdeutsch, ist Beirätin des LzN sowie des INS Bremen, leitet das Bremer Klöönwark und hat das Bremer Platt-Festival PLATT Land Fluss! 2021/2023 initiiert und mitgestaltet. Mit ihrem Mann tritt sie als Duo JO! auf und hält plattdeutsche Lesungen. 

Das Portrait zeigt Christine Glenewinkel.
© Caro Dirscherl

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